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Gedichte, Lyrik, Poesie

Weltspuk
162 Bücher



Max Dauthendey
Weltspuk . 1. Auflage 1910



Messina im Mörser

Episches Gedicht

Aus meinen Gedanken der Groll nur schwer flieht,
Seht, die Erde geriet ins Wanken, die uns tragen soll.
Ihre Steine wurden lebendig, wie wilde Pferde, und toll,
Daß die Welt ihre Gräber weit aufspringen sieht
Und Schlafende und Wachende, als Staub, in den Staub zieht.

Aus einer Stadt wurde schnell ein Skelett, das will kippen.
Das Meer schoß groß von der Stell' und machte sich an Menschen fett.
Die geordneten Straßen zerbiß es zu Höhlen und Klippen;
Und manches Meerschiff warf es ans Land, wie ein Brett.
Ein tausendfacher Schrei aufstand, der jetzt ewig dort Hilfe ruft;
Jedes Haus brüllte als Massengrab, jede Gasse als Massengruft.
Und nie mehr schweigt dort die Luft, auch wenn sie sich still zeigt,
Dort, wo endlos ein unendlicher Schmerz auf der gespanntesten Saite geigt.

Wer schüttete über unsere Gesichter diese Tränen ohne Mut?
Wer tat eine Stadt in den Mörser mit Wutgebärde?
Wer zerstampfte schlafende Menschen zu Mehl und Blut?
Ist es dieselbe, die uns wohl tut, dieselbe Erde?

Wir erwachen und sehen die Wände sich spalten,
Die Sterne, die blauen, erscheinen, wir schauen in einen Rachen.
Wir stürzen, und die Hände, an die wir uns halten,
Werden Knöchel eines Toten, daß wir wahnsinnig lachen,
Und unser Gelächter endet im Schmerzgeröchel.
Die Erde selbst spielt den blutigen Schächter,
Und das viele Blut weiß nicht, wohin es will.
Die Sonne erscheint, aber wer weiß, was sie tut?
Die unter den Steinen liegen jetzt totenstill.
Glaubt die Sonne, die Toten wurden gerechter?
Die Sonne beklag' ich, wenn sie zu richten meint.
Ein ewiger Tag ist an ihre Scheibe gemauert,
Daß man die Sonne erstaunt anweint,
Die trostlose, die ewig glückselig weiterscheint.

Von der mütterlichen Erde zertreten, daß die Menschheit erschauert,
Nicht länger als ein Vaterunser dauert, starb eine Stadt.
Lebewohl, Messina! Du sei von allen Städten betrauert.
Lebewohl, Messina! Du, die wie wir auf die Erde vertraut hat.

Nicht beschwichtigen kann die Morgensonne im Höhersteigen,
Sie will dem Schrecken den Weg hell zeigen.
Sie läßt Rauch und Feuer das Blut belecken
Und will ein neues Ungeheuer, das Tagesgrauen, erwecken.

Sieh, die totesten Dinge haben sich als Folterknechte aufgestellt,
Spielen noch ihr Totenspiel, als die Sonne ihr Licht hinhält.
Es hat ein Balkongitter sich zur Kralle verwandelt,
Wurde meuchlings zur Menschenfalle, hat zugegriffen und wie lebend gehandelt.
Es wurde zum Eisenungeheuer, hält am Fuß eingezwängt ein junges Mädchen schwebend,
Die hängt kopfüber herab am Gemäuer, wie an krummer Gabel über dem Feuer.
Sie fegt die Luft mit den Haaren, wie ein Pendel bewegt,
Und gleichmäßig ihr Kopf an die Mauer anschlägt.
Ihr Geschrei gellt, als will sie die Totenscharen, die zerschellt sind, aufwecken,
Die nackten Toten, die im roten Straßenpflaster stecken.
Hinauf reicht niemand zu ihr, die Kopfüberhängende befreit keine Hand,
Bis sie nach Stunden, als kalte Masse, todstill wie die Gasse stand.
Der verrenkte Balkon im Morgenlicht sich grausig als Grimasse aus Eisen gefiel.
Denn alle sonst toten Dinge waren Dämonen geworden
Und spielten ohne Verschonen ein Totenspiel.

Sonne! Kehrst Du nicht um? Kehr'zurück nach Osten!
Wieviel Seufzer muß Dich Dein Morgenweg heute kosten.

Sieh, das rote Menschenblut kommt breit gegangen, wie aus Blut eine Sündflut.
Es rennt im weißen Kalk, stumm wie viele rote Schlangen, an den Wänden herum
Und sieht sich mit langen Fangarmen auf den Haustrümmern um.
Man könnte wähnen, es trieft nach der Menschenjagd den Steinungeheuern Blut aus den Mähnen.
Die zerrissenen Häuser, die gleich Mäulern gähnen, zeigen gerötetes Balkenwerk gleich blutigen Stoßzähnen.
Und es irren die Blutströme vogelfrei, wie auf Schlachttischen, auf die Gassen;
Vielerlei Blute mischen sich, auch die Blute, die sich hassen.
Und Blut, das im Leben nie geruht, sich auch im Tode keinen Einhalt tut,
Will hinstreben zum Leben, das ihm Liebe gegeben,
Und nach der Mutter sucht Kinderblut.
Ein Weib, vom Schutt halb bedeckt, auf den Rücken gestreckt, unter Balkengewalt,
Liegt mit roter Maske im weißen Kalk, vom Blut rot bemalt,
Unter warmen Blutbächen, die über ihr aus zerborstener Zimmerdecke brechen.
Das Blut rennt immer noch heißer herbei, immer geschwinder, als will's zu ihr sprechen,
Das Blut ihrer sterbenden Kinder, das zur Mutter hin will, auf die Mutter herab
Und dem Weib ins Gesicht. Ein jeder Tropfen ihr Abschied gab,
Bis sie allmählich dann fühlt, daß das Blut sich kühlt,
Und sein Strom wird schwach, aber steht noch nicht still.
Und der Söhne Blut hat, noch kalt nach Stunden,
Den Weg ins Gesicht der Mutter gefunden.

Und Du, Sonne, gehst golden und jung wie immer
Durch die dachlosen, blutgetränkten Zimmer!
Die sind aufgebrochen wie hohle Nußgehäuse,
Und drinnen liegen bei verwelkten Menschen noch unverwelkte Blumensträuße.
Du, Sonne, siehst Geretteten nach, aber kannst die nicht mehr locken,
Die als Wahnsinnige auf verkohlten Balken wie Gespenster hocken.
Nacht nicht und kein Taglicht kann die mehr kümmern.
Die sind nur noch Schatten und suchen Menschen unter den Trümmern.
Sonne, Du kannst diese Gesichter nicht mehr beglänzen mit Deinem Brand.
Du fällst aus ihren Mienen heute ab wie der rieselnde Sand.
Diese Gestalten werden nie mehr hell in Deinem alten Licht erscheinen.
Sonne, warum lernst Du vor diesen nicht heute das Weinen.
O Sonne, sollen Dich Menschen noch lieben, mußt Du Dich heute umnachten,
Mußt Du, wie ein Menschenauge, diese Stadt durch Tränen betrachten.

... Und die Sonne ging unter. Und Sturzregen fiel über Regen.
Sieben Tage beweinte der Himmel Messina auf den zertrümmerten Wegen.
Und draußen das Meer gab langsam die Toten wieder her.
Aber drinnen die Stadt blieb totenleer, soviel auch mancher hineingerufen hat.
Es fragten nur kreuz und quer die Steinhaufen:
Wer ruft? Wer will mit uns raufen?
Dann kamen die Helferscharen mit Bahren, mit Verbänden gelaufen.
Aber wer fand vor dieser Hydra von Unglück in seinen Händen ein Retten,
Auf diesen Stätten, wo immer ein Töten hinter dem andern Töten aufstand,
Ein Verstümmeln, ein Ersaufen, ein Verbrennen, Stück um Stück,
Daß die Pestgerüche der Kadaver fortrennen, wiestinkende Boten, über das Land
Und melden: Hier ist Totsein, Glück und Weiterleben ein Unverstand.

Die Sonne kam wieder und hat ihren Weg nicht unterbrochen.
Sie geht über Balken, die zerschlugen einem jungen Weib Glieder und Rückgratknochen,
Und unter Gegreine ist von der toten Brust der Säugling fortgekrochen.
Der rutscht herum und tappt, wie im Dunkel, im Sonnenscheine
Hin zu den Bächen voll Blut, und Pflastersteine säugen das Kind.
Steine säugen mit Blut, als ob da Bäche voll Muttermilch sind,
Als ob der Kindermund an lebenden Brüsten ruht.
Und das Kindlein schläft ein, genährt und gesättigt
vom blutenden Stein.

Du, Sonne, Du solltest heute ein blinder Totenkopf sein,
Ohne Augen, aus Knochen eine Klippe bloß,
Daß sich Dein Licht nicht geschändet und machtlos fühlt,
Wenn vor seinem Angesicht so viel Menschenwärme an einem Tag endet und verkühlt
Und eine ganze Stadt voll Därme und Gerippe zum Himmel hinsteht;
Wo ein einziger Augenblick so viel Unschuld erschlagen hat, daß aller Menschenmut vergeht.

O daß Deine Mittagsscheibe sich nicht wendet und dunkel werden mag!
Ungeheuerliche Sonne, hast Du kein Herz im Leibe für diesen grimmigen Sterbetag?
Du willst nur weitergehen wie immer, sorglos und heiter;
Magst niemand beistehen, bist nur des Unglücks lachender Begleiter!
Du begegnest einem dort, der irrt schon acht Tage durch zerbrochene Kammern.
Er wird nicht von Hunger, Schlaf und nicht vom Verwesungsgestank verwirrt.
Er behorcht jene Mauern, in die seine schlafende Braut versank.
Er muß sich an Leichen, als wären sie Freunde, anklammern.
Manchmal glaubt er, daß er die Liebste hört, daß ihr Lachen girrt,
Aber es ruft aus der Mauernstille nur sein Wunsch und Gedank.
Endlich, am neunten Tage, fällt er um und schläft ein.
Doch seine Sehnsucht nicht mit in den Schlaf versank,
Und ein Traum führt ihn in Ruinen hinein,
Zeigt ihm das Versteck und die Braut.
Und er erwacht, geht hin in der Nacht
Und hat seinem Mädchen das Leben gebracht.
Du, Sonne, hast nicht geleuchtet dabei!
Der Verliebte hat durch die Nacht geschaut.
Du, die uns immer ein ganzes Leben voll Licht verspricht,
Du scheinst tags, aber warum erleuchtest Du die Nächte der Elenden nicht?

In den Straßen der Reichen, die Dir, Sonne, an Glanz gern gleichen,
Liegen zweier Fürstinnen halbnackte und verstümmelte Leichen.
Nur ihre gestickten Kronen am Seidenhemd unversehrt erschienen.
Aber keiner erkennt mehr ihre ausgebrannten Augen, die einstigen Kronen ihrer Mienen.

Sonne, willst Du, tagaus, tagein, weiter jetzt auf den Trümmern hier thronen?
Täglich treffen mit den Verwünschungen auch neue Aasvögel ein.
Willst Du mit den schwarzen Wolken der kreischenden Raben zusammeuwohnen?
Wie hungrige Gewitter fallen die Raubvögelscharen in die Ruinen hinein!
Ach, auch die Tiere können Mithelfer sein. Sonne, sieh in den Keller hinein!
"Maria, Maria" rief es, "Maria". Und man rollte zur Seite Bretter und Stein.
Und dann hat man gelacht und einen grünen Papagei an den Sonnenschein gebracht.
Aber der ließ nicht ab mit Schrei'n. "Maria, Maria" rief der Vogel ohn' Ende.
Und vorsichtig grub man und bekam ein ohnmächtig Mädchen unter die Hände,
Die Herrin des grünen Papageien. Also tat ein simpler Vogel einen Menschen befreien.

In ewigen Litaneien könnten weiterschreien der Ruinen Legenden.
Ohne zu enden, müssen Schreckensgedanken mein Gehirn wie Verstümmelte umwanken.
Wer brüllt dort, ein Mensch oder Tier? Kaum mein Auge mir noch zu gehorchen sich traut.
Dieser Laut ist der schrecklichste schier, daß es dem Aug' vor dem nächsten Blick graut.
Bis ich endlich, ohne gleich zu verstehen, ein alt' Weib schreiend gesehen.
Dem schien eine Hand abgehauen, und scheue Menschen die brüllende Alte umgehen.
Zugleich entflieht eine Katze, fortspringend mit fahrigem Satze, über die Trümmerwand.
Die Alte droht ihr mit der einzigen Hand, wo sie ging und stand wie besessen.
Denn jenes Weib lag begraben, und die Katze mit ihr,
Und am Verhungern waren Mensch und Tier,
Da begann die Katze, die bei der Eingeklemmten gesessen,
Die Hand der Alten zu fressen.
Die muß still halten. Und dieselbe Hand, die jene Hauskatze genährt,
Wurde vom hungernden Tier noch am lebenden Leibe verzehrt.
Ein Tier den Tod abwehrt, ein Tier mehr Qualen als den Tod beschert.
Wo bleibt, Sonne, Dein fröhliches Licht, wenn der Schauder des Hungers spricht?
Ich sperre meine Tagaugen weit auf, und, Sonne, ich sehe Dich nicht.

Sonne, rufe alle Deine Sänger, alle Jahrtausende, die gedichtet!
Zeige ihre Abenteuer, ihre Sehnsuchtlieder, ihre Tragödien, aufgeschichtet,
Kein Scheiterhaufen aus Schmerzen war je so hoch und breit errichtet.
Als in Messina, das zerbrochen liegt unter Deinem Herzen.

Was antwortest Du mir, heilige Madonna, die sie anstehend über den Schutt forttragen,
Unter Gebeten, Klagen, und mit geretteten Kirchenfahnen wehend?
Betrunkene Messiner hätten am Weihnachtsabend
Dein Christkind getreten und zerschlagen.
Drei Tage hast Du dann noch, Madonna, die Stadt geschont,
Aber am vierten die Stadt der Verirrten, wie einen verruchten König, entthront.
Als man um Mitternacht in den Weihnachtsstraßen den goldenen Bambino gezeigt,
Da sprangen betrunkene Spieler aus einer Schenkentüre,
Stießen Verwünschungen aus, Flüche und Schwüre.
Die Menge sieht zu und lacht und geigt,
Und die Besessenen reißen das Christkind empor im Gedränge.
Entsetzt auf den Lippen das Mettenlied schweigt.
Und sie haben die goldene Kinderpuppe zerfetzt unter Gelächter;
Zeigten sich wie Du, überstarke Sonne, als aller Leiden Verächter;
Wollten nicht, daß das Mitleid das Kreuz besteigt.
Doch ich frage Dich, Madonna, die sich gnadlos gezeigt:
"Macht das Sterben die Betrunkenen gerechter?"
Wimmernde Prozessionen tragen Dich jetzt,
Madonna, Du Schimmernde, über Trümmer und Schlacken.
Und die da beten und Kreuze schlagen, sie wollen nichts retten, gehen gehüllt armselig in Laken,
Als ob sie all ihre Habe und all ihr Glück in ihrer bloßen Nacktheit tragen
Und reicher geworden sind und nichts zu wünschen hätten und nichts mehr vom Leben erfragen
Und sich nur ums Beten scheren, als ob sie damit ihre Herzen und ihren Magen ernähren.

Sonne, Deine Weingärten brauchen hier keine Blüte mehr zu schlagen,
Deine Granatäpfelbäume und Deine Brotfelder keine Früchte mehr!
Nahrungslos, und nur von Schmerzen genährt, liegen hier die Menschen, die Sonne verachtend, umher,
Denn, wie ein gefräßiger Heuschreckenflug, Leid bei Leid hier einschlug
Und fraß die Menschen wie Halme weg. Und den es vergaß,
Dem drückt es ein Aas in den lebenden Arm,
Der liegt warm unter Leichen und muß die lebende Bahre sein für den Totenschwarm.
Sein Haar wird erst grau, von der schrecklichen Totenschau,
Und dann vom Blut rot, das ihn zu begraben droht;
Denn es hält sich reich und arm hier, kalt geballt, zu einer einzigen Leichengestalt.
Und will einem das Schicksal höhnisch gut, verlängert es langsam die Qual,
Legt ihn, mit Brot versorgt, in den Totensaal,
Mit einem Lebensrest, den ihm ein Teufel borgt.
So traf es einen Graf, der aus dem Schlaf zur Küche hinsprang
Und mit dem Brotschrank unter das Haus versank und hatte Nahrung tagelang,
Und er konnte leben von dem vielen Brot, das ihm verlängert die Lebensnot.
Doch bei ihm saß stündlich der Todesgedank' kalt und ab gründlich.
Vier Tage lag er in Todesschauern, bedroht von überhängenden Mauern.
Man fand ihn endlich in einer Nacht samt seinem Schrank.
Doch war kein Gedank' an Rettung im Dunkeln, die hätte Gefahr ihm gebracht.
Man vertröstet zum Morgen, und ein Arzt reicht
ihm Äther als Schlaftrank.
Man glaubt ihn wohlgeborgen im Schrank, aus dem er den Rettern entgegenlacht.
Am nächsten Tag aber lag Totennacht zwischen den Mauerwänden.
Man fand den Graf tot, in dem Schrank zwischen dem Brot,
Das leere Ätherfläschchen in den Händen, den erstarrten.
Er konnte nicht eine Nacht mehr auf Rettung warten.
Er lag mit dem Brotschrank, dem schweren.
Unter den grinsenden Leichenheeren.
Wohl war ihm im Schrank Brot geboten frisch und weiß,
Aber vier Tage als Trank sein eigener Angstschweiß.
Und er hatte mehr gehört und gesehen in den Nächten an Höllendingen,
Als hundert Leben nicht in Ohren und Augen bringen.
Sonne, wer beneidet Dich noch um Deine ewigenTage!
Du mußt täglich jetzt anhören an Deinem Wege die Klage,
Die aus dem Zerstören nie Ruhe mehr findet;
Die Klage, die sich mit dem Leichengeruch
Um Olivengärten am Meer hinwindet;
Sie hallt fort an den Telegraphendrähten,
Sprechend ein endloses Buch aus Fluch und Gebeten.
Und sie webt rings um die erschrockene Erde von Städten zu Städten
Aus Trauerfäden ein Trauertuch.

Und seht, Erde und Sonne, selbst eure Toten müssen noch töten!
Die sich überstürzenden Schreckensstunden stiegen gleich den Wassernöten.
Über die Lebenden fallen aus Messina her die Todesstunden.
Hört, Sonne und Erde, euere Dichter selber werden daran bereit zu sterben gefunden!
Ihre Herzen gehen, wie Messinas sonnige Fenster, vor Erbeben in Scherben.
Eine junge Dichterin wurde erdrückt von den Leidensbildern,
Von dem, was tags die Worte und nachts die Angstträume schildern.
Täglich wachsen die Zahlenberge der Toten, täglich wie Wälder die Särge vor ihr auf.
Sie schichtet ihre Schriften, ihre Bücher, ihre Lieder zu Hauf,
Steckt eine Flamme darauf und legt sich ins Feuer nieder.
Dort kommt ihr ein Schlaf stiller als nachts in die Kammer.
Der Tod allein kann für ihr Grauen ein Ruhebett sein,
Und für ihr Frauenherz, angefüllt mit Messinas Gejammer.
O Leben, mitleidlos,
Zu schwach ist manch Amboß für Deinen Hammer.

Einmal fuhr ich mit Vollblut rund um die Erde,
Wie die Sonne es täglich tut; hab' ihren weiten Weg gemacht.
In der zweiten Nacht erschien Messina mit breiten Lichterreihen am Rand der Meerstut.
Seine Lampen sandten mir Abschiedslicht vom europäischen Heimatland.
Keine Lichterküste entstand mehr, bis die Afrikawüste aufstieg mit Port Said im Sand.
Noch heut in Erinnerung dank ich euch, ihr Messinischen Lampen,
Die überm Nachtmeer standen wie lustige, helle Theaterrampen.
Sie glänzten, als ob man hier nachts die Messinaerde fand,
Eingekleidet in des Himmels Planetengewand.
Und sind jetzt alle Deine Arme gebrochen, Messina, und alle Deine Augen versandet;
Und sind aus der Hölle an einem Morgen alle Unglücke ins Meer gestochen;
Und alle Qualen in Sekunden, wie Verfluchte, in Deinem Hafen gelandet;
Und sind Feuer und Salzflut, Räuber und Geier über Dich gekrochen;
Und bist überrascht worden noch im Schlaf, und traf Dich der schrecklichste Morgentraum!
Und hatten Oben und Unten, Schief und Grad den Sinn verloren und wurden wie Schaum;
Und ging die Erde in Wahnsinnswellen und tat wie ein Akrobat auf den Kopf Dich stellen;
Und kam die zackige See gefegt und hat Deine Hafenmauern auseinandergesägt;
Und tat sich zur tanzenden Stadt das Feuer mit rotem Atem gesellen;
Und hat ein einziger Todesschrei die Luft bewegt,
Schier wie vom Getier, das der Schinder erschlägt;
Und ist jetzt Totenstille bei Dir, als wärst Du vereist. -
Zu allen Zeiten stehen im Hellen, o Messina, Deine Lampen vor dem Geist,
Der einmal durch Meeresnächte zu Dir gereist.
Sie zünden sich nachts noch an, auf den zertrümmerten Schwellen,
Für den, der sehen kann;
Und können noch lang ihr Licht nicht einstellen.

Messina, Du leuchtest noch gleich jenem Stern,
Den die Astronomen als gestorben kennen.
Dessen Lichtstrahlen auch ohne Kern
Noch durch Jahrhunderte für uns brennen.

Lebewohl, Messina, unter der Sonne!
Lebewohl, Messina, das lachend gebaut auf die Erdengüte!
Lebewohl, Messina, stille, zertretene Orangenblüte, gestorbene Stadt!
Messina, das wie wir und wie alle Städte dem Lichte der Sonne vertraut hat.


  Max Dauthendey . 1867 - 1918






Gedicht: Messina im Mörser

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Messina im Mörser, Max Dauthendey