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Gedichte, Lyrik, Poesie

Weltspuk
162 Bücher



Max Dauthendey
Weltspuk . 1. Auflage 1910



Geist der Zauberei

Sage mir, wie Du auch heißt, täglich Wunder,
Ob nicht Geist der Zauberei jeden Ackerweg umkreist.

Im geperlten grünen Hafer sitzt der Mohn rot und dreist,
Brennt am hellen Tag, wie entflammter Zunder;
Mohn, der wütend seine Träume schenkt
Und die Mauern einstürzt aller Räume,
Daß der Weg im Schlaf sich kürzt und Dein Blut sich lenkt,
Dem ins Blut, der hochrot an Dich denkt.

Klee und Wolfsmilch blüh'n sich tot,
Gift und Honig stehn im Felde, Lust und Weh,
Überall Dir Tod und Leben, Mark und Galle droht.
Ach, der Wind geschwind sich weitersehnt,
Hinterm Wald neue Wälder sich verheißt,
Wolken, wie die Federn, leicht zerschleißt,
Daß sich keine Wolke an dem großen Blau anlehnt.
Wolken ziehn hinaus, Wallfahrer im richtungslosen Raum,
Wallende hinter jedem Traum, ohne Fuß und Haus;
Aber werfen Feuer plötzlich aus zum Gruß;
Sind nicht Schaum, fluchen donnernd mit Genuß.
Wenn sie leidenschaftlich ihre Liebeswege suchen,
Blitz um Blitz den Wolken leuchten muß.
Ruh' und Licht und Finsternis haben keinen festen Sitz.
Hat der Tag sich wetterleuchtend umgebracht,
Hockt noch in der Nacht, der schwülen,
Dunkler Wünsche unsichtbare Fracht.
Wünsche müssen sich durch Fernen wühlen
Zu den Sternen, die auf ewigen Stühlen rasten
Und mit ihrem alten Strahl Schlaflosem nachfühlen,
Als ob blinde Könige zitternd von den Thronen tasten
Mit den Zeptern, den metall'nen, kühlen.
Und sie teilen aus die Zeit und Zonen,
Lohnen Deine Arbeit mit Vergänglichkeit.
Sie durchstoßen Deinen Himmel, drin sie wohnen,
Wenn sie oft auf feuerigen Rossen
Ungebändigt durch den Nachtraum schossen.
Haben unverhofft auch Erfüllung eingehändigt
Wünschen unterm nächsten Buchenbaum,
Wünschen, die sich wie die Knaben dann verfluchen.
Brauchst den Zauber kaum so weit zu suchen,
Nicht im Goldpapierschaum heller Sternennächte,
Nur so kurz Du Deinen Atem hauchst
Und Dein Augenlicht im Grase untertauchst.
Sieh, ein Glühwurm mit dem Lichtgesicht
Schwärmt dort ohn' Gewicht an der dunkeln Straße.
Mancher Wunsch darf nachts nur funkeln,
Naht sich abgehärmt, naht sich dicht,
Wie ein letzter Tropfen aus dem leeren Fasse.
Achte auf die große Weltgebärde.
Schau! es reihen sich, wie Jahresringe,
Stolz die Ketten viele Wunderdinge,
Erde wird zu Holz, und Holz zu Erde.
Neue Bäume rauschen an der Straße
Mit der Blätterlungen scheuer Masse.
Weißt Du je, wohin Dein Blut gesprungen?
Konnte je ein Mensch sein Herz belauschen,
Drin die Liebe wandert mit dem Hasse?
Wünsche tönen prächtig, die sich bauschen,
Stunden übernächtig, die Dich höhnen,
Ohnmächtig mußt Du der Ohnmacht frönen.
Wie die Uhrenzeiger in den Uhrgehäusen,
Drehen sich die Jahre auf den Fluren,
Und, wie Igel hinter grauen Mäusen,
Jagen unterm starren Stachelhaare
Deine Sorgen nach der Sorgen Spuren.
Wie die Seidenspinner spinnen sie ihr Haus,
Aber können nicht dem Lichte mehr entrinnen,
Stürzen nachts noch auf die Lampen ohn' Besinnen.
Und die Flamme muß die Flügel kürzen.
Glaubten, große Feuer zu gewinnen,
Doch das Licht wird oft zum Ungeheuer.
Wärme läßt sich gern umminnen,
Aber Licht entfesselt der Gedanken Schwärme,
Und Gedanken stoßen Dolche in die Därme.
Molche, die in bloßen Taschen Junge tragen,
Sind die Sorgen, die am Weg sich jagen.
Nimmersatt haschen sich die Freuden und die ungedulden Sorgen.
Wünsche machen Schulden aus dem Überfluß,
Jeder Wunsch muß von der Zukunft borgen.

Jahre und Jahrtausend brachen sich die Rippen,
Und die Zunft und Sippen sprachen weise Worte,
Mancher biß die Zähne in die blutigen Lippen.
Jeden Morgen schüttelt eine volle Sonne ihre Mähne,
Jeden Abend aber sinkt die tolle hin, wie aller Ohnmacht Träne,
Und der rote Erdspalt trinkt das Tote.

Brünstig ballt sich unterm Mondschein der Holunder,
Sein und mein Blut einen Zauberer speist. -
Sage mir, Gewalt, wie Du auch heißt, täglich Wunder,
Ob nicht Geist der Zauberei jeden Ackerweg umkreist.


  Max Dauthendey . 1867 - 1918






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Geist der Zauberei, Max Dauthendey