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Päan und Dithyrambos
162 Bücher



Theodor Däubler
Päan und Dithyrambos . 1. Auflage 1924



V

ERTÖNE nochmals, neugefügte Strophe!
Bei Sonne bin ich Wogen froh entschwommen,
Zu sanftem Myrteninselein gekommen:
Es glänzte wie der Mond mit weitem Hofe.
Der See geschäumte Herde glomm zu frommen,
Vom Hirt umsorgten reich bewollten Schafen,
Die weiß und Flaum, wie Traum, auf Klippen schlafen:
Wo ich geklommen, hat kein Herz vernommen.

Mir sei, o Hirt, dein Wink zum Wort der Hafen!
Du kommst im Saus durch Rosmarin - ein Kind.
Die Stimme wellt dein Staunen lind:
So werde wohlgemut, weil wir uns trafen!
Du holst ein Schaf? Wie melkt die Hand geschwind:
Die Sonne schmiegte mich aus kalter Nässe,
Nun reiche mir ein Fell um meine Blässe:
Wie griffbereit und hilfreich Menschen sind!

Geheime Frucht, die ich voll Freude presse,
Erglommnen Gottes Blut, uns guter Wein,
Soll dargebrachte Dankesgabe sein!
Der Trunk beträumt, daß sich der Geist vermesse
Vom Herhauch in Bedrängtheit zu befrein:
Bald naht ein Kahn und bringt von Naxos Reben,
Mit weltverborgnem Blitz euch zu beleben:
Du magst dich, Eiland, der Ariadne weihn!

Ich grüße, Dionysos, dein leichtes Schweben,
Als sonngebräunter Knabe, sacht am Abend:
Ach, fändest du mich oft im Tale grabend,
Der Erde Schatz, verstecktes Licht, zu heben!
Verschwinde drauf, mein Herz von dannen habend!
Ich horche wohl - mein Ohr entwirrt als Rufe
Bestürmungsflügel und Entführungshufe:
Ich atme wach - dann nahn Ermahner trabend.

Am Strand der Acker sei dir, Weingott, Stufe:
Bleib gütig mit der Insel treuen Leuten,
Die Artemis in keuscher Ehrfurcht scheuten,
Dein Faß gerate nun, mit straffer Kufe!
Auch mein Gemüt mag Länder dir erbeuten:
Nach Trauerspiel und Rausch geht das Begehr,
- Doch hier leb still! Du übertönst kein Meer:
Hilf Wesen, die sich tief auf Frieden freuten!

Ein Segel weht, bei holder Sonne, her,
Es soll vielleicht geweihte Reben bringen:
Oh, wie die Menschen in den Bäumen singen,
Die Früchte ihrer Mühe wurden schwer.
Auch der Beseeltheit Reifung wird gelingen;
Schon kommt ein Gott aus irdischer Entwöhnung,
Erlauchter Leuchter unsrer Sternversöhnung:
Die Traube wahrt den Blitz und träumt uns Schwingen!

Herbei, zu feiger Hörigkeit Verpönung!
Gelobt sei Dionysos auf eignem Boden:
Bestürmt uns Funken in erhorchten Oden,
Befreit die Herzen für Ariadnes Krönung!
Der Gott erstand euch froh aus tausend Toden:
Er blitzt in uns zurück - stirbt er im Herbst -
Wirb, Mensch, daß du den Ernst des Lenzes erbst,
Sei strenger noch beim Säen als zum Roden!

Wenn du mir Runen in die Stämme kerbst,
O Hand, hab ich Entsetzbarkeit gewonnen,
Die Seele in ihr Sterngeweb versponnen,
Bevor du Leib - vergeßbar - mir entfärbst.
Ein bloßes Wort sei heilig mitgenommen,
Wenn unser Licht zu andrer Sicht entglimmt:
Durch heimgebrachten Namen wird bestimmt,
Ob wir die Adelsart im Blut begonnen.

Wie unsre Sonne, die vor Stolz ergrimmt,
Als hohe Geißelglut das Land verheert,
Bedrückt ein Stamm, der alt Apollo ehrt,
Sein Bauernvolk, das er in Obhut nimmt:
Doch Dionysos ist gütiger und lehrt,
Als Sohn des Wolkers über trunkner Erde,
Das Glück am Wohlstand, durch die eigne Herde,
Und weist den Brauch, wie Fürst und Knecht verkehrt.

Vom Weibe löst er seine Weltbeschwerde,
Sind doch die Göttinnen auch hehre Frauen,
Für die wir Männer hohe Tempel bauen:
Nun, Mütter, seid verehrt bei euerm Herde!
Des Weibes Seele fühlt sein mildes Schauen,
Nicht Seherinnen kürt er wie Apoll,
Doch blitzt sein Rat, sind wir zu sorgenvoll,
Auf einmal klar - du glaubst dir selbst zu trauen.

Ein Boot, das Zéphyros mit Freude schwoll,
Erzackt den Hafen, wie auf Blitzes Spuren;
Nun schwanken unsrer Insel Sonnenuhren:
Der Gott kommt an, vor dem man beben soll!
Bist dus, von dessen Huld wir tief erfuhren?
Im Blut die Gottheit eigensten Gedeihens,
Befreiten Herzen Selbst-Gericht-Verleihens,
Du furchst den pursten Purpur in Azuren?

O junger Jubelsprudel, Kraft des Schreiens,
Um tausend Fenster äugen deine Trauben,
Du warmes Gold der Brust: wir glauben!
Entzause uns das Glück - wir weihens!
Ich rufe deine Botschaft zu den Tauben:
Im eignen Busen quoll der Gott als Sonne,
Durchströmt die Buhlin hold als Adern-Wonne:
Zur Wollust auf! Ihr mögt euch Bräute rauben!

Die liebsten Sternlein schenkt die Nacht der Tonne.
Ergib dich, Weib, dem Panther dieser Triebe,
Verbeiß dich hier, denn sonst entflügelt Liebe!
Blick auf! Mänaden. Taumelnde Kolonne,
Wenn ich zum Gott als Funkenprunk zerstiebe,
Ein Opfer unter Hellas' Tempelscherben,
So kann ich doch mit frohem Antlitz sterben,
Auch dort, wo kein Gedenken von uns bliebe.

Mein Fleisch, ich will um jüngste Freude werben:
Schon halst der Arm ein Weib mit finstern Haaren,
Wir wollen uns bei Augenglut gewahren
Und lachen noch, wann Schwächlinge verderben.
Entkrampfte Leidenschaft mag offenbaren,
Was hinter unsrer Kindheit drohend lag;
Schon dämmert deine Schlange in den Tag,
Sie sonne auf unter den Geister-Aaren!

Ich bäume mich zu fruchtbarstem Ertrag:
Millionen Jahre sind in uns vergraben,
Du sollst vom Kusse ihre Sonnen haben,
An deiner Brust tränkt sich ein Heldenschlag.
Bewahre mir, wie Bienen in den Waben,
So herzhafter Glückseligkeiten Süße:
Ein Leib ganz mein - wie klein die weißen Füße -
Der Mund auf weicher Hand sei reich an Gaben!

Bist du mir fern, so fühl ich, daß ich büße,
Denn Dionysos verlangt des Fühlens Dauer.
Sein Panther faucht im Weinberg, auf der Lauer;
Und wir bestürmen ihn durch Wimpelgrüße.
Nun faßt mein Blut urwohlgekannter Schauer:
Das ist kein Rausch, doch Lust tiefster Vernichtung,
Mein Funken bleibt die Furchtbarkeit der Dichtung!
Die Leiber überwältigt ein Kentauer.


  Theodor Däubler . 1876 - 1934






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