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Gedichte, Lyrik, Poesie

Hesperien
162 Bücher



Theodor Däubler
Hesperien . 2. Auflage 1918



IV

DIE Silbertage werden blaue Hochzeit feiern;
Erst sind es zwei, einander jugendlich zu freien
Und immer blauere im Frühling zu entschleiern,
Denn dann erperlen Reihen blau, auf blauen Reihen.

Die heitern Tage hauchen aus dem leichten Tauen,
Doch bleibt die Morgenanmut den Olivenhainen,
Denn graue Blätter leuchten in das Silberblauen,
Und sie erhalten ihr geheimes Bleicherscheinen.


Die Morgenröte hat sich in der Welt verloren;
Ihr Kinderlied ist mit den Wolken fortgeflogen,
Doch alle Blumen sind im Schleierhemd geboren
Und haben selbst ihr Farbenkleidchen angezogen.

So bleibt die bunte Stunde in den Waldesmulden,
Der Ginster kann uns glücklich goldne Winke schenken:
Wie sich die Primeln lang mit ihrem Gelb gedulden!
Und Veilchen lieben es, den Schatten blau zu denken.

Ein Sonnenaufgang hat verlegne Augenblicke,
Die klaren Farben fangen an sich zu besprenkeln,
Der starke Tag bestimmt, daß er sich weiß erquicke,
Und da beginnt das Rot der Nelken vorzukränkeln.

Die gelben Falter sind des Morgens letzte Sorgen,
Ob auch der Tag die Sonnenfreude finden werde.
Vom eignen Morgen soll die Welt ihr Spiel erborgen:
Wie leicht und ohne Wichtigkeit ist unsre Erde!


Ein Mandelbaum entfaltet alle Morgenhauche,
In seinen Blüten sind die Sterne bleich verschleiert.
Das Kindeslächeln wird in Wangenrot gefeiert:
Er blüht, damit der Morgen in den Mittag tauche.

Die sanfte Zartheit seiner keuschen Blätterhülle
Soll scheuen Jugendjubel vor die Sinne täuschen:
Das Wunder blüht, nun hütet es vor den Geräuschen:
Das Blut ist Blatt, sein Traum, ein Schnee, wird blasse Hülle.


Die Morgengüte bleibt in Blumen und in Kindern,
Bei hohem Wunderblau zu Mittag voll erhalten.
Sie können frohe Worte in den Werkgang schalten,
Die Mädchenlieder ernste Zweifelfurcht vermindern.

Ihr sollt die Blumen nicht an sanftem Tuen hindern:
Es kann ihr Adel auch am Abend nicht erkalten:
Die Knaben dürfen alte Zuversicht verwalten
Und Duftigkeiten unsere Bestimmtheit lindern.

Der Sang ist in die Welt am Morgen eingezogen.
Beim Dämmern hat er sich den Wolken angeschmeichelt,
Nun bleibt er auch den Mittagsmeeren hold gewogen.

Er hört nicht auf, bevor die Luft um Ulmen streichelt,
Dann kann er abermals zu klarer Pracht gelangen:
Mit Knabenstimmen wird der Abend angefangen.


Die Bräute tragen ihrer Träume Schleier
Am Mittag vor den ragenden Altar.
Als Opfer bringen sie die Blässe dar,
Denn Morgenwolken lüften sich zur holden Feier.

Doch was geschieht? Da steht die Nacht: der Freier!
Der Herr am Mittag bindet im Talar.
So wird, was eins, auch urgesondert war:
Die Hochzeit überragt das Schicksal dreier.

Du Braut, des Bräutigams Hut entnommen,
Dich wird die Liebe wieder überkommen:
Ihr sollt das Wesen mit dem Leibe zieren.

Ihr müßt nur kurz das Ich zum Schein erborgen:
Der Tag ist bloß ein Aufenthalt aus Sorgen,
Den Frieden durch die Sonne zu verlieren.


ECCE URBS

Den Riesengarten lüften schwarze Gitterpforten.
Die große Sonne blaut um eherne Gestalten.
Die Marmorsockel brüsten sich mit hohen Worten,
Und Wasserquasten plätschern aus bemoosten Spalten.
Zypressen stehn im Kreise an geweihten Orten,
Sie haben Nacht im Tagesatmen zu verwalten.
Die Obeliske gipfeln morgenrot ins Blaue:
Ein Kindlein spielt im Schutz der Sommereinhornklaue.

Des Gartens Fahrstraße ist gelb, ist grell und grade.
Sie scheint Automobile schlundhaft einzusaugen.
Ein schwarzer Strahl beruhigt sich auf raschem Rade:
Er birgt die Finsternis und bringt sie schnell vor Augen.
Da flüchtest du zu dir und kommst auf Pinienpfade:
Sie können sacht für Nachtwandler am Tage taugen.
Doch sage dir, der Mann wird bald die Nacht bewachen,
In schwarzer Würde über bunte Launen lachen.

Der volle Mittag zwingt am Schatten hinzuschleichen.
Beblendet treten wir in lila Schillerschlingen.
Man wandert, um den Sturz der Sonne zu erreichen,
Und weiß von lieben Dingen, die uns wiederbringen:
Da mag das Nachtgespenst, der alte Mann, erbleichen,
Ein Heidentag kann alle Heiterkeit vollbringen.
So laßt mir diese Einzigkeit der klaren Stunde:
Wie leicht mir wird, die Sonne blaut aus meinem Munde.

Die Blumenwege führen zu den Kinderlauben;
Sie scheinen Blütenbüsche, froherfüllt mit Lachen.
Um blasse Marmorbecken leuchten weiche Tauben,
In kleinen Weihern scheinen Augen zu erwachen. '
Sie dunkeln auf, die Welt der Einfalt zu berauben,
Und Kinderchen bewerfen sie mit Tändelsachen.
Das Wasser kann den Kleinen schwarze Wahrheit sagen:
Wozu die Nacht, bevor wir unsern Mittag tragen!

Die schwarzen Kutschen bringen einen Frühlingsmorgen,
Geliebte Zwitscherkörbe, her, mit hellen Pferden.
Die Lustigkeiten halten das Gemüt verborgen,
Denn goldne Mädchen lachen unter uns auf Erden.
Wie wunderweit sind ihre unerweckten Sorgen,
Doch Spielen lockt sie an: sie wollen Mütter werden!
Mit Nachsicht ist der Tag die Stadt entlang gezogen,
Doch fordert er auch Fürsten auf, vom Wanderbogen.

Nun kommen immer andre Mädchen und Matronen
Mit buntem Putz und Kleidern an in dunkeln Wagen:
Das Volk beginnt den Sommergarten zu bewohnen
Und seine graue Tracht ins weise Blau zu tragen.
Geschickte Herrchen sollen gut ihr Schwarz betonen,
Und grelle Helme müssen aus der Menge ragen.
Die Plätscherbrunnen können Kind und Baum begeistern,
Bald wird Musik gespreizte Bummelbürger meistern.

Der Wirtschaftslampen weiße Kugelgruppen leuchten:
Wie sich die feinen Gäste immerfort erneuen,
Matronen ihre Lippen kaum zum Scherz befeuchten
Und Mädchen sich an roten Flecken Eis erfreuen!
Wer kommt? Man geht: Ob Damen dort ein Paar verscheuchten?
Du siehst sie eben lecker ein Gerücht verstreuen.
Der Drachenmann! Man kauft für Kinder und für Enkeln,
Nun werden Lappen und Ballons das Blau besprenkeln.

Die stummen Mädchen suchen heimlich einen Buhlen,
Soldaten wandern hier in Erdenparadiesen.
Die fremden Jünglinge aus bunten Priesterschulen
Vergnügen sich durch heitres Spiel auf Sommerwiesen.
Da fliegen Gummibälle, sausen Himmelspulen,
Die Kleinen werden von den Höhern unterwiesen:
Am Abend ziehn die Roten mit den blonden Haaren
Für sich nach Hause durch die dunkeln ändern Scharen.

Auf einmal spüren wir den Lenz bei voller Sonne.
Die Blüten fangen an im Kühlen aufzufallen,
Die Ammen gehn, und nach den Kindern ruft die Bonne.
Du hörst den Walzer bald im Palmenwald verhallen,
Nach Hause zieht die erste rote Schulkolonne,
Und Volk wird rasch die Prachtterrasse überwallen:
Dort bleibt es warm: Die Stadt erscheint vor ihrem Garten.
Man mag nach alter Art den Sonnensturz erwarten.

Die Sonne wandert, und sie muß an einem Tage
Fast senkrecht in die volle Peterskirche stürzen.
Die Kuppel bleibt. Die Ewigkeit hält ihre Wage.
Das Ethos kommt: Der Glaube will sich überstürzen.
Die große Sicherheit erkannte ihre Lage
Und konnte sich, als Macht, mit Frühlingsdüften würzen.
Und so ist Rom in frommer Heiterkeit geworden:
Sein weises Kreisen wird das eigne Fieber morden.


Die Kühle schreitet zaghaft über große Plätze.
Zypressenwände wachen vor dem frühen Winde.
Ein Obelisk erstrahlt, als ob er Glück empfinde:
Er fühlt den Abend und begrüßt die Glutgesetze.

Jetzt macht der goldne Tag die kurzen Kupfersätze,
Du fürchtest dich, daß er nun allzu schnell verschwinde.
Wie still ersprüht des Obelisken Schimmerrinde:
Er blutet wandellos in dieser roten Hetze.

Der Platz vermag gar rasch den Abend zu umarmen.
Nun soll er auch an seiner alten Pracht erwarmen,
Damit die Brunnen ihr geheimes Fühlen flüstern.

Die Straße überkommt das Lilawerden lüstern
Und fängt es an mit grellen Lichtern anzusprechen,
Wenn sich die Platzschwärmer noch lang mit Glut bezechen.


Der Purpurabend schreitet über Kupferstufen
Die Hügel weiter zum erhabnen Meererstaunen,
Und Glocken mahnen an die alten Schlachtposaunen.
Ihr Läuten scheint auf große Treppen zu berufen,

Bestaunen wir ein Wunder das uns Menschen schufen!
Auf einmal tragen Stufen, aus barocken Launen,
Durch Wind und Bäume, die von Nachterwachen raunen,
Zum schwarzen Wahn auf rotem Hengst mit Kupferhufen.

Ein hoher Obelisk ist über dir erstanden.
Er hat sich Palmen aus Ägypten mitgenommen.
Die Heiligen sind westwärts über See gekommen.

Hier kann die volle Sternenbarke landen,
Die Obeliskenwarte macht ihr rotes Zeichen:
Nun wird dich gleich ein Sternenaugenblick erreichen.


Ach könnte mich nur eine Nacht an dich erinnern,
Vermöchtest du der einzgen Nacht dich zu besinnen,
So wäre unser Wesen ein verzücktes Minnen:
Doch du bist du, und ich bin still in meinem Innern.

Wir blicken zu den Sternen, den Geschickverspinnern.
Gestirne sucht mich auf, erblickt mich weiter innen!
Die Seele blieb allein, so kann ich mir entrinnen:
Ich soll zu euch, zu euch, den ewigen Gewinnern!

Mein Platz auf Erden kann verwandten Wandlern frommen.
Sie werden Rauschen wie von großem Regen finden!
Ihr Künftigen sollt gut zu meinen Brunnen kommen!

Das Rauschen aber wird in keiner Nacht verschwinden.
Ich forschte lange nach dem Segen meiner Sorgen.
Mich hat die Nacht: Das rauscht und rauscht nun fort am Morgen.


Mein Geist hat sich an einen Obelisk gebunden.
Wenn alle Schleier herrlich über mir vergehen,
So bleibt der Obelisk im Sternenstrahl bestehen.
Die dunklen Brunnen rauschen meine guten Kunden.

Ich habe einen Platz in meinem Ei gefunden:
Die Dinge, die sich ewig um den Dichter drehen,
Sind still im Kreise dargebracht, um sie zu sehen.
Du staunst, wie weise dich die Einsichten umrunden.

Ich habe meine Stadt im Geiste mitbekommen,
Was ich besaß, im Wandel willig angenommen:
Wie leicht hat das Geschick meine Geburt gefunden!

Gar wunderbar muß die erwählte Zukunft munden.
Mir ist der eigne Umfang mittags aufgegangen.
Ich kam zur Welt, um Grenzen fühlbar zu erlangen.


  Theodor Däubler . 1876 - 1934






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