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Gedichte, Lyrik, Poesie

Hesperien
162 Bücher



Theodor Däubler
Hesperien . 2. Auflage 1918



V

DAS Meer vergewaltigt das eigene Schweigen:
Was gischtet wie Tunfischtumulte ins Freie?
Kein Hauch auf der See, um das Blau zu zerteigen!

Was schaudert, damit sich das Meer selbst entzweie,
Um fliehende Schaumleiber rastlos zu hetzen
Und Seele zu sein, die sich stürmisch kasteie?

Wie schrecklich die Wellen einander zerfetzen.
Das Meer hat den Wind für den Himmel geboren.
Im Sprung übertrumpft uns sein Wolkenentsetzen.

Die Angst naht: Die Wogen sind alle verloren!
Wie furchtbar die Flucht auf die Buchten zu wuchtet!
Das ruft vor den Mündungen, Berg-Echo-Toren!

Der Sturm ist entsprungen, die Furcht weit verschluchtet,
Nun können die Kammkarawanen erscheinen:
Wie hoch ist der Aufbruch zur Flut rings verbuchtet.

Jetzt werden sich Wirbel zum Wogen vereinen.
Das Wuchten vertummelt beim Umschwung ins Fluten.
Die Brandung zerflattert auf Trümmergesteinen.

Wie prachtvoll bemähnen sich blutblaue Stuten,
Sie wollen die Felsschrecken plump überraschen
Und müssen im Klippengischt wiehernd zerwuten.

Ein Wildwetter naht mit unglaublichen Taschen.
Die Bauschen sind voll von Gegraupel und Regen.
Gequaste beginnt nach Gehosung zu haschen.

Die Wolken durchsonnigen stromhafte Segen.
Sie golden phantomisch, zerbündeln zu vielen
Und können die kommenden Dome zerlegen.

Das ist ein gelungenes glückliches Spielen:
Der Hängepalast mit phantastischen Warten
Ersegelt sein Wesen mit Zackenprofilen.

Die Dächer zerträumt sich ein wechselnder Garten,
Und Sonne lustwandelt von Erkern zu Brücken:
Im Segelschloß leuchtet der Sommer auf Fahrten.

Du Schwebepalast, blauer Fluten Entzücken,
Terrassen aus Glas, Alabasterprachthallen,
Geflügelter Gletscher mit Tiergebirgsrücken,

Nun fängt deine Wartenmacht an zu zerfallen!
Der Tag wird in Klarheit den Abend verkünden,
Die Flut, voller Gleichmaß, dem Westen entwallen.

Der Aufruhr soll dauern, wo Flüsse breit münden,
Doch werden sich Segel dem Winde ergeben
Und Wolken sein, Sternlein darunter entzünden!

Wie steil und gespenstig die Nebel zerbeben.
Die Sonne scheint sinkend die Flut zu verstrahlen:
Nun werden Delphine den Abend beleben.

Dahin sind des Himmels Versuchskathedralen,
Das Meer hat die Schlacht mit den Wolken gewonnen:
Der Tag wird in blauender Klarheit zerfahlen.

Warum hat die Flut mit Gewirbel begonnen,
Das Kriegen der eigenen Größe gegolten?
Die Siege der See sind zu Nebeln geronnen!

Die Fruchtbarkeit kam, als die Wogen verrollten.
Das Land hat das Atmen im Walde empfangen:
Wie prachtvoll die Winde voll Wagnis zertollten.

Nun ist aller Aufruhr von dannen gegangen.
Das Fluten bewältigt geheim seine Stufen:
Schon bringt es Gebirgen ihr Abendverlangen.

Du Güte im Blauen sollst Bäume berufen!
Sie wachen und wachsen, zerpflanzen ihr Wesen
Und sind Blutgewitter, die Waldsprachen schufen.

Die Flut ist im tiefsten Gedulden gewesen.


Wir müssen furchtbar den Vesuv im Herbst erleben.
Da speien alle Berge ihre Lavabäche,
Das Wild hat Angst, Milliarden Blätter beben.
Ein nahes Flammen überragt die Menschenschwäche,
Der Feuerstern der Welt will sich aus uns erheben,
Es wird, als ob sich Glut an ihren Schranken bräche.
Der Flammenberg im Menschen ist der Erde Richter,
Ein roter Herbst weilt unter uns und wird Vernichter.

Vesuv, du spukst um Werften in geheimen Buchten.
Dort werden Festungen zum Wandern eingerichtet.
Zerstörer sollen schrecklich aus den Häfen wuchten,
Der Weltherbst lebt in einem Panzerschiff verdichtet.
Kanonenschüsse sind ein Blitz auf Seelenschluchten:
Des Mannes Tagestapferkeit wird klar berichtet.
Vulkane sollten um die Völkerstädte ragen
Und plötzlich Flammenwaldungen zum Himmel tragen.

Der ganze Weltherbst sei im Kriege verlebendigt.
Der Sturm in Kupferblättern wettert aus Trompeten.
Den Zweifel hat die alte Adelsart gebändigt:
Wir müssen mutig unsre Anwaltschaft vertreten.
Die Wichtigkeit der Einzelheiten ist beendigt:
Die Zuversicht der Völker festigt den Planeten.
Vesuv, dein Trichter wird ein Füllhorn großer Taten,
Du bringst die Flammen, die den ersten Tag bejahten.

Die wundervolle Sonne will nach Schiffen wittern,
Und Flut erwartet einen Stapellauf vor Werften.
Jetzt wird ein Panzerschiff aus Menschenhand gewittern:
Wie prächtig sich die Wogenspannungen verschärften,
Die Herzen fangen an, wie Herbstblätter zu zittern,
Da sich die Masten mit Gestrick und uns benervten.
Erjuble Rumpfgeburt, entjuble unsern Sinnen,
Du sollst dich selbst, ein Schiff, bei hoher Flut beginnen.

Ob wir den Stromboli ins Wesen aufgenommen?
Auf einmal spuckt, erschöpft er seine Ruhepausen.
Das gleicht dem Abendaufruhr, der zu sich gekommen:
Wir Feuerkinder sollten unter Flammen hausen!
Das Meer kam spät auf unsre Erde zugeschwommen,
Der Atem war und brachte seine Welt ins Sausen.
Wir hatten Adel lang vor unserm Abendwerben,
Und da wir Abschied blieben, sollen wir auch sterben.

Vulkan, du trägst den ganzen Tag ein Abendzeichen,
Dein Krater kann auch nachts an Abende gemahnen;
Wir wandern, um das eigne Gluten zu erreichen:
Die Menschen wallfahren auf alten Dämmerbahnen.
Das Blut wird sichtbar, wenn die Fremdheiten erbleichen,
Wir sollen in der Erde unsern Abend ahnen.
Sein Anspruch wird aus jungen Kratern brüllen,
Die tiefsten Männermünder werden ihn erfüllen.

Die Flut versucht aus vollem Munde aufzulachen,
Ihr Jubeln gischtet auf den überstürzten Scherzen,
Aus deren Sätzen alle Tierungen erwachen:
Die jüngsten Möwen gleichen überraschten Herzen.
Die kurzen Strudel müssen Fischzüge entfachen,
In Wanderwesen ihren Ruck ins Runden merzen.
Die Flut ist immer um den Daueraugenblick gekommen,
So ward die Welt von Ewigkeit dem Nichts entnommen.

Der Ätna kann das Erdenrund mit Glut versorgen.
Er war der Alten Welt das Leuchtgestirn nach Norden.
Wer fuhr, mußte von ihm die Richtungskunst erborgen:
So ist der Berg zu unserem Geschick geworden.
Wer seinem Gipfeln folgt, erreicht den großen Morgen,
Wo Blutgewitter Tag und Nacht im Menschen morden.
Den Ätna findest du auf glutgekrönten Schloten,
Und alle Bogenlampen werden Nordlichtboten.

Der Ätna ist in jedem Kohlenland erschienen,
Denn Wanderrassen haben ihn davongetragen!
Die Menschen wollen wieder einer Flamme dienen
Und lassen sich von Schlotidolen überragen.
Die Städte baut man wie gespenstige Ruinen,
Und durch die Straßen kreisen rasche Feuerwagen.
Bewandert und durchwohnt das Volk verschleppte Krater?
Einst brach der Ätna auf, und Kraftgeschlechtern naht er.

Der Ätna will in unsrer Feuerwelt gebieten:
Des Menschen Tat ist nackt und offenbart sein Gluten.
Wir litten lang, weil wir die Flammenmacht verrieten,
Die Furchtbarkeit nicht wußten, uns hindurchzubluten.
Das Leid erschien, weil Männer angezaubert knieten,
Nun weiß der Mensch: Er kann aus seinem Wesen fluten.
Bewacht die Flamme, wenn die Seelen übergehen:
Besteht auf Leichtigkeit und euerm Weltverwehen!


Beginnen die Seelen bewußt zu gewittern?
Es leuchtete schrecklich ein Stern in die See!
Das wird ein Ereignis: Die Meerherzen zittern!

Die Welt ist ein ewig verwehendes Weh.
Das Fluten scheint plötzlich aus Westen gekommen:
Kein Stern war gefallen, kein flammender Schnee.

Der Einfall zur Flut hat das Meer eingenommen,
Kein Tag ist erschaudert, kein Mondbild gefror.
Die See ist aus sich, über sich, weggeschwommen.

Nun leiht dem Geschehnis ein williges Ohr!
Der herrlichste Stern wird der Erde entstrahlen,
Die See fühlt sein Kommen und flutet ihm vor.

Die Seele verschenkt ihn bei herzhaften Wahlen,
Der Erdpol erbringt seinen kelchhaften Schein:
Wir tragen uns selber zu Sternidealen.

Es fallt eine Welt einem Menschenkind ein:
Der künftige Stern ist dann plötzlich geboren,
Er kann auch die Tat eines Heimlichen sein.

Sein Kommen hat Wogen zu Boten erkoren:
Die Flut überwältigt auf einmal das Meer,
Und Grotten erdröhnen wie hörende Ohren.

Das Wort ist erstanden, leibhaftig und schwer,
Sein Steigen entzückt uns, und jeder vernimmt es:
Doch alle Verkündeten fragen sich: Wer?

Man denkt an die Sterne, vermutet Bestimmtes,
Belauscht seine Wünsche, macht Völker zur Flut!
Im Osten erglimmt es, dem Westen entschwimmt es.

Was ist dieses Andre? Wer brachte uns Mut?
So laßt, daß die Menschen sich selber erholen:
Wie ruhig das Weib wird: Die Männer sind gut!

Wir wurden der Sonne, dem Monde empfohlen,
Nun führen uns beide zur Stille zurück.
Die Flut überkommt uns mit Stuten und Fohlen,

Doch wird das ein Ritt in beruhigtes Glück.
Wie nah wir uns sind: unsre eignen Vertreter!
Doch folgt noch das letzte, ein furchtbares Stück.

Man sucht nach dem Führer und sagt sich: Da geht er!
Ermutigt, ermannt euch, bekundet die Glut:
Die Flut kommt. Steht auf, ihr verspätete Beter!

Wie ruhig ein Ding auf sich selber beruht!
Kein Einbruch wird jemals ein Schicksal empören:
Das Ich ist die Fügung unendlicher Flut.

Ich kann mich in allem Ertönenden hören,
Und was mich versinnlicht, ist dennoch kein Ich.
Du mußt dich begreifen und darfst dich nicht stören,

So laß deine Niederkunft mutig im Stich!
Du bleibst in den weitesten Ringen erhalten,
Man kann dich nicht töten, drum faß dich und brich!

Die Welt ist nur scheinbar in Wesen zerspalten:
Wer wäre dem Ich mehr als weither genaht?
Dein Adel wird strahlend die Welten verwalten!

Mein Antlitz ist rasch einer Anwaltschaft Tat.
Nun will ich mein Dasein bedächtig vollbringen:
Es hat eine Fügung das Werden bejaht.

Du mußt alle Taumel und Teufel besingen:
Kein Anfang ist da und der Mensch ohne Grund!
Wir sollen aus Ewigkeit Sonnen durchschlingen.

Durch uns gibt der Ätna sein Flammenrecht kund.
Verloschene Gipfel sind Helden geworden.
Der Krater steht offen: der Mensch ist ein Mund!

Die Lava verleiblicht die kommenden Horden.
Das wandernde Feuer spricht Wallfahrer an.
Die Ewigkeit feiert sich herrlich in Morden:

Das Opfer der Sonne verkünde der Mann!


                              Florenz, im März 1914.


  Theodor Däubler . 1876 - 1934






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