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Gedichte, Lyrik, Poesie

Die Treppe zum Nordlicht
162 Bücher



Theodor Däubler
Die Treppe zum Nordlicht . 1. Auflage 1920



II

Es ist mir oft, als müßte ich den Grund der See erschauen.
So sehr beschwichtigt sie, wenn wellenlos um mich, die schwanke Seele.
Vor dunkelblauen Tiefen faßt mich selten nur ein Grauen:
Und ich versteh den Dogen, der da fühlte, er vermähle
Sich wirklich mit der See durch einen Ring in ihre Schlünde!
Auch mein Gemüt ereifert sich für so erkühnte Bünde!
Von Wellen glaube ich im Traume leicht, es seien Kissen:
Dann weiß ich viel vom Weibe, das ich hinter Meeren finde.
Ich werde schwer, wenn ich bald wach bin, aus dem Wahn gerissen:
Er ist so süß: ich bin nicht einsam mehr! Uns wird so linde.
Und sind die Wellen weg, wie nun auf kummerloser Seele,
So ist es See um mich. Ich bin beim Weibe, wo ich weile.
Die Braut, die ich ertraure, die Mutter, die ich nie erwähle,
Das Weib begleitet mich, wo ich es ruf, zum Trost und Heile!
Gesegnet seist du, Stille auf der See, zu blauen Stunden,
Die sich um glücklichste Entzückungen so hochhin runden!
Hier gibt es keinen Fels, nach Fremdheit überm Meer zu fragen.
Ich fühle kaum die Fernen sich von uns hinweg vertreppen.
Wir werden Mitte aller See: in Wonne leicht getragen;
Und ich entlaß die Flotten, die sich Winde weit verschleppen.
Die See und meine Seele, das Ich in seinem Weibe
Vollenden weit den Mittag, wittern Welt im Urverbleibe.
Beschlossen haben wir, vom Glücklichsein uns nie zu trennen:
Auf zweier Wesen Einzigkeit entschwebt des Himmels Stille.
Ich habe uns auf See erreicht, wohin soll nun mein Wille?
Du kannst mir alle Zuflucht in den eignen Buchten nennen.
Und doch: wir lernen uns auf Stufen, unter Stufen, kennen.
Du mußt mich auf der Treppe, die sich nicht verläuft, begleiten.
Sie führt vor mir empor, zugleich hinab, auf allen Seiten.
Wie schwindelt mir? Es blickt doch frei das Ich durch seine Seele!
Ich sichte See, ich weiß drum schwer, warum ich mich zerquäle.
Mein Weib, du kannst in mir ein selbstgefälltes Urteil schauen:
Versinken wir vereint? Wo könnt ich kühnste Treppen bauen!


Ist meine Braut nicht eine Inderin, die ich mir träume?
O, schon beschreiten wir zugleich vom Meer aus Uferstufen.
Was wird das: Tempeltreppen oder Säume nur um Schäume?
Noch fühlen meine Füße nichts, doch sind wir herberufen!

Ich folg empor! doch mit der Seele bloß, durchs Tor der Sagen.
Du, Braut, verbleibst so nah! und scheinst mir fernher traut zu winken,
Ich sehne mich auf Treppen, die zutiefst mit mir versinken,
Nach Stufen, hinter Stufen, die mich einmal nicht mehr tragen.

Sind wir getrennt? Sei traurig nicht: du Gold in meiner Stimme!
Zur See gehört die Seele, doch der Urwald stammt vom Geiste.
Wenn in Gewurzel ich von Staffel hin zu Staffel glimme,
Besinnt sich was: wie ich dereinst schon vielfach abwärts reiste!

Du holst mich ein, o Weib: einmal aus mir! Im Tal der Sagen.
Doch nun hat diese Einsamkeit zur Knospe sich verschlossen.
Gesang erklimmt im Wald zu uns noch sonnenhohe Sprossen,
Und Wehmut bleibt um mich: ich hör im Du ein Langher-klagen.

So war ich nie der Mensch: mein Augenblick unter den Sternen!
Es schöpft das Ich sich frei in eigensten Gebundenheiten.
Ich weiß erschaudernd nun von ihm, aus selbstgesuchten Fernen:
Die Abgründe sind steil, durch die sich Seelenheiten weiten.

Noch unverletzt im Dort, erteil ich mich an lauter Leute.
Ich bin, ein Dichtender, auch nun bloß kühngestimmtes Fragen.
Das frohste Kind seit Urbeginn: vom Tod erholt im Heute.
Geschwister treff ich kaum, die aus dem gleichen Kerne ragen.

Weil durch die Sonnen, unerlauscht, sich tieftse Sonnen ringen
Und Monde offenbaren, um als Opfer dir zu sterben,
So hör ich nur im eignen Tun das Wort für uns erklingen:
In mir, mein Ich: und doch zu schwer und schweigsamst herzuerben.

O das Geheimnis! Es gebiert mein Ich ein Volk für Sterne.
Sein Schicksalsschwung zerkreist die letzten Weltgeweide!
Die Schöpfung stürzt: gerichtet nach dem Ich im Gotteskerne.
Ich weiß mich nicht, doch bleibt uns Gott in seinem freien Leide.

Im Atem horcht das tiefste Ich, zum Atmenden gehalten.
Ein Hauch durch Heimweh wird das All: der Wunsch über den Welten.
Das ich verewigt sich. Es darf ein ganzes Volk gestalten.
Das war ich schon! bevor Gestirne unter uns zerschellten.

In Indien bin ich bloß ein Strahl vom Ich mit Urwaldschatten;
Ein Seelenquell darin, vielleicht mit seinem Traum und Leibe.
Ich weiß von andern Brüdern kaum: beim Aufblitz, beim Ermatten!
Doch bleibt ein Strahl mir warm vertraut. Er glüht zu meinem Weibe!

Er glimmt vom Ich, urunberührt, zu meinem, ihrem Herzen.
Durch Ratschluß hast du mir, mein Weib, dein Schicksal mitbeschieden.
Ich führe dich auf deinem Weg, zu Glück: durch meine Schmerzen.
Was trennte, Meine, uns? Wir suchen: sind verirrt hienieden.

Du sollst, geträumtes Indien, uns einander wieder schenken!
Ich bringe Schatten, werde Baum: bin Knospe schon, will blühen.
Doch Pfade schaff ich nicht. Was kann Geschicke freundlich lenken?
Geheimster Urwald: muß, zerträumt, mein Lied zu früh zersprühen?

In Indien finde ich dich nie. Hier bin ich nur im Traume.
Wo weil' ich sonst? Mein Weib, und du? Vielleicht in meiner Nähe!
Jahrtausende aus mir, mein Urwald, mit besonntem Saume,
Wo ist das Weib? Gib Antwort mir! Denn ewig ist die Ehe.

In andre Länder tauch ich auf: gebückt zu deinen Spuren.
Ich töte mich: das Ich kann andre Hüllen sich bescheren.
Wer weiß, in welchem Sein zuletzt wir einst von uns erfuhren!
Doch werden zueinander wir mit Leibern wiederkehren!

Der Strahl im Jetzt, zu mir, zu dir, zuckt einmal nur auf Erden!
Ich höre dich im Urwald nicht. Du sahst mich nie am Meere.
So hol ich dich als Krieger heim. Nein. Soll ich Bauer werden?
Ein guter Boden zieht uns an: Sink her! Durch Schicksalsschwere.

Doch bleibe ich in Indien nicht: hier weil' ich nur im Traume.
Verleiblicht auf dem Frankenschiff, besteh ich nun auf Nöten.
Ein Sturm verdichte sich! Schon wühle ich in seinem Schaume:
Wenn zu Entladung von Geschick sich Rettungstaten böten!

Nun lächeln alle Sterne. Südwind fächelt durch die Nacht.
Wie ist mir wohlgemut: dem großen Bären wehn wir zu.
Lebendig wogst du, Frankenschiff: beim Bugspriet halt ich Wacht.
Wir schlafen kaum an Bord. Ich käme ungern nur zur Ruh.

Ein Leuchtturm blüht empor. Verschwindet. Gleich der nächste Turm.
Ich weiß schon: eine Treppe! Aus Feuer. Sie brennt in mir.
Doch glimm ich über sie hinweg! Durch Sturm zum Sturm!
Die Kette der entflammten Türme aber hält mich hier.

Drum Sturm! Noch einmal: daß der Ätna uns heut nacht erscheint!
Vorbei an Leuchttürmen: heran, noch tiefer Feuerberg!
Nur Mut: durchs Blut blitzt Turmesglut, mit Glut vom Sturm vereint.
In Menschenhand gelingt auf See des Windes Wunderwerk.

Wir steigern uns nach Norden! Indien krümmt sich durch den Schlaf.
Verknüllt, noch zum Besinnungssaus: verkümmern mags dort bald!
Vesuv, wo bleibst du? Zerberus, den ich ost zweifelnd traf:
Verfluchter Hund mit Flammenzungen, voll von Pfauchgewalt.

Auf einmal stehn sie da: die Flammenspeienden! zu dritt.
Vesuv und Stromboli fast fern. Der Ätna lang schon nah.
Zehntausend Leuchtfeuer vertreppen sich im Einblick mit.
Wie kams, daß solches Feuerabenteuer uns geschah!

Mein Wind ward wild: die Leuchtturmketten riß er nicht entzwei!
Ihr bannt mich, gluthunde am Land, gezähmte Wächterreih!
Du Wolf im Sturm, verscheuche sie: ich blitze dich herbei!
Verräter! Flammen, die gehorchen, hört: wir brennen frei!

Ein Berg aus Wasser türmt sich vor. Wie klimme ich hinauf?
Mein Herz, mein Herz, was wagst du nun? Den Sturm? Vielleicht den Flug?
Den Löwensatz! Den Sturm bis in den letzten Wirbelknauf!
Elektrisch. Ganz in Wunders Gegenwart. Dabei auch klug.

Der Gischt schwingt über mich. Ich mach mir draus ein Flügelpaar!
Das Schiff zerbirst! Empor! Ich weiß, wie ich die Flügel spreiz.
Die aufgetürmte Treppe stürzt. Ich wiege mich als Wasseraar.
Ich stehe fest! Und schwimme, glimme, klimme auch bereits!

Des Franken Mannschaft merkt noch nicht, daß ich den Sturm berief.
Sie refft die Segel mir zuwider: mag nicht untergehn.
Das klettert auf die Masten gerad hinauf: ich stell sie schief.
Wie viele, dacht ich mir? den Kapitän und andre zehn!

Wozu die Fluten senkrecht aufgetürmt? Wozu den Sturm?
Damit mans Klettern lernt: daß Stiegen in der Not entstehn!
Der Kapitän ist zäh. Er steht im Bund mit einem Turm.
Er wankt nicht, kennt das Schwanken: weiß das Schiff zum Wind zu drehn.

Und ich verlier den Strauß: im eignen Traum aus Urgesaus.
Sieh, Warnungsturm, dich vor: zur Fackel macht dich rasch mein Griff.
Zum Sprung aus Jahr und Land bin ich gewillt: Erinnrungsbraus!
Mein Segeln wird ein Flug! Vernichtung trifft dich, tapfres Schiff.

Das freut mich: "Feuer!" schreit man. Es geschieht auf mein Geheiß.
Ich hab dem Schiff ein Fünkchen Ätna in den Rumpf geblitzt.
Man huscht und hascht nach Rettung! Sturmgepackt! Umloht! Im Schweiß.
Ich will mein Wrack: statt Segel Blust! Den Bauch rot aufgeschlitzt.

Das ist mein größter Treppensatz. Ein Flug! Ich bin ein Stern.
Heil, Sturm, der mich hinaufgehetzt! Wie hilfreich war die Glut.
Nun, Wasserhosen, tobt mir nach: ich reize euch so gern.
Wir spielen. Ich voll Munterkeit! Und ihr? Wie bald ihr ruht!

Ihr hascht mich nicht. Ich hab euch, Böen, bald schon weggeträumt.
Ein Schrei! Nun still. Es kommen Hilferufe aus der Flut.
Mein Aberwitz! Ich hab den Sturm erwühlt, emporgebäumt.
Zur Rettung nun: das war erbärmlich, fehlte mir der Mut!

Das Frankenschiff verbrannt. Ein Mann umklammert noch den Mast.
Die andern fort? Im Wutgeheul. Geflohen ohne Boot.
Und ohne Tod! Für immer Schwimmer. Hast um keine Rast!
Entsetzlichkeit! Erst jetzt erschreckt mich meine letzte Not.

O stürben sie dahin! Ich schuf sie, darum trifft mich Schuld.
Vermöchten wirs zu töten. Glühen löschend. Ich versuchs!
Durch Trug gelingts. Ich ruf: "Geruhigt seid in Gottes Huld!"
Jetzt faßt mich Gischt. Ich sink beim Sturz der Woge eines Fluchs.


  Theodor Däubler . 1876 - 1934






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