Gedichte.eu Impressum    

Gedichte, Lyrik, Poesie

Der sternenhelle Weg
162 Bücher



Theodor Däubler
Der sternenhelle Weg . 2. erweiterte Auflage 1919



Wald im Winter

Auf steilem Nebelhange stehn die alten Fichten.
Sie haben ihr verletztes Ich mit Schnee benetzt.
Die Bäume wollten auf die Sprache nur verzichten,
Sonst hätte sich ihr Wesen menschhaft eingesetzt.
Um ein Verwundertsein als Baum emporzudichten,
Beruhigte der Schnee, was Stürme aufgehetzt!
Verwundet ist der Baum und doch in Huld umwaltet,
Unfaßbar wie ein Traum und bis zum Saum gestaltet.

Dort stehen Könige vertriebener Geschlechter:
Auf einmal fällt ihnen die Schneekrone vom Haupt.
Sie nicken kaum und bleiben ungekannt die Wächter
Beruhigter Geduld, die sich bei uns umlaubt.
Die Wipfel schweben stolz, die Äste noch gerechter:
Wie sind sie schutzbereit, des Gutseins unberaubt!
So geht das Königtum in keinem Wald verloren,
Die höchste Herkunft wird in Bäumen junggeboren.

Auch Königinnen denken an vergangne Tage:
Sie tragen grüne Schleppen, weichen Schnee wie Pelz
Und schleiern sich in Nebel ein: sie werden Sage!
Kein Bach bespricht die Tat, erstarrtes Eisgewälz
Beklammert Felsen und der Fichten Schneegerage:
Der letzte Strahl umglast ein kaltes Bild mit Schmelz:
Das gleicht einem Erwarten ungeborgner Tiefen,
Die Pflanzen warnend vor den Abgrund riefen.

Auch weiße Schwestern, ganz in Winterweh versunken,
Verkümmern, knieend eingeschneit auf rauhem Kamm.
Sie wahren hingekauert ihren Glaubensfunken:
Die Äste sind verkrüppelt und verkrümmt der Stamm.
Sie sind ein Baumeseinsturz aus verschlungnen Strunken:
Das wachsende Gerüst einer zerfallnen Klamm
Und tasten wuchernd, reifbewimpelt, in die Risse
Gesprengter Eisgruben, unter dem Windesbisse.

Die kleinsten Tannen kommen fort auf hohen Flächen.
Es grünt ihr freier Stern aus weichem Wolkenweiß.
Die Spitze strahlt hervor: die zarten Zweige brechen
Beinah zusammen unter Schnee und Krusteneis.
Die freien Wipfel siegen über starren Bächen:
Verkrampfte Wildheit übersternt das Reis!
Ein weißes Feld mit grünen Sternen ist geblieben,
Bis Schnee dahinschmilzt, Nebel auseinanderstieben.

Auch Seher gibt es bei den eiskristallnen Grotten:
Ihr Büßerkleid ist eingenebelt, überschneit.
Die Raben kreisen kreischend an, wie um zu spotten,
Die Käuzchen klagen nachts in solcher Schlucht ihr Leid.
Auch sollen sich Gespenster hier zusammenrotten:
Der Pilger hält den Ort für gottlos und entweiht.
Doch drohend und verheißend stellen weiße Bäume
Wie Heilige sich vor den Tummelplatz der Träume.


  Theodor Däubler . 1876 - 1934






Gedicht: Wald im Winter

Expressionisten
Dichter abc



Däubler
Das Sternenkind
Hesperien
Der sternenhelle Weg
Die Treppe zum Nordlicht
Attische Sonette
Päan und Dithyrambos

Intern
Fehler melden!
AGB

Internet
Literatur und Kultur
Autorenseiten
Internet







Partnerlinks: Internet


Gedichte.eu - copyright © 2008 - 2009, camo & pfeiffer

Wald im Winter, Theodor Däubler