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Gedichte, Lyrik, Poesie

Der sternenhelle Weg
162 Bücher



Theodor Däubler
Der sternenhelle Weg . 2. erweiterte Auflage 1919



Unerträumbarkeiten

Mir ist bei Sternennacht ein Weib im Schleierkleid erschienen:
Es winkte ihre weiße Hand, beringt mit Blutrubinen.
Ich folgte diesem Traumgesicht. Der Wind hat uns begleitet:
Und wie ich über Spitzen glitt, hat sich die Mondsee ausgebreitet.
Wo war ich, welches Meer umschlang die Höhen meiner Stege?
Das Weib entschwand, der Wind blieb in den Palmenwedeln rege.
Dort stand ein Fels vor mir: im Mondlicht schien er bleich und kahl,
Ich stieg empor! Allein, der Wind verging mit einemmal.

Der Wind, mein Lehrer, Freund von meinem Haupte, war dahin!
Er spielte viel im Haar, da fand ich Deutungen und Sinn.
Nun ward mir meiner Füße Freude, samtig warmes Moos.
Mein eigner Schlaf ging neben mir, der Leib war bleich und bloß!
Der blaue Schlaf, mit seinem Herzen, sichtbar wie ein Stern,
Verbarg sich hinter Glühwürmchen: ich folgte ihm so gern!
Das Moos betaute sich, ward diamantenhart und kalt:
Da bin ich wieder einsam über Steine hingewallt.

Ich kam zu einem Haus mit steilem, rundgebautem Tor,
Im Innern sang ein Weib, bei ihm ein singender Tenor.
Die Stimmen klangen klar in einer Flucht von hohen Hallen,
Und Ampelkerzen glühten auf im großen Widerhallen.
Ich wagte nicht, die echoreichen Räume zu betreten,
Und da bestürzte mich im Saal Geschmetter von Trompeten.
Der Boden bebte, dem Palast entblühte ein Komet:
Ich wankte tief zurück vor einem sichtbaren Gebet.

Es war ein roter Stern am Sternenhimmel aufgegangen:
Ich stand allein am Meer und sollte weit hinausgelangen.
Da warf ich mich ins Schwarz der Flut, um frei hinwegzuschwimmen.
Doch plötzlich hielt ich inne: deutlich riefen Männerstimmen!
Ich schwamm ja schwerverknäult, doch hört ich Menschen, die mich baten
Getrost zu sein: in eines Fischers Netz war ich geraten.
Man zog mich in das Boot, und Augen sahn mich hilfreich an,
Dann fuhr ich sanft zurück, bis das geträumte Schiff zerrann.

Ich mußte wieder steil empor, zur innern Höhe steigen,
Denn was ich wahrnahm oder hörte, war mir längst zu eigen.
Zypressen wuchsen dunkel auf, in schroffer Schluchten Flucht,
Orangen blühten, silberten um ihre goldne Frucht.
Schalmeien tönten hell durch eines Dudelsacks Gebrumm.
Noch ging es weit zurück, zur Selbstgeburt: da blieb ich stumm.
Der Mutter Auge hatte lang zu mir herabgeblickt,
Ich merkt es nicht: doch liebreich hat ihr Antlitz nun genickt.

Was ich geträumt hab, zog hinweg, entschwebte, schwand für immer.
Denn Träume sind vergänglich, wir zerstören ihren Schimmer.
Wir müssen, was uns nachts erweht, in kaltem Schlaf bestatten,
Gespenster, die zu Menschen irren, fühlen ihr Ermatten.
Ein östlicher Palast verging im Flug vor meinen Sinnen;
In seinen Hängegärten schienen schöne Paare sich zu minnen.
Mit offnen Palmenblättern ist das Schloß davongeflogen,
Ich stürzte in mich selber ab, in steilgeträumtem Bogen.


  Theodor Däubler . 1876 - 1934






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