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Gedichte, Lyrik, Poesie

Der sternenhelle Weg
162 Bücher



Theodor Däubler
Der sternenhelle Weg . 2. erweiterte Auflage 1919



Apenninische Nacht

Die Sonne hat am Abend über Korsika geblutet.
Violette Seligkeiten spendete geträumtes Meer,
Auf einmal ging es weiß über den Fels hervorgeflutet:
Es kamen Schafe an: das Hirtlein fand die Pfade schwer.

Sowie das Kind erschien, so blitzten auch die ersten Sterne.
Die Herde wogte an, und alle Wolken waren fort,
Die Inseln sind verblaßt, und aus mir selber trat die Ferne,
Denn Riesen standen auf: der Gipfel blieb ein stummes Wort.

Die Eltern Öffneten dem heimgekommnen Sohn die Arme.
Der Vater schien im Licht der Mondessichel weiß und alt.
Er segnete beim Gruß das Kind im großen Sternenschwarme.
Ein Söhnlein säugte noch der Mutter tragende Gestalt.

Die Milchstraße ward sichtbar, es begrüßten sich die Bäume,
Der Hauch der Nacht umhalste Stämme, rauschte durch das Laub:
Die Sichel sank, doch blieb ihr leichtes Silber für die Träume;
Ein Sturzquell wurde laut, ein Fluß aus lauter Wasserstaub.


Der Alte sagt: der schwarze Gipfel hat dereinst gesprochen,
Denn Dante weilte oben in der Sterneneinsamkeit.
Dort wohnte er zur himmlischen Vollendung sieben Wochen:
La Falterona heißt der Berg seit ungekannter Zeit.

Der Gipfel weist von hier zur Wage und zum Kleinen Bären.
So schweife seiner Lehne nach, sie kommt zum Stern, der ruht.
Den Arno kann die Südwand im Geklüfte wild gebären,
Nun lausche hin durch Wald und Wind, du hörst ihn leicht und gut.

Die Mutter und der Knabe sind beseligt noch zugegen.
Zu ihnen spricht der Vater stolz: der Berg hat einen Sohn.
Castagno, sein Geburtsort, ist am Nordhange gelegen.
Andrea hieß er, und ihm ward als Maler hoher Lohn.

Auch Michelangelo war hier: er stammt aus diesem Lande.
Im Osten bricht der Tiber vor; dort drüben stand sein Haus.
Mein Kind, geh mit der Herde nie bis zu dem Bergesrande,
Zur Tiberquelle schleicht ein Wolf: er heult durch das Gebraus.


Nun geh zur Ruhe: sagt die Mutter sanft zu ihrem Kinde.
Der Sohn gehorcht; dann spricht sie mit dem Kleinen auf dem Arm:
So schlafe du, ich schütze dich, mein Süßer, vor dem Winde,
Bald lieg ich auch zu Bett; nun schlummre weiter wohl und warm.

Und dann beginnt die Frau, was sie erfahren, zu erzählen:
Ein reicher Müller spukt in dieser bachdurchrauschten Schlucht.
Zur Sonnenwende sollen ihn die schlimmsten Geister quälen.
Sie kamen schon zur Lebenszeit; er litt an einer Sucht.

Die Tochter liebte seinen Knecht, der Müller war dagegen,
Er suchte für die Braut im Land nach einem reichen Mann.
Zwei Leichen fand man bald im Bach: kein Priester gab den Segen.
Dann sah man lang ein Flügelpaar, bevor der Tau begann.

Nun ruhn sie wohl: der Geizhals aber muß im Tal erscheinen.
So manche Messe las man schon, doch kommt er noch zurück!
Nun gute Nacht, ich geh zu Bett, sonst wird mein Kleinster weinen.
Hier wird es wild und kalt: ich wünsch euch auf die Reise Glück.


Kann sein, daß es Gespenster gibt, vielleicht bloß Weiberglaube,
Beginnt der Alte und verweilt noch etwas vor der Tür.
Doch Fremdling, wenn du Räuber merkst, so mach dich aus dem Staube.
Doch sicher bist du hier als Gast, ich sorge schon dafür.

Es gibt noch einige Geächtete, die mich besuchen.
Auch wir sind Kinder der Maria! ist ihr kurzer Gruß.
Die Seele dieser Armen schleicht umher; sie fürchten sich zu fluchen.
Wenn einer schimpft, so glaubt, daß er sich sorglos fühlen muß!

Sie stehlen meistens nur ein Huhn und möchten oft verdienen.
Von jedem aber weiß man, daß er einmal Arges tat.
So manchem ist das Opfer in der Nacht der Not erschienen.
Er mordete vielleicht, nachdem er lang um Hilfe bat.

Doch schlummert gut, denn sicher ist die Hütte, still die Wege!
Befragt die Sterne, wenn ihr möchtet, denn mein Pfeifchen raucht ich aus.
Lebt wohl, wenn ihr schon morgen zieht. Verzeiht, wenn ich mich lege.
Gut Nacht! die Tür wird angelehnt, doch offen bleibt das Haus.


Mir wird so weh, um jede Sternennacht, die ich verschlafen,
Da ich in Städten hauste, zwischen wilden Träumen lag.
Die Bäume wissen voneinander, doch die Schafe schlafen.
Auf Steinen blaut der Tau, Geburten gehen vor im Hag.

Im Osten stehn die Fische aufgereckt über dem Meere:
Plejaden, ihr entzückt mich wie ein Eiland in der Nacht.
Ist dort im Tal ein stiller Spiegelsee für Sternenheere?
Das ist Florenz, von seinen Lichterscharen sanft bewacht.

Dem Meere zu beginnt ein Dreizack wunderlich zu scheinen.
Die Republik von San Marino krönt Sankt Elmsgeleucht.
Die drei erloschenen Vulkane kann der Glanz vereinen;
Erwachen sie? Wird aus dem Meer ein Lichtwurm aufgescheucht?

Soll uns in diesem Jahre nicht Amiels Komet erkreisen?
Besinne dich: man ward auf Warten seiner schon gewahr!
Er ists: ein Stern zu uns gefügt aus tiefen Feuerreisen.
Und er besamt das Meer. Und steht so sicher wie ein Aar


Mein waches Träumen ist mit hohen Sternen ernst vergangen.
Ich ward des Nachts von Stimmen und Gebärden aufgeschreckt.
Wie klar die Schritte und die Worte vor der Hütte klangen:
Auch wir sind Kinder der Maria, haltet uns versteckt!

Wozu noch Abschiednehmen, ich bin bald darauf gezogen.
Man fragte drin, ich hört es gut, woher ich kam und war.
Ein fremder Mensch, ein Pilger wohl! Der Mann hat nicht gelogen.
Ich ging: der Stern im Morgenrot empfing mich wunderbar.

Aus Bosnien ist dann bald die Sonne prachtvoll aufgegangen.
Dalmatiens weiße Zacken waren wie ein weißer Kamm
Der Riesenwoge Adria mit blauem Lichtverlangen,
Auf der ein Wolkensegler, steil bis in den Himmel, schwamm.

Und wie ich niederstieg, erhoben sich die Silberschwäne,
Das Frühgewölk, wenns in die milde Himmelskühle taucht.
Ich fand die Bäume; alle trugen goldnes Traumgesträhne.
Auch Erdbeerflecken, wie Rubine diamantbetaut.


  Theodor Däubler . 1876 - 1934






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