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Das Sternenkind
162 Bücher



Theodor Däubler
Das Sternenkind . 1. Auflage 1916



Höllensturz

                              Trovai un tal di voi, che per sua opra
                              In anima in Cocito già si bagna
                              Ed in corpo par vivo ancor di sopra.
                                     Dante, Inferno: XXXIII, 155-157.


.Begierig umgrinst mich das schreckliche Nichts.
Gebirge des Irrtums zergipfeln in Schmerzen.
Es dringt mir ein giftiger Griffel zum Herzen:
Ich harre gerichtet des Höllengerichts,
Wo Spinnengespenster mit Hilflosen scherzen:
Ich habe ein Recht, doch ein Schlingel verficht's!
Der Hunger, das Einhorn mit schleppenden Zitzen,
Das zehn sägenfletschende Dursthunde schinden,
Beginnt mir, gelbscheckig, den Darm durchzuschlitzen:
Und Ekel verbaucht mich in Schneckengewinden.
Der Irrsinn als Stier macht entsetzliche Sätze,
Er krümmt sich, im Sprung hinter mir zu verschwinden;
Jetzt schwingen mich Hörner auf mehrere Plätze.
Doch zucke ich wieder durch Schmerzen zusammen
Und fasse mich flackernd in flatternden Flammen.
Die qualvolle Angst unterqualmt mich als Quasten:
Die lodernden Goldborten horchen als Ohren
Zu atmenden Ranken, die antastend glasten,
Die anwachsend sagen: "Erwache als Schande!
Du hast die vollkommene Nacktheit verloren,
Du gleißt im zerschlissenen Flammengewande!"
Das Aderngeklammer verlangt es zu jammern,
Das schallt wie aus lauter vergrabenen Kammern:
"Das Sprechen, Versprechen, ein Sterbensverbrechen,
Verkleidet, verkleistert verderbliche Schwächen.
Die kläglichen Reden verkleben, verpechen
Die kräftigen Griffe mit brennenden Bächen."
Ein zirpender Wirbel erkreist mein Gewissen,
Ich werde vom wimmernden Schmerz fortgerissen;
Das flimmert und fiebert. Ein Silberlicht glimmt:
"Ich war eine Maid, deinen Sinnen bestimmt.
Ich weinte zum Manne, mach du mich zum Weibe,
Ich flehte um Frieden im lodernden Leibe,
Doch nahmst du mich nicht, und nun schwirr ich als Scheibe."
Die Finsternis splittert ihr innerstes Funkeln:
Auf einmal erweicht mich das eigene Schweigen.
Die wispernden Wische verstummen im Dunkeln,
Nun kann sich die leuchtende Einsicht verzweigen!
Das flimmert im Hirne, entfiebert den Fingern:
"Es wird jetzt ein Mensch still und glücklich empfangen.
Es darf ihm kein Wissen sein Wittern verringern,
Er mag aller Macht kalten Anstand erlangen."
Da lache ich auf: Ein Gesalbter auf Erden!
Ich grüße dein fürstliches, leuchtendes Werden.
Wie sanft sich ein keimendes Wesen entfaltet.
Die Ruhe verwundert sich. Wölkt sich im Dunkel.
Es gibt einen Frieden! Den Kindlein beschieden?
Des Guten Geburt, Grund und Mund zum Gefunkel,
Wird sacht von der Mutter Bewegtheit gestaltet:
Sie kann es mit goldener Hoffnung umfrieden.
Sie horcht auf ihr Herz, auf sein Hämmern und Pochen.
Schon kommen des Knaben frohgoldene Wochen.
Erfreue die Mutter, bewege dich, Knabe!
Nun muß sie dich lieben, dein Wachsen verklären.
Empfange vom Weibe den Leib, seine Gabe. %é
Du sollst die verborgene Sonne gebären.
Du sichtbarer Friede, du freundlicher Stern.
Umgolde, versorge, verpanzre den Kern;
Erringe das fiebernde Wittern der Welt,
Entflamme die Macht, die den Abhang bewacht,
Um den sich das Kreisen der Preisungen wellt.
Behaupte dich! Stürze dich ganz in die Nacht.
Sei grausam, durchschaue das Höllengerölle.
Dein Strahl blitzt zum Aufbruch! Hier krümmt sich die Hölle!


  Theodor Däubler . 1876 - 1934






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