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Gedichte, Lyrik, Poesie

Gedichte
162 Bücher



Carl Busse
Gedichte . 2. veränderte Auflage (vermutlich) 1894/1895



Elsa

(Augsburg)

I.
Erste Begegnung.

Schlender' ich gestern so kreuz und quer
In allen Straßen hin und her,
Droben am neuen Theater vorbei
Und an der hundertsten Bierbrauerei,
Seh ich da plötzlich in den Alleen
Ein schlankes Mädel vor mir gehn.

Dicht ihr zur Seite ein junger Mann,
Wohl Sekundaner, man merkts ihm an,
Und neben den beiden, der dritte im Bund,
Ein kahlgeschorner, abscheulicher Hund.

Ich erst voraus auf Nebenwegen,
Dann kehr' ich und schreite dem Kleeblatt entgegen,
Und mitten im flimmernden Sonnenlicht
Schau ich das reizendste Frühlingsgesicht.
Ein Mädel, sechzehn, auch siebzehn Jahr,
Mit vollem, bräunlichem Lockenhaar,
Am gelben Strohhut ein rotes Band,
Den kleinen Sonnenschirm in der Hand,
Die Augen blau wie der Julitag,
Die Stimme frisch wie ein Lerchenschlag,
Auf schwarzen Strümpfen braungelbe Schuh,
Und ein weißes, faltiges Kleid dazu.

Der Gymnasiast, mit dem Augenglase
Auf seiner gestülpten Sokratesnase,
Zieht sich kokett eine Schnupftuchecke
Vorn an der Brust aus dem Taschenverstecke.

So wandeln sie mählich an mir vorbei
Bedächtigen Schrittes alle drei:
Der Backfisch mit träumendem Sehnsuchtsmund,
Der Sekundaner und der Hund.

Aber noch einmal wend' ich den Kopf
Nach dem kastanienbraunen Zopf.
Und wie das so kommt, da will es mein Glück,
Schaut auch das Mädel nach mir zurück.
Ich nicke und lächle, sie dreht sich um,
Thut wie entrüstet, weiß selbst nicht, warum,
Kommt aber schließlich doch zu Verstand,
Hat sich noch einmal zurückgewandt,
Ich habe sie fragend angeblickt,
Sie hat mir verschämte Antwort geschickt:
Aus blauen Augen verheißenden Schein.

Jetzt biegen die drei in ein Gäßchen ein.

Nun wandel ich einsam den Laubengang
Mit sommerfrohem Gemüt entlang,
Um mich ein leuchtender Julitag,
Ueber mir schmetternder Finkenschlag,
Und durch Kastanienwipfel bricht
Grüngoldig zitterndes Sonnenlicht.

Heute Nachmittag, so gegen drei,
Gingen sie wieder an mir vorbei,
Mitten im blitzenden Sonnenglast:
Das Mädel, der Hund und der Gymnasiast.
Kaum hat das Mädel mich heut erschaut,
Schwatzt und lacht es noch einmal so laut,
Zeigt mit dem Schirme, die Heuchlerin,
Wie bewundernd nach oben hin,
Und ihr Bruder, der gute Junge,
Glaubt auch wirklich der Plapperzunge,
Blickt in die leuchtenden Sommerhöhn
Und erklärt sie für wundervoll schön,
Während die Schwester das Köpfchen dreht,
Während heimlich mein Taschentuch weht,
Während ein Linden- und Liebesduft
Träumend durchwandert die Sommerluft.

Schließlich giebt sie mit schämigem Glück
Mir auch gelehrig die Kußhand zurück.
Nun mögen die drei aus den Augen mir schwinden,
Das Mädel werd' ich schon wiederfinden,
Ihr letzter Blick hat mir Hoffnung gemacht,
Daß wir zwei uns noch treffen zur Sommernacht.



II.
Deine Hand ...

Deine Hand so schmal, deine Hand so kühl,
Du selbst kaum sechzehn Jahre,
Es steigt ein Duft so liebesschwül
Aus deinem vollen Haare.

Deine großen Augen irren und glühn
Nach droben in Sommergedanken,
Wo träumend in dem Blättergrün
Kastanienblüten schwanken,

Nach droben in die leuchtenden Höhn,
Die tausend Grüße dir schicken,
Du selbst so jung, so sündhaft schön,
Und den Frühling in lachenden Blicken.



III.
Parkstimmung.

Die schmalen Wege strecken
Sich nacht- und sommerschwer,
Es schwanken die dunklen Hecken
Des Taxus drüber her.

Der Parkteich glänzt und glimmert,
Der Fuchs bellt fern im Tann,
Vom Mondschein kühl umschimmert
Steigt stolz der Schloßturm an.

Die Weidenruten neigen
Sich tief zum Wasserrand,
Und lautlos ziehn im Schweigen
Zwei Schwäne an den Strand.

Sie drehn die schlanken Hälse
Verträumt den Flügeln zu -
Ach Else, schöne Else,
Wir beide, ich und du ...!



IV.
Schießgrabenallee.

Weißt du, in den Laubengängen,
Wo die alten Linden sind,
Wo der Wind in Flüsterklängen
Das Geblätter nur durchrinnt,
Wo in Nächten, süßen, stillen.
Winken durch das Laub herfür
Nur die Kaiserstraßenvillen
Mit den Gärten vor der Thür,
Wo hernieder aus den Kronen
Ein verschlafner Vogel singt,
Und verweht von den Balkonen
Ein verträumtes Wort erklingt,
Dort, wo durch die Wölbung dichter
Zweige blickt der Sterne Lauf -
Beichte mal, verliebter Dichter,
Junge Knospe, brachst du auf?



V.
Schäferstunde.

Mit gesenkten Blütenglocken
Schlafen jetzt die Blumen ein,
Deine braunen Liebeslocken
Leuchten durch den Abendschein.
Hörst du, wie mein jugendvolles
Herz zu klingen nun beginnt,
Elschen, du mein kleines, tolles,
Du mein schwäbisch Frühlingskind?

Durch die alten Lindengänge,
Abendduft- und sommerschwer,
Treibt der Wind noch "Rheingold"-Klänge
Von entfernten Gärten her.
Meine weiße Dijonrose,
Wie das Herz dir fliegt und flammt!
Und dein Gürtel ist so lose,
Und die Luft so weich wie Sammt.

Einer von den braunen Zöpfen
Streift vornüber dein Gesicht,
Und in den Perlmutterknöpfen
Sammelt sich das letzte Licht.
Bald auf alles in der Runde
Sinkt das liebe Dunkel hin,
Und nun naht die Schäferstunde -
Else, spielst du Schäferin?



VI.
Im Flieder.

Ach, jener Sommer im Süden!
Die Kirschen saßen zu Hauf,
In meinem Herzen, dem müden,
Blühten die Rosen auf.

Des Windes weiches Gefieder
Strich lose dort und hier,
Es neigte der türkische Flieder
Sich nickend vom Spalier.

Und singend gingen und sachte
Die Quellen durch das Licht,
Und aus dem Flieder, da lachte
Das schönste Mädchengesicht.



VII.
Vor der Abreise.

Sei mir nicht böse, trockne die Thränen,
Nicht das Herz mir noch schwerer gemacht!
Unsre Liebe war doch nur ein Wähnen,
Nur ein lockender Traum der Nacht.
Nur ein Traum, wann die Lüfte lauschen,
Und die Sorgen so meilenweit ...
Laß ihn verklingen, laß ihn verrauschen
In den strömenden Wogen der Zeit.

Kommt einst das Alter, versiegten die Quellen,
Gehst du gebückt überm Wanderstab,
Denkst du wohl manchmal des losen Gesellen,
Der deiner Jugend die Weihe gab,
Der beim leuchtenden Lichte der Sterne
Heiß sich an deine Brust einst geschmiegt,
Der dann wohl längst in verlorener Ferne
Unter dem rasigen Hügel liegt.

Sei mir nicht böse, trockne die Thränen,
Laß sie verrauschen, laß sie verwehn:
Unsre Liebe war doch nur ein Wähnen,
Klingend mag sie nun untergehn!
Bin ich bei dir auch glücklich geworden,
Bei deines Herzchens leisem Geklopf,
Immer doch stieg vor mir auf aus dem Norden
Leuchtend ein andrer Mädchenkopf.


  Carl Busse . 1872 - 1918






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