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162 Bücher



Carl Busse
Gedichte . 2. veränderte Auflage (vermutlich) 1894/1895



Abendgebet

Der Abend steigt ... Der Purpurschleppensaum
Der Fürstin Sonne liegt noch rot und blendend
Im Westen da, und wie in wachem Traum
Stehn rings die Aehren ... Seinen Schrei entsendend
Fliegt einmal nur der Wachtelkönig rings
Ueber goldblonden, sommerlichen Weizen,
Dann naht mir lautlos eines Schmetterlings
Tiefabendmüdes, stilles Flügelspreizen.

Ein Pfauenauge flattert um mich her,
Ein Peitschenknall tönt dann aus grauen Weiten,
Vom Horizonte mag schon mehr und mehr
Des Purpurmantels Ende niedergleiten.
Noch schallts wie Worte ... ich versteh sie nicht,
Die schwingenden, die abendluftverwehten,
Da ... einmal noch erstrahlt das letzte Licht,
Jetzt ist es still, und jetzt, Herr, will ich beten:

Ich bin ein Mensch, ein sünd'ges Kind der Zeit,
Jehovah, Christus, Gott - hörst du mein Flehen?
Mein junges Leben ist der Kunst geweiht,
Ich will des Künstlers Dornenpfade gehen.
Und ich will ringen, heiß und ohne Ruh,
Und rastlos schaffend nach Vollendung streben,
Mich treibt das Herz, das Herz treibt mich dazu,
Und dieses Herz - Du hast es mir gegeben!

Ich weiß es wohl, der Weg ist steil und rauh,
Noch liegt das Ziel in dämmernd weiten Fernen,
Doch dieser Weg, er führt durch Wolkengrau,
Durch Erdendunkel zu den ewigen Sternen.
Nun hör mich, Herr! ... Zitternd in Leidenschaft
Schluchzt auf zu dir die junge Künstlerseele,
Stärk' mir die Schwingen und gieb du mir Kraft
Und leite mich, daß ich des Ziels nicht fehle!

Noch ist mein Blick nicht frei, noch wallt der Dunst
Der Welt vor ihm ... so kläre mir das Auge,
Weih' mich zum Priester deiner wahren Kunst,
Daß ich ins Herz mir deine Sonnen sauge.
Führ' mich zur Freiheit, Herr und salbe mich,
Denn König ist der Dichter hier auf Erden,
Allewiger, Gewalt'ger, laß auch mich
Ein großer Dichter und ein König werden.

O könnt' ich dann durch meines Liedes Ton
In meinem Volke einen Sturm entfachen,
Daß meine Brüder nicht in Spott und Hohn
Mehr unsre Dichtung, unsre Kunst verlachen,
Daß all mein Deutschland jauchzend zu mir steht,
Zu mir, zu uns, daß alle Zagen lauschen,
Wie unser Sang träumend und tröstend geht,
Wie hell die Saiten unsrer Harfen rauschen!

Unendlicher, von dem in unsrer Brust
Ein Teil auch lebt, laß es zur Wahrheit werden,
Daß wie der Lenz mit seiner Blütenlust
Die Poesie hinwandelt ob den Erden,
Geliebt vom Volk! ... O gieb, daß es geschieht! ..
Laß unser Volk hinauf einst zu uns steigen,
Daß auf den Lippen wir ein Friedenslied
Den Mund zum Kuß auf seine Stirne neigen.

Es wallt das Korn, ein sanftes Abendwehn
Streicht drüber hin in matten Atemzügen,
Um mich ists einsam, und in stillem Flehn
Muß ich die Hände ineinanderfügen.
Noch einmal bet' ich, heiß und wahr und schlicht,
In unsres Volks, in unsrer Dichter Namen ...
Die Nacht bricht an, doch oben wird es licht.
Und von den Sternen tönts wie: Amen ... Amen ...


  Carl Busse . 1872 - 1918






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