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Karl von Holtei
Gedichte . 4. Auflage 1856



Prolog zur Eröffnung dramatischer Vorlesungen in Quedlinburg,

(November 1846.)

In Abendnebel herbstlich eingehüllt,
Naht langsam sich der Stadt ein Wanderer.
Sein Bart ist grau, bleich ist sein Angesicht;
Nur zögernd schreitet er durch's off'ne Thor.
Unsicher, wie des Pfades nicht mehr kundig,
Schaut prüfend er und irren Blick's umher?
Und dennoch muß er diese Gassen kennen
Von früh'ster Zeit; nur, daß er mühsam sich
Und ängstlich-spähend erst zurechte findet.
Nun weiß er, wo er ist. Vor einem Hause,
Ihm wohlbekannt aus längst vergang'nen Tagen
Bleibt er nachdenklich steh'n. Anklopfen will er,
Doch zittert ihm die Hand, und eine Thräne
Der Wehmuth zittert in dem Auge ihm.

So tritt er ein, begrüßt die würd'ge Hausfrau,
Sie aber kennt ihn nicht, und schüttelt zweifelnd,
Ungläubig wohl ihr Haupt; er ist ihr fremd.
Da nennt er sich, und als er sich genannt,
Noch immer zweifelt man; fragt immer wieder:
Ob dies der arme, blasse Jüngling sei,
Den einst gastfreundlich dieses Haus beherbergt?
Denn ach, der Jüngling ist im Kampf' des Lebens
Zum Greise schier geworden: müde, matt,
Vereinsamt, freudeleer, so kehrt er wieder,
In Einem jung, in Einem kräftig nur:
In dem Gefühle reiner Dankbarkeit. -

Der Mann mit grauem Bart bin ich. Das sieht
Ein Jeder klar. Doch, daß ich auch der Jüngling
Bin, oder war, den längst Begrabene
Dereinst voll Nachsicht freundlich hier geduldet,
Das wird so Manchem fast unglaublich scheinen?
Und dennoch bin ich's. Bin derselbe Mensch,
Der, jetzt vor einunddreißig Jahren, hier
In diesem Saale stand, mit schwacher Stimme
Die Erstlingsfrüchte seines Künstlerlebens
Vor Euren Eltern schüchtern darzubringen.

Freiwill'ge Jäger waren wir. Daneben
Auftauchende Poeten, thör'ge Knaben,
Declamatoren, Sänger, Komödianten, -
Mein Gott, wir waren Alles was man wollte,
Und ganz besonders recht kindische Kinder.
Zerstreut durch alle Lande lebt die Schaar,
(Die Todten freilich immer ausgenommen;)
Jedweder mußte seinen Sternen folgen.

Mich führten sie durch Sumpf und Blütenhaine,
Durch Tag und Nacht, durch Frühling oder Winter,
Durch Wiesenduft und Schnee, bergauf, bergab;
Doch wie ich strebte, irrte, litt und hoffte;
Wie ich im Unglück, oder auch im Glück
Die Wechsellaunen des Geschick's ertrug;
Wie bitt'rer Tadel mein Bemühen traf,
Wie auch zum Kranz mir mancher Zweig sich schlang, -
Ein's hab' ich immer in der Brust bewahrt:
Für diese Stadt ein treues Angedenken,
Für jede Gunst ein inniges Gefühl,
Für jede Wohlthat tief-empfund'nen Dank.

Daß es anmaßend nicht, noch eitel klinge,
Wenn ich bekenne: solches Dankes Pflicht
War's, die mich antrieb, heut' in diesem Raume
Als Künstler aufzutreten. Seines Fleißes
Darf sich ja Jeder rühmen. Was ich ward
In meiner Kunst, was strebend ich erreicht,
Wodurch in Deutschland's größern Städten ich
Der Bess'ren Antheil siegend mir errang,
Dies jetzt vor Ihnen, sei's durch kleine Proben,
Frei zu entfalten, ist mein reger Wunsch.

Und möge, wenn ich diesen Platz verlassen,
Die Stimme einer mütterlichen Freundin
Den alten Schützling freudig anerkennen.
Ja, möge sie zu ihren Enkeln sagen:
Es reu't mich nicht, daß ich den kranken Jäger
Vor dreißig Jahren rettend bei mir aufnahm,
Denn etwas ist ja doch aus ihm geworden,
Und ganz vergebens hat er nicht gelebt.


  Karl von Holtei . 1798 - 1880






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