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Gedichte
162 Bücher



Ferdinand Freiligrath
Gedichte . 1848



Die Tanne

1.

Auf des Berges höchster Spitze
Steht die Tanne, schlank und grün,
Durch der Felswand tiefste Ritze
Läßt sie ihre Wurzeln ziehn;

Nach den höchsten Wolkenbällen
Läßt sie ihre Wipfel schweifen,
Als ob sie die vogelschnellen
Mit den Armen wollte greifen.

Ja, der Wolken vielgestalt'ge
Streifen, flatternd und zerrissen,
Sind der Edeltann' gewalt'ge,
Regenschwangre Nadelkissen.

Tief in ihren Wurzelknollen,
In den faserigen, braunen,
Winzig klein, und reich an tollen
Launen, wohnen die Alraunen,

Die des Berges Grund befahren
Ohne Eimer, ohne Leitern,
Und in seinen wunderbaren
Schachten die Metalle läutern.

Wirr läßt sie hinunterhangen
Ihre Wurzeln ins Gewölbe;
Diamanten sieht sie prangen,
Und des Goldes Glut, die gelbe.

Aber oben mit den dunkeln
Aesten sieht sie schönres Leben;
Sieht durch Laub die Sonne funkeln,
Und belauscht des Geistes Weben,

Der in diesen stillen Bergen
Regiment und Ordnung hält,
Und mit seinen klugen Zwergen
Alles leitet und bestellt;

Oft zur Zeit der Sonnenwenden
Nächtlich ihr vorübersaus't,
Eine Wildschur um die Lenden,
Eine Kiefer in der Faust.

Sie vernimmt mit leisen Ohren,
Wie die Vögel sich besprechen;
Keine Sylbe geht verloren
Des Gemurmels in den Bächen.

Offen liegt vor ihr der stille
Haushalt da der wilden Thiere.
Welcher Friede, welche Fülle
In dem schattigen Reviere!

Menschen fern; - nur Rothwildstapfen
Auf dem moosbewachs'nen Boden! -
O, wohl magst du deine Zapfen
Freudig schütteln in die Loden!

O, wohl magst du gelben Harzes
Duft'ge Tropfen niedersprengen,
Und dein straffes, grünlichschwarzes
Haar mit Morgenthau behängen!

O, wohl magst du lieblich wehen!
O wohl magst du trotzig rauschen!
Einsam auf des Berges Höhen
Stark und immergrün zu stehen -
Tanne, könnt' ich mit dir tauschen!


2.

Inmitten der Fregatte
Hebt sich der starke Mast,
Mit Segel, Flagg' und Matte;
Ihn beugt der Jahre Last.

Der schaumbedeckten Welle
Klagt zürnend er sein Leid:
"Was hilft mir nun dies helle,
Dies weiße Segelkleid!

Was helfen mir die Fahnen,
Die schwanken Leiterstricke?
Ein starkes innres Mahnen
Zieht mich zum Frost zurücke.

In meinen jungen Jahren
Hat man mich umgehauen;
Das Meer sollt' ich befahren
Und fremde Länder schauen.

Ich habe die See befahren;
Meerkön'ge sah ich thronen;
Mit schwarzen und blonden Haaren
Sah ich die Nationen.

Isländisch Moos im Norden
Grüßt' ich auf Felsenspalten;
Mit Palmen auf südlichen Borden
Hab' Zwiesprach ich gehalten.

Doch nach dem Heimathberge
Zieht mich ein starker Zug,
Wo ich in's Reich der Zwerge
Die haarigen Wurzeln schlug.

O stilles Leben im Walde!
O grüne Einsamkeit!
O blumenreiche Halde!
Wie weit seid ihr, wie weit!"


  Ferdinand Freiligrath . 1810 - 1876






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Die Tanne, Ferdinand Freiligrath