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Gedichte
162 Bücher



Adelbert von Chamisso
Gedichte . 1836



Frauen-Liebe und Leben

1.

Seit ich ihn gesehen,
    Glaub' ich blind zu sein;
Wo ich hin nur blicke,
    Seh' ich ihn allein;
Wie im wachen Traume
    Schwebt sein Bild mir vor,
Taucht aus tiefstem Dunkel
    Heller nur empor.

Sonst ist licht- und farblos
    Alles um mich her,
Nach der Schwestern Spiele
    Nicht begehr' ich mehr,
Möchte lieber weinen
    Still im Kämmerlein;
Seit ich ihn gesehen,
    Glaub' ich blind zu sein.


2.

Er, der herrlichste von allen,
    Wie so milde, wie so gut!
Holde Lippen, klares Auge,
    Heller Sinn und fester Muth.

So wie dort in blauer Tiefe,
    Hell und herrlich, jener Stern,
Also er an meinem Himmel,
    Hell und herrlich, hoch und fern.

Wandle, wandle deine Bahnen;
    Nur betrachten deinen Schein,
Nur in Demuth ihn betrachten,
    Selig nur und traurig sein!

Höre nicht mein stilles Beten,
    Deinem Glücke nur geweiht;
Darfst mich, niedre Magd, nicht kennen,
    Hoher Stern der Herrlichkeit!

Nur die Würdigste von allen
    Soll beglücken deine Wahl,
Und ich will die Hohe segnen,
    Segnen viele tausend Mal.

Will mich freuen dann und weinen,
    Selig, selig bin ich dann,
Sollte mir das Herz auch brechen,
    Brich, o Herz, was liegt daran!


3.

Ich kann's nicht fassen, nicht glauben,
    Es hat ein Traum mich berückt;
Wie hätt' er doch unter allen
    Mich Arme erhöht und beglückt?

Mir war's, er habe gesprochen:
    Ich bin auf ewig dein -
Mir war's - ich träume noch immer,
    Es kann ja nimmer so sein.

O laß im Traume mich sterben
    Gewieget an seiner Brust,
Den seligsten Tod mich schlürfen
    In Thränen unendlicher Lust.


4.

Du Ring an meinem Finger,
    Mein goldnes Ringelein,
Ich drücke dich fromm an die Lippen,
    Dich fromm an das Herze mein.

Ich hatt' ihn ausgeträumet,
    Der Kindheit friedlichen Traum,
Ich fand allein mich verloren
    Im öden unendlichen Raum.

Du Ring an meinem Finger,
    Da hast du mich erst belehrt,
Hast meinem Blick erschlossen
    Des Lebens unendlichen Werth.

Ich werd' ihm dienen, ihm leben,
    Ihm angehören ganz,
Hin selber mich geben und finden
    Verklärt mich in seinem Glanz.

Du Ring an meinem Finger,
    Mein goldnes Ringelein,
Ich drücke dich fromm an die Lippen,
    Dich fromm an das Herze mein.


5.

Helft mir, ihr Schwestern,
Freundlich mich schmücken,
Dient der Glücklichen heute mir.
Windet geschäftig
Mir um die Stirne
Noch der blühenden Myrte Zier.

Als ich befriedigt,
Freudiges Herzens,
Dem Geliebten im Arme lag,
Immer noch rief er,
Sehnsucht im Herzen,
Ungeduldig den heut'gen Tag.

Helft mir, ihr Schwestern,
Helft mir verscheuchen
Eine thörichte Bangigkeit;
Daß ich mit klarem
Aug' ihn empfange,
Ihn, die Quelle der Freudigkeit.

Bist, mein Geliebter,
Du mir erschienen,
Giebst du, Sonne, mir deinen Schein?
Laß mich in Andacht,
Laß mich in Demuth
Mich verneigen dem Herren mein.

Streuet ihm, Schwestern,
Streuet ihm Blumen,
Bringt ihm knospende Rosen dar.
Aber euch, Schwestern,
Grüß' ich mit Wehmuth,
Freudig scheidend aus eurer Schaar.


6.

Süßer Freund, du blickest
    Mich verwundert an,
Kannst es nicht begreifen,
    Wie ich weinen kann;
Laß der feuchten Perlen
    Ungewohnte Zier
Freudenhell erzittern
    In den Wimpern mir.

Wie so bang mein Busen,
    Wie so wonnevoll!
Wüßt' ich nur mit Worten,
    Wie ich's sagen soll;
Komm und birg dein Antlitz
    Hier an meiner Brust,
Will in's Ohr dir flüstern
    Alle meine Lust.

Hab' ob manchen Zeichen
    Mutter schon gefragt,
Hat die gute Mutter
    Alles mir gesagt,
Hat mich unterwiesen,
    Wie, nach allem Schein,
Bald für eine Wiege
    Muß gesorget sein.

Weißt du nun die Thränen,
    Die ich weinen kann,
Sollst du nicht sie sehen,
    Du geliebter Mann;
Bleib' an meinem Herzen,
    Fühle dessen Schlag,
Daß ich fest und fester
    Nur dich drücken mag.

Hier an meinem Bette
    Hat die Wiege Raum,
Wo sie still verberge
    Meinen holden Traum;
Kommen wird der Morgen,
    Wo der Traum erwacht,
Und daraus dein Bildniß
    Mir entgegen lacht.


7.

An meinem Herzen, an meiner Brust,
Du meine Wonne, du meine Lust!

Das Glück ist die Liebe, die Lieb' ist das Glück,
Ich hab' es gesagt und nehm's nicht zurück.

Hab' überglücklich mich geschätzt,
Bin überglücklich aber jetzt.

Nur die da säugt, nur die da liebt
Das Kind, dem sie die Nahrung giebt;

Nur eine Mutter weiß allein,
Was lieben heißt und glücklich sein.

O wie bedaur' ich doch den Mann,
Der Mutterglück nicht fühlen kann!

Du schauest mich an und lächelst dazu,
Du lieber, lieber Engel, du!

An meinem Herzen, an meiner Brust,
Du meine Wonne, du meine Lust!


8.

Nun hast du mir den ersten Schmerz gethan,
            Der aber traf.
Du schläfst, du harter, unbarmherz'ger Mann,
            Den Todesschlaf.

Es blicket die Verlass'ne vor sich hin,
            Die Welt ist leer.
Geliebet hab' ich und gelebt, ich bin
            Nicht lebend mehr.

Ich zieh' mich in mein Inn'res still zurück,
            Der Schleier fällt,
Da hab' ich dich und mein vergang'nes Glück,
            Du meine Welt!


9.

Traum der eig'nen Tage,
    Die nun ferne sind,
Tochter meiner Tochter,
    Du mein süßes Kind,
Nimm, bevor die Müde
    Deckt das Leichentuch,
Nimm in's frische Leben
    Meinen Segensspruch.

Siehst mich grau von Haaren,
    Abgezehrt und bleich,
Bin, wie du, gewesen
    Jung und wonnereich,
Liebte, wie du liebest,
    Ward, wie du, auch Braut,
Und auch du wirst altern,
    So wie ich ergraut.

Laß die Zeit im Fluge
    Wandeln fort und fort,
Nur beständig wahre
    Deines Busens Hort;
Hab' ich's einst gesprochen,
    Nehm' ich's nicht zurück:
Glück ist nur die Liebe,
    Liebe nur ist Glück.

Als ich, den ich liebte,
    In das Grab gelegt,
Hab' ich meine Liebe
    Treu in mir gehegt;
War mein Herz gebrochen,
    Blieb mir fest der Muth,
Und des Alters Asche
    Wahrt die heil'ge Gluth.

Nimm, bevor die Müde
    Deckt das Leichentuch,
Nimm in's frische Leben
    Meinen Segensspruch:
Muß das Herz dir brechen,
    Bleibe fest dein Muth,
Sei der Schmerz der Liebe
    Dann dein höchstes Gut.


  Adelbert von Chamisso . 1781 - 1838






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