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Gottfried August Bürger
Gedichte . 1789



Gesang am heiligen Vorabend des Fünfzigjährigen Jubelfestes der Georgia Augusta

Morgen, o festlicher Tag,
Morgen entschwebe
Herrlich und hehr der Nacht!
Komm in Titans Strahlenkranze,
Komm im blauen Aethermantel,
In des Urlichts reinstem Glanze!
So entsteige der Grotte der Nacht
Unter dem Meer!
So entschwebe dem Wogentanze
Herrlich und hehr,
Hehr und herrlich in Bräutigamspracht!

            Es harret dein,
        Voll Lieb' und Lust,
        Die hohe Jubelköniginn.
        Vor bräutlichem Entzücken
        Hüpft ihr die Brust.
        Sie harret dein,
        Mit wonneglänzenden Wangen und Blicken,
        Georgia Augusta harret dein!

Als sie vor fünfzig ruhmbestrahlten Jahren
Ein schönes Kind,
Ein wunderschönes Götterkind,
Geboren war,
Da brachten sie in dieses Tempels Halle,
Vor Gottes Hochaltar,
Ihr großer Vater und die Hochberühmten alle,
Die ihrer Kindheit Pfleger waren,
Dem Segenspender dar,
Und auf der Andacht Flügel schwang
Sich himmelan ihr flehender Gesang.

            Herr, erfülle sie mit Weisheit,
        Adle sie, o Herr, durch Schönheit,
        Rüste sie mit Heldenstärke,
        Für den großen Gang zum Ziele
            Strahlender Vollkommenheit!

            Denn der Geist gedeiht durch Weisheit,
        Und das Herz gedeiht durch Schönheit,
        Dieser Einklang rauscht in Stärke;
        Dieser Adel führt zum Ziele
            Dauernder Glückseligkeit.

Und als das Lied der frommen Schaar,
Das Lied der heißen Inbrunst,
Hinauf gesungen war,
Da wallte Gottes Flamme,
Sanft wallte von des Gebers Thron,
Des herzlichen Gebetes Lohn,
Die Flamme, die noch nie verlosch,
Des Segens Flamm' herab auf den Altar.

            O Flamme, die vom Himmel sank,
        Entlodre hoch und weh' umher!
        Umher, umher!
        Entzünde jedes Herz umher
        Zu heißem Dank!
            Dem Geber zu unaussprechlichem Dank!

Der königliche Herrscher auf dem Thron
Von Albion
Trat väterlich herzu, und gab
Ihr reichlich mildes Oel zur Nahrung.
Wetteifernd trat herzu die Schaar
Der Pfleger und der Priester am Altar,
Der sie zu heiliger, zu ewiger Bewahrung
Von Gott und König anvertrauet war,
Und hütet' ihrer gegen jegliche Gefahr
Hinweg zu löschen, oder sich zu trüben:
So gegen den wild stürmenden Orkan
Des Krieges, als des Neides leise Pest.
Gleich jener in der Vesta Heiligthume,
Erhielt getreue, rege Wachsamkeit
Die heil'ge Lohe rein und schön
Und hoch vom Anbeginn bis heut.

            Himmelslohn euch, große Seelen,
        In der Ruhe Heiligthum!
        Ewig Heil euch, ewig Friede!
        Hier auf Erden tön' im Liede
        Nun und immerdar eu'r Ruhm!

Erwärmt von Gottes Segensflamme wuchs,
Münchhausen, du Unsterblicher,
Wuchs deine Tochter schnell und hoch heran.
Des Ruhmes starker Adlerfittig trug
Lautrauschend ihren Nahmen
Rund um den Erdball über Meer und Land;
Und seiner edlern Völker Söhne kamen
Bey Tausenden zur Huldigung.
Viel theilte sie von ihres Reichthums Fülle,
Und viel von ihres Adels Hoheit,
Viel Muth und Kraft zu Thaten -
So war es in der Weihe ihr verliehn -
Zum Heil der Völker mit.

            Selig, selig, himmelselig
        Ist das hocherhabne Amt,
        Auszuspenden, gleich der Sonne
        Durch den großen Raum der Welten,
        Ins Unendliche des Geistes
            Lebensnahrung, Licht und Kraft!

            O wie hoch und herrlich strahlet
        Des Triumphes Majestät,
        Wann der Held des Geistes Chaos
        Und des Chaos Ungeheuer,
        Brut der Barbarey, besteht,
        Und zum Rechte seines Adels
            Den gepreßten Geist erhöht!

Georgia Augusta, schön und stark,
Voll Lebensgeist und Mark,
Mit Athenäens Rüstung angethan,
Ging tadellos bis heut der Ehre Bahn,
Und stritt des Ruhmes Streit
Mit ungeschwächter rascher Tapferkeit.
Nun steht sie, lehnt sich ruhend auf den Speer,
Und darf - das zeuge du, Gerechtigkeit! -
Getrost zurück auf ihre Thaten schaun.
Des Kampfes Richter nehmen mild und schmeichelnd
Nun zur Erholung ihr die Waffen ab,
Und kleiden sie in festliches Gewand,
Für ihren ersten Jubelfeiertag.

        Triumph! Des Tages Ehrenköniginn
            Erhebt ihr Haupt!
        Sie trägt ihr hohes Götterhaupt,
        Sie trägt's mit Laub und Blumen,
            Laut rauschend,
            Süß duftend,
Süß duftend mit lieblichen Blumen,
Laut rauschend mit Laube des Ruhms umlaubt!

Wer aber führt den schönen Sohn der Zeit,
Wer führt herauf von Osten
Den hellen Ehrentag,
Den lauten Wonnebringer?
Wer führt der schönen Jubelbraut
Den Jubelbräutigam nun zu?
Wer weihet zur Unsterblichkeit sie ein? -
Wer sonst, als ihres großen Vaters Geist
Und ihrer heimgewallten Pfleger Geister,
Die jetzt, von Gott dazu ersehn,
Ihr unsichtbare Lebenswächter sind?

        Hebe dich himmelan, Weihegesang,
        Hoch in die Heimat der seligen Schaar!
        Zeuch der großen Heimgewallten
        Geister zum Feste der Tochter herab!

Schwebe herunter, wir rufen dich laut,
Schwebe vom Himmel, unsterbliche Schaar!
Freue dich der Ruhmbekränzten,
Hoch in der Blüthe der Schönheit und Kraft!

Führt, ihr Verklärten, in Bräutigamspracht,
Führet den Freudenerwecker ihr zu!
Strömt auf ihre Kraft und Schönheit,
Segen der ewigen Jugend herab! -

Merkt auf! Sie habens vernommen,
Die schützenden Geister! Sie kommen!
Sie führen den glänzenden Bräutigam an!
Schon wehet der heilige Schauer voran.

Schaut auf! Die Himmlischen steigen,
Ein feierlich schwebender Reigen,
Ein tönender, Seelen entzückender Chor,
Auf purpurnen Wolken in Osten empor.

Schlagt hoch, ihr lodernden Flammen
Der Herzen und Lieder, zusammen!
Führt, Orgel und Pauke, mit festlichem Klang
Entgegen des frohen Willkommens Gesang!


  Gottfried August Bürger . 1747 - 1794






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