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Aus der Heimat und Fremde
162 Bücher



Friedrich von Bodenstedt
Aus der Heimat und Fremde . 1856/1859



Traumgesicht

Auf einen hohen Berg war ich gestiegen:
    Weitum, bis zu des Himmels lichtem Saume
    Sah ich die Welt zu meinen Füßen liegen.
Verwundert schweift' der Blick umher im Raume,
    Wie grüne Wellen drängten sich die Berge,
    Der Schnee darauf glich weißem Meeresschaume;
Die Menschen unten trippelten wie Zwerge,
    Klein wie ein Schuh ein Kahn schwamm auf den Wogen,
    Drin wie ein Wichtelmännchen saß der Ferge.
Die Sonne sank. Roth flammt' der Himmelsbogen,
    Daß sich in Purpurglut die Berge tauchten,
    Derweil die Tiefe schon von Nacht umzogen.
Und aus den Seen und finstern Schluchten rauchten
    Lichtscheue Nebel, die den Blick umwoben
    Und feuchte Kühle mir in's Antlitz hauchten.
Ich ging zu ruhn. Und sieh: emporgehoben
    Ward ich im Traum zu einem lichten Sterne,
    Und klar sah ich den Erdenball von oben-
Nicht wie das Auge sonst schaut in die Ferne,
    Wo Alles liegt in Duft und Glanz verschwommen:
    Durch alle Hülle drang der Blick zum Kerne.
Der Schleier war vom Auge mir genommen
    Und was man Raum und Zeit nennt war verschwunden;
    Ich sah Jahrhunderte vergehn und kommen:
Sie schwanden mir vorüber wie Sekunden;
    Und Völker sah ich kommen und vergehen
    Wie Schattenbilder auf dem kleinen runden
Erdkloß, gleich einer Bombe anzusehen.
    Und sie verfolgten sich in blindem Hasse,
    Bereiteten einander Fluch und Wehen -
Verderbend kämpfte Rasse gegen Rasse;
    Doch blieb der grimme Kampf nicht ganz vergebens:
    Denn hin und wieder aus der trüben Masse
Stand Einer auf voll göttlich reinen Strebens,
    Bewältigend die störrischen Gemüther,
    Die Durstigen tränkend aus dem Quell des Lebens:
Wahrheit und Liebe... Sie, die höchsten Güter
    Der Menschheit, strahlten durch das Dunkel helle,
    Des Ewigen auf Erden Hort und Hüter;
Rein, wie die frische, hohe Bergesquelle,
    Die nie sich trübt, wenn auch, die von ihr zehren:
    Ströme und Meere, trüben ihre Welle.
Der Schlamm versinkt zur Tiefe - aus den Meeren
    Und Strömen muß die Flut sich neu erheben
    Und rein zu ihrem hohen Urquell kehren.
Und also sah ich's im getrübten Leben
    Der Menschheit. Als ihr Kreislauf war vollendet,
    Blieb Wahrheit nur und Liebe oben schweben,
Dem Quell des ewigen Lichtes zugewendet.
    Und alles Andre ward von Nacht umwoben,
    Der Erde Glanz und Herrlichkeit geendet.
Die Berge stürzten sich in's Meer, es hoben
    Die Fluten sich zu Bergen festbegründet,
    Es kehrte sich das Unterste nach Oben.
Und einen neuen Glanz sah ich entzündet
    Vor mir, und eine schön're Welt entstanden,
    So schön, wie keines Menschen Wort verkündet.
Dort wandelten verklärt, in Lichtgewanden,
    Die Menschen alle die einst ganz auf Erden
    Der Liebe und der Wahrheit sich verbanden.
In Thiere sah ich, schrecklich von Geberden,
    Die Trug-und Haßerfüllten sich verwandeln,
    Doch nur, um auch dereinst erlöst zu werden:
Wenn sie, zerknirscht ob ihrem sündigen Handeln,
    Der Wahrheit sich und Liebe ganz ergeben,
    Um fortan nur in ihrem Licht zu wandeln.
Denn wer sie kennt, mag ohne sie nicht leben,
    Ob man ihm alles Andre dafür böte;
    Nie straucheln kann wem sie die Hand gegeben,
Nie sinken der in ihrem Glanz Erhöhte...
    Und wie ich Alles was ich sah, bedachte,
    Stieg glüh am Himmel auf die Morgenröthe;
    Mich blendete ihr Glanz - und ich erwachte.


  Friedrich von Bodenstedt . 1819 - 1892






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