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Brennende Erde
162 Bücher



Erich Mühsam
Brennende Erde . 1. Auflage 1920



1919

Dem Andenken Gustav Landauers
Mai 1919


Die das Volk bisher geleitet,
folgend dem gewohnten Lichte,
waren nicht drauf vorbereitet:
es begibt sich Weltgeschichte.
Wild schlägt der Empörung Welle
an des Staates morsche Fugen.
Krachend bersten die Gestelle,
die die alte Ordnung trugen.
    Ja, ja, ihr Herrn, so geht's,
    hört man die Demokraten.
    Wir sagten es ja stets:
    es kann nicht wohl geraten,
    wenn man nach eignem Willen tut
    und fragt nicht das Parteistatut.

Fürsten gleiten von den Thronen,
Völker lösen ihre Bande,
und es reiben sich Millionen
aus den Augen Schmerz und Schande.
Sie erwachen und begreifen
Gegenwart und Zukunft - beides,
und sie sehn Befreiung reifen
aus den Wurzeln ihres Leides.
    Halt, liebe Leute, halt!
    Vertraut bewährten Führern.
    Sonst kommt ihr in Gewalt
    von skrupellosen Schürern.
    Folgt uns, so hilft euch gern der Staat,
    wie er euch stets geholfen hat.

Finstre Mächte, die gewaltsam
Völker unter Fäuste preßten,
flüchten scheu, - und unaufhaltsam
strömt die Menge zu den Besten.
Und sie hört die neuen Lehren,
formt des Glückes Traumgebäude;
Leid scheint sich in Lust zu kehren
und die Arbeitslast in Freude.
    Gewiß - nun ja - auch wir
    sind Revolutionäre -
    und schwingen das Panier.
    Doch Umsturz ist Chimäre.
    Besänftigt euern Seelenschwung
    und stört nicht die Entwickelung.

Stimmen, die erst leise riefen,
tönen jubelnd wie Posaunen,
und das Volk aus seinen Tiefen
reckt die Arme hoch voll Staunen.
Wie an unsichtbaren Drähten
zieht die Wahrheit in die Geister,
und das Volk in seinen Räten
fühlt sich seines Schicksals Meister.
    Arbeiter-, Bauernrat?
    Wir ziehn ihn schon, den Bankert.
    Er sei im Bürgerstaat
    genehmigt und verankert!
    Jetzt zeigt sich's doch wohl jedem Kind,
    was wir für Sozialisten sind.

Das Errungene zu wahren,
neue Freiheit zu gewinnen,
sammeln sich des Volkes Scharen
zu gewaltigem Beginnen.
Die ihr Werk sich selber bauen,
fürchten keine Widerstände,
denn es stützt sich ihr Vertrauen
auf die Kraft der eignen Hände.
    Nein, mit Verlaub: dies jetzt
    ist nicht mehr zu gestatten.
    Mit solchem Vorgehn setzt
    ihr uns ja in den Schatten.
    Und wir sind da, euch zu erziehn
    zu Ruhe, Ordnung, Disziplin.

Stein auf Stein nach kühnen Plänen
wird das stolze Haus errichtet,
plaudernd unter Freudentränen
künftiges Glück hineingedichtet.
Aber denen, die geschäftig
ränkevoll den Bau umlauern,
drohen ein paar Fäuste kräftig,
sie verscheuchend von den Mauern.
    Wir üben nur Kritik.
    Ihr werdet's noch erfahren:
    Ihr Recht der Republik,
    doch auch sein Recht dem Zaren.
    Drum halten wir's zu jeder Zeit
    gesetzlich mit der Obrigkeit.

Trotzig stehen auf den Stufen
vor dem Eingang die Genossen:
Rührt am Werk nicht, das wir schufen!
Euch ist dieses Tor verschlossen.
Unser Herzblut hält die Quadern,
die das Dach des Hauses stützen.
Wagt's! - Das Blut aus unsern Adern
soll der Kinder Wohnhaus schützen!
    Oho! Da hilft man schon.
    Habt ihr für euern Tempel
    denn auch die Konzession
    und den Regierungsstempel? -
    Wir sind Regierung, - sind erwählt.
    Man hat die Stimmen ausgezählt.

Eignen Willens Wort zu hören,
drängt das Volk zu den Erkornen:
Zu den Waffen! Sie zerstören
uns das Heim der Ungebornen!
Wer's versucht, den soll's gereuen!
Freier Zukunft frei die Bahnen! -
Und es eilen die Getreuen
kampffroh zu den roten Fahnen.
    Zu Hilfe, Bürger, schnell!
    Ein Aufruhr tobt, ein frecher.
    Wer selber kein Rebell,
    hilft gegen die Verbrecher.
    Mit Dolch und Flinte kommt zuhauf
    und fahrt auch die Haubitzen auf!

In dem Glauben an das Gute,
in dem Wissen um das Rechte
steht das Volk, mit seinem Blute
Trotz zu bieten im Gefechte.
Der Berater Stimmen schallen;
aus den Augen blitzen Strahle.
Aufrecht! - Siegen oder fallen!
Hoch die Internationale!
    Seht die Banditenschar
    mit ihren großen Mündern,
    jedweder Ehre bar,
    begierig nur zu plündern!
    Schuft! Räuber! Mörder! Trunkenbold!
    Ein jeder käuflich nur für Gold!

Auf von ihren Schmerzensbetten
zu den Brüdern treibt's die Bleichen,
hinkend aus den Lazaretten,
die geblutet für die Reichen.
Letzte Kraft will sich ermannen.
Frauen selbst stehn auf zum Kampfe,
daß die Machtgier der Tyrannen
nicht der Kinder Glück zerstampfe.
    Herbei, ihr Leut zumal,
    ihr Heiden, Juden, Christen!
    Es geht fürs Kapital, -
    und wir sind Sozialisten!
    Pennäler! Bauer! Offizier!
    Ran! Keiner zahlt so gut wie wir!

Rauch wölkt auf. Geschosse fliegen.
Gruppen gehen vor und weichen.
Vor dem Bau der Freiheit liegen
Kämpfer, - Leichen über Leichen.
Die sich nicht ergeben wollen,
drängen sterbend sich zusammen.
Donner der Geschütze rollen, -
und der Tempel steht in Flammen.
    Heil, weiße Garde, heil!
    Da liegt die ekle Horde.
    Stoßt sie vors Hinterteil
    für ihre feigen Morde!
    Und zuckt noch wo ein solcher Wicht, -
    packt ihn - und vor das Standgericht!

Jubel übertönt das Trauern.
Fahnen wehn und Salven krachen.
An der Kerkerhöfe Mauern
staut sich Blut in breiten Lachen.
Zwischen Zellenwänden siechen
die von Haß und Blei Verschonten ...
Doch aus ihren Winkeln kriechen
die schon längst vom Volk Entthronten.
    Willkommen, hohe Herrn!
    Soziale Demokraten
    stehn wir zu Diensten gern
    für Sie mit Wort und Taten. -
    Doch machen Sie sich nicht so breit,
    nachdem wir grade Sie befreit.

Stück für Stück bricht vom Gefüge,
das des Volkes Tat geschaffen.
Knebelung, Gewalt und Lüge
sind wie je des Staates Waffen.
Und dem armen Volke fehlen
die der Rede Gabe hatten. -
Doch der Toten bleiche Seelen
halten Rat im Reich der Schatten.
    Weh! Teuflischer Verrat!
    Die wir erlöst aus Banden,
    die schlagen jetzt den Staat
    und schlagen uns zu Schanden!
    Hilf du uns, Volk, hilft uns nicht Gott,
    vom Untergang und vom Bankrott.

*

Eines Tages in den Quellen
scheinbar ausgedorrter Bäche
brodeln neue Lebenswellen,
flutend an die Oberfläche.
Aller Völker Hände greifen
zueinander wie zum Beten, -
und der Morgensonne Streifen
übergolden den Planeten.


  Erich Mühsam . 1878 - 1934






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