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Gedichte, Lyrik, Poesie

Schmetterlinge
162 Bücher



Carl Spitteler
Schmetterlinge . 2. Auflage 1907



Schwalbenschwanz

Ein kleiner Hof, von Mauern rings umschlossen. -
Über den Mauern rote Dächer. Jenseits
Ein grüner Hügel. Längs dem grünen Hügel
Ein Taubenflug, verschwindend in der Ferne.

Im offnen Holzschopf sitzt auf einer Schaukel,
Das Seil umklammernd und mit Stirn und Wange
An seine rechte Hand geschmiegt, ein Knabe.
Mit trägen Schwüngen steigt die Schaukel windschief
Vorwärts und rückwärts; oben, unterm Pfosten,
Beim Rückweg girrt die Angel, sanft und singend.

Über das Mauerdächlein, rechts, vom Pfarrhof,
Flog eine Iriskugel, grün und golden
Von funkelndem Smaragd, spiegelnd den Weltball
Und träumerisch ihn hold verschönend. Dann
Ihr folgend eine veilchenblaue, glitzernd
Von Silberseen und Fenstern; in den Fenstern
Die Pfarrerkinder, schauend durch den Purpur.
Und also fort. Und wenn ein Irisweltball
Zersprang, so hinterließ er Hauch und Reinheit.

Ein Mahnruf aus dem Pfarrhof. - Kinderstimmen
Verhallend nach dem Hause. Da versiegte
Mit einem Mal der Quell der bunten Sonnen.

Doch siehe jetzt, zur Linken, aus dem Holzschopf,
Durch den gefensterten Verschlag ein Szepter,
Von unsichtbarer Hand bewegt, berührte
Die Stirn des Knaben. Unter seinen Füßen
Am Kieselboden lag im Sägestaub
Von Sonnenringen eine Krone. Blendend
Umblitzten ihn die köstlichen Kleinodien.
Zum Schatzgewölbe ward der schlichte Holzschopf.
Und jedesmal beim Durchflug hieb das Szepter
Grüßend ein Zeichen, legte sich dem Knaben
Quer auf die Knie und fiel zu seinen Füßen.

- Dann rostete das Szepter; und die Krone
Verblich. - Hinten im Winkel, an der Mauer
Lehnte, gespenstisch leuchtend durch das Zwielicht,
Aus feinen Strahlen eine Harfe. - Endlich
Schimmert' allein der gelbe Sägemehlstaub
Mit mattem Scheine durch den harz'gen Holzschopf.

Doch welch' ein Wunder jetzt geschieht am Graszopf
Über der Schwelle? Sieh', der grüne Zopf
Entzündet sich. Und über ihm die Luft
Lodert in roten Flammen. In den Flammen
Schwebt leichten Tänzelns eine junge Psyche
Im Festgewand, die gelbdamast'nen Flügel
Geschwänzt mit samt'nen Quasten: schwarz und tiefblau.

Und als nun aus dem Graszopf die Raketen
Trafen das Seil der Schaukel, daß die Funken
Des edlen Feuers schmolzen längs den Stricken

In Strömen abwärts und die feinen Härchen
Des hänf'nen Bastes sprühten Blitz' und Sterne,
Entsprang die Psyche nach der Schaukel. Dort,
Mit Blumenrankenschwüngen unermüdlich
Das Seil umspielend, ritt und flog sie gaukelnd
Über dem Knaben mit der Feuerschaukel.

Leiser und leiser sang ihr Lied die Angel
Und längst erlosch der Graszopf, und im Schatten
Verstarb die Psyche, und das Heim und Höfchen
Unter dem Abendrot und Dämmertiefblau
Füllte sich mehr und mehr mit finsterm Düster -

Da öffnete sich unvermerkt das Schopftor
Und eine traute Stimme, sanft und innig,
Rief zärtlich einen Namen. ""So allein?
In später, dunkler Nacht?"" - Da flüsterte
Mit starrem Blick der Knabe: "Nacht? - Allein?
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Nein."


  Carl Spitteler . 1845 - 1924






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