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Neue Gedichte
162 Bücher



Detlev von Liliencron
Neue Gedichte . 1. Auflage 1893



Das gebliebene Lächeln

Was ist denn los im Schloß? Der Gutsherr liegt im Sterben,
Geschäftig eilten her von fern und nah die Erben.
Vor zitterndem Begehr nach seinen Goldzechinen,
Verbergen schwer die Gier sie unter Maskenmienen.
Und um sein Bett herum, mit Wehmut, Schüttelköpfen,
Berechnen sie den Wert bis hin zu Tand und Töpfen,
Bis auf den Stiefelknecht und die Zigarrenspitze,
Sie wähnen alles schon im sichersten Besitze.
Damit der Seele auch der Himmelsflug gelänge,
Erschallen Litanein und fromme Betgesänge.
Doch zornig wehrt er ab: Weg mit den Komödianten,
Dem ganzen Bettlerpack der Vetternsipp' und Tanten.
Er will nicht, daß "Moral" die Abschiedsstund' ihm störe,
Daß er zu guterletzt den starken Sinn verlöre.
Unheimlich, seht, er lacht, er lächelt, Gott bewahre,
So starb wohl niemand noch, dazu im weißen Haare.
Der Kranke lächelt fort, er lächelt, lächelt, lächelt,
Als würd' er gütevoll von Engeln schon gefächelt,
Als ob ihn süß zum Trost, nach all der Glut und Schwüle,
Die uns hienieden quält, ihr sanfter Fittich kühle.

Ah, der fatale Zug, dies Lächeln um die Lippen,
Er sah den Menschen stets ins Herz durch Fleisch und Rippen.
Er sah, wie sie die Brust in Eigendünkel schwellten,
Und, voller Heuchelei, des Nachbars Ruf zerspellten.
Ach, und die Religion, wie oft ist die der Mantel,
Wenn innen auch der Neid sie sticht wie die Tarantel,
Mit Augen wolkenauf, Hosiannah, Heiligspielen,
Sie wissen doch dabei scharf um sich her zu schielen.
Und gar, wenn sie nun sehn, daß andre Freude haben
Und sich ihr bischen Lust aus wüstem Acker graben,
Dann sind sie außer sich und suchens zu verderben,
Daß ja das kleine Glück geschwind zerbricht in Scherben,
Indessen sie mit List in Trüb und Dunkel fischen,
Um eine Leckernis geheim sich zu erwischen.

All das durchschaut er klug; und wollten sie betrügen,
Betrog er selbst sie dann mit vielen guten Lügen.
Die Lieb' insonderheit versteckt er hinter Bäumen,
Bei abgedrehter Thür läßt sich am besten träumen,
Wo nicht die Menschen sind mit ihren scheelen Blicken,
Mit ihrem Mörderdrang, mit ihren Würgestricken.
Dess' lächelt fein er jetzt, daß er den bösen Fallen
So meisterlich entging in seinem Erdenwallen,
Und lacht zum letzten Mal, daß vollauf und entschlossen
Trotz manchem Widerspiel das Leben er genossen!
Er lächelt, und er stirbt, sein Buch ist ausgeschrieben,
Die Leichenstarre kommt, das Lächeln ist geblieben.
Das Lächeln - sagt es noch: Es lag die Sphinx mir offen,
Ich sah der Welt ins Herz, und nur die Narren hoffen?


  Detlev von Liliencron . 1844 - 1909






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