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Gedichte, Lyrik, Poesie

Neue Gedichte
162 Bücher



Detlev von Liliencron
Neue Gedichte . 1. Auflage 1893



An Richard Dehmel

                              Male war ein schönes Kind,
                              Male spielt Klavier,
                              Male, flüchtig wie der Wind,
                              Ist bald da bald hier.
                              Male geht am Abend aus,
                              Male schwärmt für Glanz,
                              Male kommt gern spät nach Haus,
                              Male liebt den Tanz.
                              Lebt denn meine Male noch?
                             
                              Male ist sehr liebevoll,
                              Male spielt auch Skat,
                              Male wird oft liebestoll,
                              Male reist ins Bad.
                              Male macht Bekanntschaft gern,
                              Male ist nicht spröd,
                              Male liebt die jungen Herrn,
                              Male ist nicht blöd.
                              Lebt denn meine Male noch?
                             
                              Male, die ist wirklich nett,
                              Male trinkt gern Wein,
                              Male tanzte auch Ballet,
                              Male schwenkt das Bein.
                              Male ist hier aus der Stadt,
                              Male ist bekannt;
                              Den sie just am Bändel hat,
                              Ist ein Lieutenant.
                              Lebt denn meine Male noch?

Und so fort ins Unendliche.



    Lieber Richard Dehmel, unter den Klängen dieses erschütternden und abgrundtiefen Gesanges, den eben draußen ein Orgeldreher ausführt, "gedenke ich, an Sie, werter Herr, einige Zeilen zu richten", wies im Briefsteller für Liebende heißt.
    Ich fand unerhört schöne Gedichte in Ihrer Sammlung "Erlösungen". Ich weiß mir wirklich keinen andern Dank für diese Herrlichkeiten, als daß ich zwei daraus, Erste Begierde und Stromüber, die mir als Gegensätze besonders in die Phantasie geschlagen sind, in mein neues Buch aufnehme. Was dazu die Rezensenten und die "übrigen" Menschen sagen werden, ist ja unbeschreiblich gleichgültig.
    Auch etwa als eine Art Kritik von mir, bitt' ich das nicht aufzunehmen; von dieser Kunst verstehe ich so viel wie die Giraffe vom Strümpfestopfen.
    Eine ganz neue Sorte Reklame, werden Boshafte lächeln. Nun, gefällt es ihnen, mögen sie! Auch das ist ja vollkommen gleichgültig.
    Über die Besprechungen Ihrer Bücher, Sie lieber Dichter und Künstler, werden Sie sich überhaupt ja weiter nicht erregen. Ich würde Ihnen aber doch raten, sich jedes Jahr einmal von Ihrem Herrn Verleger diesen Tiergarten kommen zu lassen. Sie werden dann, neben wenig Gutem und Brauchbarem, viel Stoff zu unendlichem Gelächter finden. Verständnislosigkeit wird Ihnen allerdings am meisten begegnen und - in die Seele unsers Volkes hinein - Schmerz bereiten. Dieser grenzenlose, durch Bier und Skat gemästete Stumpfsinn, diese grauenhaften Philisterängste, diese fortwährende Verquickung von Kunst und "Moral", diese Nörgeleien und Haarspaltereien! Und dieser entsetzliche Ernst, mit dem wir Deutschen selbst unsre Späße machen. Mein fröhliches Herz kann ihn schwer ertragen; ich ziehe mich immer tiefer in Haide und Einsamkeit zurück.
    Kommen Sie zu mir nach Poggfred. Da lassen wir alle Litteratur. Da darf kein Schauspieler, schweißtriefend, mit verdrehten Augen und verstelltem Munde, Schillers Macht des Gesanges schreien. Schrecken faßt mich, wenn ich an die Unnatur dieser unsrer meisten Bretterbrüller auch nur denken muß. Ich kann schon gar keine Jamben mehr hören von der Bühne herunter. Selbst Shakespeares Königsdramen, deren Farben- und Formenpracht, deren Blut und Glut, deren Lebenshochflut und deren Menschen mich beim Lesen doch je öfter je maßloser in Entzücken setzen, sind auf dem Theater für mich unmöglich geworden. Ich höre lieber Gounods Faust, als daß ich Goethes Faust sehe. Sie verstehn mich. Ich kann diese Deklamiererei nicht mehr aushalten.
    Aber den Hasen wollen wir hetzen, mit meinen großen Windhunden. Das ist immer eine der lebensfreudigsten Stunden für mich. Und Ihr altes junges Jägerherz, liebster Dehmel, wird klopfen: Sie führen den Strick. Der Hase ist aufgestochen. Sie lassen den Riemen los: Aeolus, Taifun und Boreas (entschuldigen Sie die gezierten Namen, aber sie passen für diese Rasse) stürmen lautlos hinter den Flüchtling hin. In mäßigem Galopp reiten wir auf die nächste Erdhöhe und beobachten von dort Lampe und seine Verfolger. Diese Jagd, die nicht grausam ist, die Reigerbeize und den Run mit den Rüden hinter dem Keiler her, liebe ich besonders. Poesie, Poesie, Poesie ist drin.
    Am Abend treiben wir abermals keine Litteratur. Dagegen zeige ich Ihnen eine Tanzbelustigung. Aus meinem "wohlassortierten" Harem in Hamburg lasse ich Mize, Fränzchen und Friedchen kommen. Mize heißt in Poggfred Mirjam. Sie ist übrigens in Bombay geboren. Fränzchen und Friedchen heißen in meinem kleinen Wiesenschlosse Marinka und Kathinka.

    Wir stecken uns Zigarren an, setzen uns in das persische Sopha und drücken weichste Kissen unter unsre Arme. Mein weißkurzhaariger, glattrasierter, siebzigjähriger Bertouch, den Sie von einem Botschafter, wie ihn das Ancien Regime zeitigte, nicht werden unterscheiden können, bringt uns den Grogk. Der gute Bertouch, der schon Kammerdiener meines Vaters war, ist ein sehr frommer Mann. Er haßt die Weiber; und er findet es innerlich empörend, daß ich ihnen Zutritt auch in Poggfred erlaube. Dafür spielen sie ihm zuweilen einen Schabernack. So: wenn sie ihre Zimmer aufsuchen. Der alte Herr, den ich nicht bewegen kann, vor mir zu Bette zu gehn, sitzt dann, eingeschlafen, in einem Fauteuil des Vorsaals vor dem Kamine. Nun trippeln die hübschen Kinder, hintereinander, bei ihm vorbei. Die erste weckt ihn, ihm ein wenig mit dem Taschentuchzipfel die Nase kitzelnd. Mit den artigsten Verbeugungen an ihm vorüber knixend, spötteln sie: Gute Nacht, Papa Bertouch. Schlafen Sie schön, Papa Bertouch. Träumen Sie süß von Ihrer Herzallerliebsten, Papa Bertouch. Er fährt in die Höhe. Aber schon ist das behende Völkchen verschwunden. Mit der welken Faust droht er ihnen nach.

    Doch zu unserm "Tanz-Divertissement." Zuerst erscheint Mirjam. Von Kopf bis zu Fuß in Gaze gehüllt, hält sie ein kleines, viereckiges, rotes Tuch mit beiden Händen straff vom Hinterhaupte ab. Die schwarzen, trauernden, träumenden indischen Augen sind halb verdeckt durch den Schleier und die eigenen Lider. Sie beginnt eine Art Sarabande; langsam, züchtig tänzelt sie, schwebt sie, wiegt sie sich, biegt sie sich hin und her, vor, zurück, stets das rote Tuch ruhig und graziös verschiebend. Ein wenig wilder werden ihre Bewegungen. Aber die blasse Göttin der Zucht verläßt sie keinen Augenblick. Meine Sultanslaune winkt ab. Und wieder tänzelt, schwebt sie, biegt sie sich, wiegt sie sich wie vorher. Und während sie tänzelt, schwebt, sich wiegt und biegt und ihre Palmenaugen in verhaltenem Feuer schwelen, spreche ich Ihnen Ihr jugendschwüles, wundervolles Gedicht


Erste Begierde.

O daß der Kuß doch ewig dauern möchte,
starr stand, wie Binsen starr, der Schwarm der Gäste;
der Kuß doch ewig, den ich auf die Rechte,
tanztaumelnd dir auf Hals und Brüste preßte.

Nein, länger duld' ich nicht dies leere Sehnen,
ich will nicht länger in verzücktem Harme
die liebekranken Glieder Nächtens dehnen;
"o komm, du Weib!" entbreit' ich meine Arme.

Oh, komm! noch fühlt dich zitternd jeder Sinn,
vom heißen Duft berauscht aus deinem Kleide,
und wogend glüht, du Flammenkönigin,
im Aschenflor um dich die Kupferseide.

Gieß aus in mich die Schale deiner Glut!
ich dürste nach der Sünde: nach dem Grauen
vor dieses Feuerregens wilder Brut,
vor diesen Weh'n, die wühlend in mir brauen.

Es schießt die Saat aus ihrem dunklen Schooß,
die lange schmachtend lag in spröder Hülle:
ich will mich lauter blühn, lauter und los
aus meiner dumpfen Brunst zu Frucht und Fülle!

Satt werden will ich meiner scheuen Lust:
oh komm, du Weib! nimm auf in deine Schale
die Furcht, die Sehnsucht dieser jungen Brust:
noch trank ich nie den Rausch eurer Pokale...

Auf Nelkendüften kommt die Nacht gezogen,
o kämst auch du so süß und so verstohlen:
so mondesweiß dich in die Sammetwogen,
den Pupurflaum der schwärzlichen Violen,

die ich dir streun will, an mich her zu betten,
daß alle meine Mächte an des Weibes
enthüllten Göttlichkeiten sich entketten,
versink' ich - in den Teppich - deines - Leibes."


    Ich hebe schwach die Linke. Die Bajadere verschwindet.
    Krischan Lafrenz aus Bickbeersootdorf, der kleine Kuhhirt in Poggfred, hat diese ganze Zeit lang hinter einer Portiere gesessen und auf seiner im Pannkokenmoor geschnitzten Weidenflöte eine sanfte Musik gemacht. Die Dschungelschlänglerin und der holsteinische Bauernjunge. Himalaya und das Pannkokenmoor.

Da speit das doppelt geöffnete Thor
Zwei Leoparden auf einmal hervor,

Marinka und Kathinka in polnischem und russischem Nationalkostüm rasen herein und springen den Krakoviak ab. Ich habe ihnen spanische Kastagnetten gegeben; sie klappern uns damit die Ohren voll. Es ist eine Lust, ihnen zuzuschauen. Alles flitzt und blitzt an ihnen. Geraten Sie in Flammen, Lieber? ist Ihnen bekannt, daß ich Heide bin? Ich übe also nur die wackern Sitten der alten jütischen Seekönige, wenn ich meinen Gästen meine Kebsweiber anbiete. Bitte, wählen Sie. Blos Mize, die Indierin, zur Zeit meine Lieblingsfrau, nehme ich für mich in Anspruch.
    Der Krakoviak wird zur Tarantella. Ich sehe, Freund, Ihren Kampf: wie Ihnen Erinnerungen kommen. Und ich fasse Ihren Arm und spreche Ihnen Ihr trübes Gewissenslied


Stromüber.

Der Abend war so dunkelschwer,
und schwer durchs Dunkel schnitt der Kahn;
die Andern lachten um uns her,
als fühlten sie den Frühling nahn.

Der weite Strom lag stumm und fahl,
am Ufer floß ein schwankend Licht,
die Weiden standen starr und kahl.
Ich aber sah dir ins Gesicht

und fühlte deines Mundes Wehn
und deiner Augen jungen Schein
und - eine Andre vor mir stehn
und stammelnd schluchzen: Ich bin dein!

Das Licht erglänzte nah und mild;
im grauen Wasser, schwarz, verschwand
der starren Weiden zitternd Bild,
und knirschend stieß der Kahn ans Land.


    Und wieder heb' ich schwach meine Linke; die beiden Teufelchen verschwinden augenblicklich.

    Messieurs sont servi, meldet in tiefster Verbeugung, mit höchster Würde Bertouch. Marinka und Kathinka treten wieder herein; diesmal in Pagentracht. Sie sehen reizend aus. Das Hindumädchen, jetzt ganz a` la Parisienne gekleidet, vornehm-lässig hinter ihnen her. Ich freue mich an Ihrer Überraschung; denn meinen Gast und sein Gedicht zu ehren, erscheint sie jetzt in schwerer kupferroter Atlasseide, ein zartes Grau aschfarbenen Flors darüber. Jeden Schmuck habe ich für heute untersagt. Eine einzige große gelbe Rose hat sie sich ins dunkle Haar gezärtelt.
    Bertouch bedient uns mit verschlossenem Diplomatengesicht.
    Unser Gespräch weht hin und her, lustig, prickelnd, südländisch. Alle lachen. Selbst Bertouch, dem dies Gelächter, diese Unterhaltung ein Greuel sind, muß einmal mit den Lippen zucken. Boccacio, der Göttliche, o dieser Heilige der Lebenslust in Unschuld, würde sein Vergnügen haben an unsrer Tafelrunde.
    Später, nach dem Kaffee und nach immer flatternder gewordenem Geplauder, entfernen sich die Schönen. Folgen wir schnell und behutsam nach, können wir die köstliche Szene zwischen Bertouch und den Dreien belauschen.
    Nun sitzen wir wieder allein, und werden wieder deutsch, also ernst, pedantisch, sittenfinster, muffig und doktrinär, etwas sentimental, etwas tiefsinnig, und (Pardon) ein wenig langweilig.
    Übriegens, heute bekam ich die neuesten Max Klingers. Das ist ja ein unglaublich großer Kerl.
    Ja, kommen Sie zu mir nach Poggfred. Sollten Sie etwa durch die furchtbare, Ihnen unbekannte Einsamkeit hier an schlaflosen Nächten leiden, werde ich Ihnen die Kreisblätter meines Landratsamtes und ein Dutzend Bände sogenannter deutscher Lyrik unters Kopfkissen legen lassen. Und siehe da: "Sanft nahte mir der Schlummer."
    Leben Sie wohl. Lassen Sie uns fröhlich sein die paar Tage auf Erden. Ich bin nicht zur Askese und zum Christentum geboren. Die Säulenheiligen haben mirs verleidet. Und die Pharisäer leben noch immer. Da hab ich mich abgewandt und bin in mein sonniges, sündenheitres, lustlärmendes Heidenland, in mein graues, nebeltrübes, träumestilles Haideland zurückgekehrt.
    Ich wiederhole meine Bitte: Kommen Sie zu mir nach Poggfred, wenn Sie Sich dem wüsten Getümmel auf einige Wochen entziehen möchten. Dann gehn wir in den Wald, an den Bach, auf die Weide. Keine Menschenstimmen hören wir; höchstens von der Nachbarkoppel her den liebevoll ergrimmten Ruf des Pflügenden an seine dampfenden Pferde: Dat is doch rein to dull mit di hüt, Lise, du Fuuljack.
    So ein einsames, von Knicken eingerahmtes Feld: Sie glauben nicht, welche Poesie, zu jeder Jahreszeit, es in sich faßt. Die Wolken wechseln drüber hin; der Wanderfalke, das Rebhuhn, die Wildente, die Krähe, die kleine bewegliche Kornmaus, der Fuchs, der Maulwurf, der eilende Käfer machen es lebendig, fern, fern allem Menschengezänke. Kein Parteigezeter, kein philosophischer Hokuspokus, kein Verein mit ewigen Generalversammlungen (in das Wort und in die That Generalversammlung sind wir Deutschen bis zur Raserei verliebt), keine kindisch albernen Familienjournale, kein Neid, keine Gemeinheit und keine Heuchelei, kein scheußliches Strebertum machen sich da breit.
    Heut Abend noch schlenderte ich durch die Felder. Der Vorfrühlingstag war mild und weich. Als ich meinen Weg quer über einen Acker nahm, den sehr engen, später von den Ähren überwogten und versteckten Fußsteig benutzend, ging ich grad gegen Westen. Ich blieb inmitten halten, den unendlich blassen, letztklaren Himmel betrachtend. Dicht rechts der tiefstehenden Sichel des neuen Mondes waren schon Venus und Jupiter, nahe aneinander, aus der Dämmerung getreten. Sonst schien kein Stern. Venus und Jupiter hoben sich von der hellhellgrünen Decke blinkend ab.
    Als ich weiter wanderte, immer meine Augen auf das wundervolle Bild gerichtet, sah ich plötzlich in dem Knick, auf den ich zuschritt, eine weiße Gestalt, gleichsam in der Schwebe und doch von der Hecke gehalten; die Arme lagen breit, wie gekreuzigt. Sie stach von dem noch gänzlich nackten Dornbusch und von dem dunkelgelben Wolkenstreifen, der durchs Gezweige schimmerte, scharf ab. Ihr zu Häupten leuchtete in märchenhafter Herrlichkeit und Reinheit der Dreiglanz der beiden Planeten und des schmalen Viertels.
    Ich trat furchtlos hinzu. Und ich sah das zarte, dürftige, magere Körperchen und das süße Gesicht meiner ersten Liebe. Das Haupt hing nach links, etwas rückwärts geneigt, ins Gebüsch gesunken wie auf ein Kissen. Die ganze Erscheinung war, vom Halse nieder, in ein bläulich milchweißes, hemdartiges Gewand gehüllt. Ich sah ihre Leiche; und ich sah sie so, wie ich sie einst gesehn, als das Mädchen an meiner Brust gestorben war. Eine Schwarzdrossel ließ ihr hartes, grellklingendes, schnelles Tzink Tzink Tzink Tzink hören; die große Stille um mich horchte auf.
    Und meine Gedanken gingen in weite Fernen zurück.
    Ein schmächtiges, kränkliches Persönchen mit einem (ob es auch unschön ist, zu sagen) käsebleichen, blaßlippigen Gesichtchen, woraus die schwarzblauen Augen, immer wie abwesend, streng gradaus schauten, lag in meinen Armen. Und es war Frühlingszeit.
    Sieh mich an. Aber sie that es nicht; nur lehnte sie sich fester, ängstlicher, wie gescheucht, an meine Schulter.
    Warum siehst du mich nicht an? Aber sie bog den Kopf ganz weg.
    Wenn ich sie küßte, schloß sie die Lider.
    Nun that ich, als wenn ich durch ihren Eigensinn böse, unmutig geworden sei: Ich kümmerte mich nicht um, sie. Dann konnt' ich bemerken, daß sie mich lauernd prüfend, von der Seite ansah. Und wie mit plötzlichem Entschluß schlug sie die dünnen Ärmchen um meinen Nacken und küßte mich wie unsinnig.
    Selten lächelte sie. Auch sprach sie wenig oder nichts. Ganz selten wurde sie lebendig, freudig erregt; dann klang ihr sonderbares, kaum hörbares Lachen wie das leise Gezwitscher eines Vogels, der träumt.
    Ja, nur selten wurde sie lebhaft; sie wagte nicht, mich zu necken. Wenn sie es versuchte, kam es ungeschickt, kindlich heraus, durchaus als müßte sie mir eine Freude machen. Sie lief einige Schritte vor; erhaschte ich sie dann, war sie glücklich. Oder sie sagte, sich rasch nach allen Ecken umguckend: Die Menschen kommen. That ich nun erschrocken, erklang ihr Vogelgezwitscher.
    Ich liebte sie über alle Maßen. Das konnte sie nicht begreifen. Sag mir, was bin ich dir? Ich bin ein armes Mädchen, und du hast so viele schöne Frauen um dich.
    Fragte ich sie, ob sie mich gern habe, antwortete sie nicht. Einmal riß mir die Geduld; ich schüttelte sie: Jetzt will ich es endlich von dir wissen. Da senkte sie die feuerrot gewordene Stirn und sagte klar und einfach: Ja.
    Wir trafen uns stets auf einem einsamen Feldwege. Kamen wir uns entgegen, zögerten wir je mehr, je mehr wir uns einander näherten. Sie schob den Strohhut ins Gesicht, sie blieb ab und an stehen, rupfte ein Blümchen, ein Hälmchen, und betrachtete es, scheinbar ganz in diese Betrachtung versunken.
    Ich schenkte ihr einen Ring mit einem roten Steinchen. Ich sehe ihre Verwunderung. Sie dreht ihn rechts, sie dreht ihn links in der Sonne. Dann gab sie ihn mir, zu meinem äußersten Erstaunen, zurück: Weißt du, ich mag die rote Farbe nicht.
    Aber Mädel, welche Farbe magst du denn?
    Braun. Und sie nahm meine Hand und zeichnete auf deren Oberfläche mit ihrem Nagel ein schräges Viereck.
    Ah, ich weiß. Und ich kaufte ihr ein Tigerauge, das von kleinen echten Perlen umgeben war, in Form eines schrägen Vierecks. Lange sah sie auf den Ring hin. Und, mir einen Augenblitz gönnend, sagte sie trocken: Danke. Aber ihre Stimme zitterte trotzdem ein wenig. Und langsam kam es hinterher: Tragen darf ich ihn doch nicht vor den Menschen. Ich beobachtete sie verstohlen: Wenn sie glaubte, daß ich ihrer nicht achtete, auf irgend etwas in der leeren Landschaft meinen Blick hätte, ließ sie, ihren Kopf bald rechts, bald links hin beugend, den Ring von einem Finger auf den andern gleiten, nahm ihn ab, schob ihn wieder auf, und einmal, blitzschnell, küßte sie ihn.
    Eines Abends sah sie noch bleicher aus als gewöhnlich. Was fehlt dir, fragte ich besorgt.
    Ich weiß es nicht.
    Und ich nahm sie, in stürmischer Zärtlichkeit, wie eine Schüssel auf meine Hände und trug sie. Sie wehrte es nicht. Trag mich, trag mich, rief sie; du thust mir nicht weh.
    Als sie am folgenden Tage zur verabredeten Zeit nicht kam, wurde ich ängstlich. Ich vernahm, daß sie schwer erkrankt sei. Alle Rücksichten außer Acht lassend, betrat ich die Kathe, wo sie, eine Waise, allein mit ihrer alten Tante wohnte. Der Arzt trat grad aus der Thür, um weiter zu gehn. Auf mein Befragen antwortete er gleichgültig: Nun, lange hält sies nicht aus. Morgen, vielleicht schon heute ists vorbei. Ich erschrak heftig.

    Und sie starb in meiner Gegenwart. Kein Mensch war außer uns im Zimmer. Sie erkannte mich bis zur letzten Minute.
    Ich hatte meinen rechten Arm unter ihren Hals geschoben. Anderthalb Stunden hielt ich sie so, fast ohne mich zu rühren. Zuweilen warf sie hastig den Kopf von der einen zur andern Seite. Schmerzen hatte sie nicht. Endlich blieb ihr Bäckchen an meiner Brust liegen. Ihre Augen wurden größer. Sie lächelte mir schwach zu, immer schwächer. Ich wurde außer mir. Ich nahm sie zitternd hoch. Ich hauchte ihr meinen Atem in den schon erstarrenden Mund. Ich riß meine Weste auf, mein Hemd, um die Erkaltende an meine heiße, heiße Lebensbrust zu betten. Umsonst. Und in letzter Anstrengung fühlte sie nach dem Ringe, den sie auf den Traufinger gesteckt hatte. Und so schlief sie hinüber.
    Ich schloß ihr die Wimpern, und küßte sie mit einem langen Abschiedskuß auf Herz, Mund und Stirn.
    Und nun sah ich sie heute wieder vor mir, im Dornbusch. Als ich die Arme nach ihr breitete, verschwand sie, zögernd, wie ein Nebel.
    Der weiße Spitz Bobby, meinem Gärtner gehörend, der mich auf meinen Spaziergängen oft begleitet, sprang ungeduldig an mir empor. Ich fuhr zusammen. Die Nacht war gekommen, die letzte Helligkeit verschwunden. Die Sterne flimmerten. Kein zorniger Drosselruf störte mehr die große Stille.
    Seltsames Geschöpfchen, geheimnisvolles, rätselhaftes Wesen du auf meinen Lebenswegen.
    Mein Gott, liebster Richard, da fang' ich schon jetzt an, Sie mit "Geschichten" zu langweilen. Das wollen wir uns doch "bis auf hier" (wie die Kaufleute schreiben) ersparen.
Fortwährend, seit einigen Tagen, liegt mir aus Fill the goblet again die Strophe im Sinn:

I have tried in its turn all that life can supply,
I have bask'd in the beam of a dark rolling eye,
I have loved, who has not? but what heart can declare,
That pleasure existed while passion was there?

    Doch ich werde melancholisch. Also kommen Sie! Und wissen Sie von armen deutschen Dichtern, die gerne frei, ohne Rücksicht als nur einzig und allein auf ihr Künstlergewissen, das niederschreiben wollen, was ihnen das Herz bewegt, schicken Sie sie her zu mir nach Poggfred. Schicken Sie sie nur, wenn ihnen von den Landsleuten in gewohnter moralphilisterhafter Weise kleinlich, kläglich, sauertöpfisch, tantenhaft verdacht wird, daß sie mal hundert Mark für einen Veilchenkorb oder für ein paar Flaschen Champagner ausgegeben haben. Ich werde sie schon wieder munter machen und getrost. Ich will ihnen zurufen: Recht so, meine Herren! der Dichter muß im Sonnenlande wohnen, daß er ungeknechtet leben, lieben, schaffen kann! So wohnte Goethe; und hat nicht selbst er noch zu viel, wie tief bedauere ich das, noch viel zu viel sich binden müssen.
    Bleiben wir tapfer und werden wir immer milder. Lassen Sie uns fröhlich, fröhlich sein die paar Tage auf Erden.
    Gegeben auf Unserm Jagdhaus Poggfred, im Februar 1892.
                    Ihr Detlev Liliencron.


  Detlev von Liliencron . 1844 - 1909






Gedicht: An Richard Dehmel

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An Richard Dehmel, Detlev von Liliencron