Gedichte.eu Impressum    

Gedichte, Lyrik, Poesie

Neue Gedichte
162 Bücher



Detlev von Liliencron
Neue Gedichte . 1. Auflage 1893



An Otto Julius Bierbaum

"Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute. Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen und überall hineinlegen, das Leben schwerer als billig. Ei, so habt doch endlich einmal die Courage, euch den Eindrücken hinzugeben - - -; aber denkt nur nicht immer, es wäre alles eitel, wenn es nicht irgend abstrakter Gedanke und Idee wäre!"
    "Es war im Ganzen nicht meine Art, als Poet nach Verkörperung von etwas Abstraktem zu streben. Ich empfing in meinem Innern Eindrücke, und zwar Eindrücke sinnlicher, lebensfroher, lieblicher, bunter, hundertfältiger Art, wie eine rege Einbildungskraft es mir darbot; und ich hatte als Poet weiter nichts zu thun, als solche Anschauungen und Eindrücke in mir künstlerisch zu runden und auszubilden und durch eine lebendige Darstellung so zum Vorschein zu bilden, daß andere dieselbigen Eindrücke erhielten, wenn sie mein Dargestelltes hörten oder lasen.."
    "- - - vielmehr bin ich der Meinung: je incommensurabler und für den Verstand unfaßlicher eine poetische Produktion ist, desto besser."
    "Mich soll nur wundern, was die deutschen Kritiker dazu sagen werden; ob sie werden Freiheit und Kühnheit genug haben, darüber hinwegzukommen. Den Franzosen wird der Verstand im Wege sein, und sie werden nicht bedenken, daß die Phantasie ihre eigenen Gesetze hat, denen der Verstand nicht beikommen kann und soll. Wenn durch die Phantasie nicht Dinge entständen, die für den Verstand ewig problematisch bleiben, so wäre überhaupt zu der Phantasie nicht viel. Dies ist es, wodurch sich die Poesie von der Prosa unterscheidet, bei welcher der Verstand immer zu Hause ist und sein mag und soll."

                            Goethe.


    Lange wollte ich dir schreiben,
    Doch mein Schädel, muß ich sagen,
    Blieb wie eine leere Hülse.
    Endlich, als heut Nacht um drei Uhr
    Stark Betrunkne meinem Fenster
    Gröhlend, schwer vorüberfielen
    Und mich weckten, kam mirs plötzlich
    Wie Gedanken. Ich erhob mich,
    Setzte mich an meinen Schreibtisch,
    Und nun kritzel' ich drauf los:

    Denke nur nicht, daß ich itzo,
    Irre durch die Wüstheit eben,
    Allerhand Gejohl und Orgien
    Aus den Jugendzeiten krame.
    Nein, zuvörderst kam zu Sinne mir,
    Daß wir uns in Alpenländern
    Einst vergnügsam umgetrieben.
    Denkst du noch des "wilden Kaisers,"
    Wo wir eine Sennin fanden,
    Außerordentlich an Jahren,
    Dick und häßlich wie sonst keine,
    Die uns einen Schmarrn gerichtet.
    Du erzähltest auf der Alm dort,
    (Du erzähltest, das Gelächter!)
    Daß zwei brave deutsche Dichter
    Sich gemütlich in Poemen,
    In gedruckten, öffentlichen
    Frageversen, Antwortversen,
    Unterhalten könnten über
    Zu begehende Verbrechen:

    Feuersbrünste, Mord und Totschlag,
    Diebstahl, Schmuggel, falsche Münze,
    Niemand würde etwas merken,
    Denn ein Deutscher läse niemals
    Ein Gedicht; so bliebs Geheimnis,
    Wenn dem Staatsanwalt nicht einer,
    Dem das Denunzieren Spaß macht,
    Der sogar die Kunst durchschnüffelt,
    Diese Blätter brächt' ins Haus.

    Lieber! Was vor diesem Briefe
    Obenan steht, las ich gestern.
    Wohl, so scheints mir, nach zehn Jahren
    Les' ich überhaupt nur Goethen
    Einzig und allein noch. Sachte,
    Das ist doch zu schroff behauptet.
    Könnt' ich unsern Kritikastern
    Täglich eine Stunde Goethen
    Tüchtig zum Verdauen geben,
    Diesen nüchternen Kunstrichtern,
    Die des Lebens großes Leben
    Nie vor lauter Kleinlichkeiten,
    Dörgelei verstehen werden,
    All den Hämischen und Hetzern,
    Unsern muffigen Doctrinären
    Mit den kalten Schulgehirnen,
    All den widerlichen Menschen,
    Die wie finstre Lumpensammler
    Durch des Daseins Schönheit schreiten,
    Ohne selige Lust am Weibe,
    All dem Professorendünkel,
    Allen den Verstandessimpeln,
    Die nach mathematischen Regeln
    Poesie zergliedern wollen,
    Allen denen, die da glauben,
    Daß der Riese vom Olympos
    Ein Gelehrter sei gewesen,
    Allen, denen seine lichte
    Himmelsanmut, Himmelsfreiheit,
    Denen seine Jugendlieder,
    Diese schönsten auf der Erde,
    Tiefst im Herzen sind ein Abscheu.
    Allen! und nun sollst du selber,
    Julius, deine Verse hören:
"Ihr armen Schächer, wie thut ihr mir leid
In eurer Tugend engem Kleid,
Darunter die Triebe zu Krankheiten werden,
Zu bösen Dünsten und allen Beschwerden
Der Leibeslüge und Heuchelei.
Nie seid ihr froh, nie seid ihr frei,
Denn euer Wahn hat zur Sünde verdacht,
Was Kreaturen selig macht.
Des Lebens Quell mit Schmutz zu verschlammen,
Tragt alle Unnatur ihr zusammen;
Was fröhlich, rein, lebendig fließt,
Wird euch und uns zum faulen Bache,
Zur giftigen Sünden-Unken-Lache,
Wenn eure "Moral" hinein ihr gießt.
O Jammermißbrauch mit dem Wort.
Was blüht, ist Leben, tot, was dorrt.
Ihr aber streut Salz auf des Lebens Fluren,
Was keimt und treibt, ist euch verhaßt,
Dem Leben grabt ihr ohne Rast
Das Grab, ihr "sittlichen" Lemuren."
    Könnt' ich unsern guten Deutschen
    Täglich eine Stunde Goethen
    Auf den Weg zum Tage geben:
    Ach, der Landsmann, immer, ewig
    Will und wünscht er nur Abstraktes,
    Alles, was konkret heißt, ist ihm
    Innerlichst ein Greuel, Scheuel,
    Denn es fehlen ihm die Sinne
    Für konkrete Kostbarkeiten.
    Deshalb ist mir auch verständlich,
    Daß ihn Mörike, Annette,
    Kleist und Storm wenig berühren.
    Aber, aber blinkt das Krügel,
    Gehts an Sauf- und Sumpfbardiete,
    Gehts ans Zanken und Gelärme
    über Politik, Parteien,
    Hurrah, sitzt er dann die Nächte
    Bis ans Frührot hart am Fasse,
    Und Gambrinus ist sein Held.

    Denkst Du noch des Einöd-Bauern,
    Unsers reichen Einöd-Bauern,
    Dieses Königs auf den Bergen?
    Dort erinnr' ich mich der Linde,
    Jener ungeheuern Linde,
    Unter deren weitem Schatten,
    Unter deren knorrigen Ästen
    Wir so manchesmal gesessen.
    Neben ihr strebt hoch der Maibaum,
    Und das kühle Hauskapellchen
    Lehnt sich kindlich an den Stamm an.
    Und in diesem Paradiese,
    Mit dem Blick in blaue Fernen,
    Mit dem Blick auf Gletscher, Firnen,
    Dunkle Wälder, in die Thale,
    Kam mir plötzlich das Verständnis,
    Daß uns Moritz Schwind und Thoma
    Deutsche Herrlichkeiten schenkten.
    Nicht gar weit lag uns Italien,
    Weit doch lag das Nordgelände,
    Wo am Meere ich erzogen
    Unter feuchten Winden, Wolken.
    Und ich fühlte eine Sehnsucht
    Nach den Knicken, nach den Hecken,
    Nach den düstern Einsamkeiten
    Meines Flachlands, meiner Haiden.
    Doch wie dort ist hier dasselbe,
    Ist mein großes, heißgeliebtes,
    Keusches, heiliges Vaterland.

    Dann Sankt Heinrich, Jagaseppel,
    Fischerrosl, und so weiter.
    In der Kirche: Heinrich, comes,
    Aus dem alten Andechshause,
    Das den Hohenstaufenkaisern
    Kluge Kanzler hat gegeben.
    Vor dem Kirchlein, auf dem Friedhof,
    Ruht "der tugendsame, fromme,
    Ehrenhochgeschätzte Jüngling,
    Damianus Hinterhuber,
    Neun und siebenzig geworden"
    Kamen wir, du mit Forellen,
    Ich mit Wildbret in die Herberg,
    Hatte Marei, mit dem feinen
    Hakennäschen, uns erwartet,
    Um "die Kost" uns vorzusetzen.
    Einst auf unsern Jagdausflügen
    Fanden wir in Schilf und Röhricht,
    Hart am See, von Buchen, Tannen
    Sanft geküßt, ein Roccocoschloß;
    Zierlich, nippesfigurenartig
    Lugt es reizend aus den Zweigen.
    Daß es einem jungen Fürsten
    Aus Volhynien (oder Fynien?)
    Eignet, sagte uns ein Diener,
    Der uns ferner auch erzählte,
    Daß zwei Freunde Seiner Hoheit,
    Maler, dieses Zauberschlößchen
    In Begleitung zweier Damen
    Heute früh verlassen hätten;
    Und daß Seine Hoheit selber
    Morgen zu erwarten wären.
    Als wir durch die Zimmer schritten,
    Lag noch alles durcheinander:
    Halbgefüllte Spargelbüchsen,
    Teller, Salz, Salatölfläschchen,
    Hier ein seidener Pantoffel,
    Dort ein Korb, auf dem die Inschrift
    Louis Roederer, Carte blanche
    Prangte, leer getrunkne Stätte.
    Auch ein Skatspiel; die Berechnung
    Schmutzig, weinbefleckt daneben.
    Zwischen schon verwelkten Rosen
    Zigarrettenreste, Asche,
    Ungewaschne spitze Gläschen:
    Neigen de la Grande Chartreuse.
    Scheffel: aufgeschlagen, "göttlich"
    Stand am Rand mit Blei gekritzelt
    An der Stelle: Ichthyosaurus.
    Auch ein Zettelchen, entnommen
    Augenscheinlich dem Notizbuch,
    Fanden wir, darauf die Worte:
    "Gestern waren wir sehr luhstig,
    Mein Andreas ist ein Schaaff."

    Als wir dann nach einigen Tagen
    Wieder in die Gegend kamen,
    Bot sich uns ein artiger Anblick:
    Unter einem Baum im Garten,
    Angelehnt ans Marmortischchen,
    Rückwärts mit der Hand sich stützend,
    Stand der Prinz, ein blutjung Kerlchen
    Mit gelockten dunklen Haaren,
    Blauen Augen, schwarzem Bärtchen,
    Und sah träumend auf die Wellen,
    Die sich, sonnenglitzernd, neckten.
    Vor ihm, mit dem Schirm im Nacken,
    Mit dem roten Sonnenschirme,
    Sah ihn an mit braunen Augen,
    Sah ihn an ein schlankes Mädel,
    Und in echter Münchner Mundart
    Schmollt sie, bittet, mault sie, fleht sie:

    "Mach, geh zua, mach, geh zua,"
    Bis er lachend um die Kleine
    Kräftig seinen Arm geschlungen,
    Daß die Hüte schnell verschwinden
    Unterm roten Sonnenschirm.
    Bald, mein braungebrannter Julius,
    Kam für uns der Abschiedshanddruck,
    Und wir trennten uns am Dampfschiff.
    Immer seh ich dich noch vor mir,
    Und ich sehe deine Schultern,
    Diese mächtigen, trotzigen Schultern,
    Und ich seh den breitumkrempten,
    Ungeheuern Kalabreser
    Tauchen in der Wälder Trost.

    Acht und vierzig Stunden später
    Traf ich ein in meinem Hamburg,
    Und das erste dort war, daß ich,
    Gleich schon im Pariser Bahnhof,
    Schwerentbehrtes froh verzehrte:
    Ein Stück Swattbrotbotterbrot.


  Detlev von Liliencron . 1844 - 1909






Gedicht: An Otto Julius Bierbaum

Expressionisten
Dichter abc



Liliencron
Der Haidegänger
Neue Gedichte
Bunte Beute

Intern
Fehler melden!
AGB

Internet
Literatur und Kultur
Autorenseiten
Internet







Partnerlinks: Internet


Gedichte.eu - copyright © 2008 - 2009, camo & pfeiffer

An Otto Julius Bierbaum, Detlev von Liliencron