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Gedichte, Lyrik, Poesie

Requiem aeternam dona ei
162 Bücher



Arthur Fitger
Requiem aeternam dona ei . 1. Auflage 1894



Spagnoletto

Hinauf zu deinem Angesicht
Ring ich die Händ' in Qual und Noth:
Verwirf mich nicht, verstoss mich nicht,
Mein Gott und Herr, mein Herr und Gott!
O brächt ein Priester am Altar
Mein blutend Herz dir opfernd dar!
Verschläng' mich Scheiterhaufenflamme!
Verschmachtet' ich am Kreuzesstamme!

Du aber wandelst frei und schön
In unnahbaren Himmelshöhn,
Dein Haupt bekrönt von Sternenreihn,
Und deine Stirne Sonnenschein,
Dein Auge tiefes Aetherblau,
Dein Lächeln heller Morgenthau;
Der Donner schläft in deiner Hand,
Dein Fuss erschüttert Meer und Land,
Und jeder Athemzug ist Kraft,
Und jeder Pulsschlag treibt und schafft,

Und rings, wohin dein Segen fliesst,
Schwelgt jedes Wesen und geniesst,
Und alle Engel beten an.

Was gilt dir ein verlor'ner Mann?

O lass zu deinen Ehren
Mich selbst mein Selbst zerstören,
Mein Denken und mein Dichten,
Mich ganz in dir vernichten!
O Herr, lebend'gen Leibes habe
Ich mich verdammt zu ew'gem Grabe,
Ein Dornenkranz schmückt meine Zelle,
Ein Schädel ist mein Schlafgeselle,
Mein Lager ist der harte Stein,
Von Fasten dörrt mir das Gebein.
Ich schrei' in brünstiger Begier,
Mein Gott, mein Gott, hinauf zu dir.
Und steigst du willig nicht herab
Aus deinem Himmel in mein Grab,
Und wenn mein Flehn umsonst verhallt,
Zieh ich dich nieder mit Gewalt.
Auf Tod und Leben will ich ringen
Und deinen Segen mir erzwingen.

Ein Mittel weiss ich, alt und wohl bekannt,
Von tausend Heiligen täglich angewandt,
Und tausendmal auch von mir selber. - Sieh,
Es wirkt unwiderstehlich wie Magie;
Unweigerlich erzwingt der Geisselschlag,
Was sich ein brünstig Herz ersehnen mag.

Ihr Brüder, meidet mein Verliess
Und späht nicht durch die Finsterniss,
Was ihr erblicket wär' entsetzlich,
Und kaum für Höllenbrut ergötzlich.
Und horchet ihr der Inbrunst gar
Zu Berge grausend stieg' das Haar.
Lasst mein Gebet euch ein Mysterium sein,
Lasst mich mit meinem Gott allein.

Geknotet sind die Stachelriemen,
Das Salz bereit, das auf den Striemen
Mit scharfem Aetzegift die Macht
Des Geisselschlags vertausendfacht.
Zu Boden fällt mein hähern Kleid,
Wohlan: Schmerz werde Seligkeit!

Wie vor dem Eis der nackte Fuss,
Erschauern vor dem ersten Gruß
Der Geissel meine Knochen und entsetzt
Fühlt sich die arme Haut zerfetzt;
Doch feiges Herz, besiege deine Hülle,
Hinauf in's Ewige strebt der Wille.
Und Schlag auf Schlag herniedersaust,
Mein Mark erbebt vor meiner Faust;
Und Streich auf Streich geht seinen Pfad;
Mein Hirn kreist wie ein glühend Rad,
Den Leib bespritzt mir blut'ger Schweiss
Wie Regensturm geschmolz'nen Blei's.

Ich ahne dich! Solch' heissem Flehn
Frommt Weigern nicht noch Widerstehn:
Von fern erbraust Triumphgeschmetter
Und kündet mir dein Nah'n im Wetter,
Es kommt wie Regenbogen
Durch's Auge mir gezogen.
Und selbst, o Herr, wann zeigst du dich?
Und selbst, o Herr, wann neigst du dich?
Die Geissel klatscht mit neuer Kraft,
Erbarm dich meiner Leidenschaft;
Ich lechze, ich vergehe
Vor Durst nach deiner Nähe;
Gieb mir im Blitze deinen Segen,
Umschatte mich im gold'nen Regen!
Mir trieft die Stirn, mein Odem fliegt,
Und Sinn und Denken mir versiegt,
Doch fühl ich Lust von sieben Paradiesen
Durch Pein und Qual in diese Adern fliessen,
Mein Herz will brechen - Krampf auf Krampf -
Und - blast Posaunen! Sieg aus Kampf!
Du kommst, du nahst, Hallelujah:
O Herr, o Gott, nun bist du da,
Und aufgelöst in's ewige Meer des Seins
Fühl ich nur dich, fühl ich mit dir mich Eins,
Ein einzig unaussprechlich Element,
Darinnen sich kein Ich vom Du mehr trennt.

Mein Gott, o zieh' in solchem Augenblick
Mein schmachtend Herz auf ewig dir zurück.
"Lass Zwergenlust der Welt und Zwergenleiden
Mich nicht von diesem Riesendasein scheiden,
Lass dieses allzufeste Fleisch erliegen
Und Hunger, Frost und Geissel endlich siegen;
Ich morde nun an mir schon Jahre lang,
Mach' End', o Herr, und sprich, dass mir's gelang!
Und hebe mich mit meinem letzten Schlage
Zu dir empor vom Staub der Erdentage,
Und führe du mit meinem letzten Streich
Mich aufwärts in dein unvergänglich Reich.


  Arthur Fitger . 1840 - 1909






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