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Fahrendes Volk
162 Bücher



Arthur Fitger
Fahrendes Volk . 3. Auflage (vermutlich) 1890



Waldmärchen

In tiefen Waldesräumen,
Im grünen Schattenzelt
Die Tage zu verträumen,
Das ist's, was mir gefällt.
Des Baches klare Wellen
Erzählen wunderviel:
Da trieb mit den Forellen
Die Wasserfrau ihr Spiel.

Und droben haust' im Berge
In abgrundtiefem Schacht
Der weiseste der Zwerge
Bei Onyx und Smaragd.
Kein König und kein Kaiser
Kam ihm an Schätzen gleich,
Kein Pfaff, kein Papst war weiser
Denn König Albereich.

Nun hatt' es sich begeben,
Daß wieder Frühling war,
Und tausendfältig Leben
Ergrünt' im jungen Jahr,
Und wieder blüht' die Rose,
Kukuk begann zu schrei'n;
Der Zwerg im Bergesschoße,
Der sprach: "Was kann da sein?

Was kann da sein? - ich gehe
Und wärme mich einmal
Am Sonnenschein und spähe
Hinab in's grüne Thal." -
Die Truhen und die Schreine
Schloß er mit Wohlbedacht
Und kroch durch das Gesteine
Hervor aus seinem Schacht.

Er mußte tastend suchen
Den Weg empor zum Tag,
Der plötzlich durch die Buchen
Ihm hell in's Auge brach.
Da liegen grün die Flächen,
Der windbewegte Wald,
Viel tausend Wipfel sprechen,
Der Vögel Lied erschallt.

In lachendem Verschwenden
Ergießt vom Himmelszelt
Die Sonn' aus vollen Händen
Ihr Lichtmeer in die Welt;
Das duftet und das blühet
In eitel Ueberschwang,
Und quillt und schäumt und sprühet
In lauter Lebensdrang.

Und wo der weiße Flieder
Verstreut den Blütenschnee,
Da badet ihre Glieder
Die schöne Wasserfee.
Sie taucht und spritzt und springet
Im sprudelnden Kristall,
Und in den Zweigen singet
Ihr Lied die Nachtigall.

Ach, ärmster aller Zwerge,
Was ist mit dir gescheh'n?
Warum auch aus dem Berge
In's Licht des Frühlings geh'n?!
Bleib' drunten im Geschiebe
Von Quarz und Schieferthon,
Hier fasset dich die Liebe;
Helf Gott! Sie hat dich schon! -

Als nun dem Bade leider
Entsteigt das Jüngferlein,
Und da die lichten Kleider
Sie faltig hüllen ein,
Da putzt das Zwerglein zierlich
Aus seinem Bart den Staub
Und säubert sich manierlich
Von Moos und dürrem Laub.

Und räuspert sich verlegen
Und reverenzt heran,
Wie Junggesellen pflegen,
Wenn sie den Mägdlein nah'n:
"Recht schönen guten Morgen,
Wohledle Wasserfee,
Es mög' Euch nicht besorgen,
Daß ich hier vor Euch steh'.

Ich bin der Zwerge König,
Und einen Schatz von Gold
Acht' ich wie Brombeer'n wenig,
Wenn Ihr mich lieben wollt."
Da lächelt sie vergnüglich,
Die schöne Wasserfrau:
,So hol' ihn unverzüglich,
Den Schatz, daß ich ihn schau'.'

Und seine kurzen Beine
Setzt Albereich in Trab
Und klimmt durch Moos und Steine
In seinen Schacht hinab
Und raffet Spang' und Schnalle
Und Diadem zu Hauf,
Und Demant und Kristalle,
Und trägt's zum Licht hinauf.

Da lacht das Fräulein helle
Und küßt ihn auch geschwind
Und spiegelt in der Quelle
Ihr reiches Angebind;
Sie schwatzt und küßt im vollen
Verliebten Uebermut,
Und durch die Finger rollen
Die Gaben in die Flut.

Bachstelzchen kommt geflogen
Und hascht ein glänzend Ding,
Forellen in den Wogen
Erschnappen Kett' und Ring.
Drob jammert's gar den Kleinen,
Er trabt davon im Lauf;
Mit neuen Edelsteinen
Keucht er zum Licht herauf.

Da jubelt unter'm Flieder
Und lacht das Wasserkind
Und küßt und singet Lieder
Und Stein auf Stein verrinnt.
,O sieh nur, wie sie funkeln
Im klardurchsonnten Blau,
Sie leuchten noch im Dunkeln
Wie frischer Morgenthau!

Schon rollt das Letzte drüben!
Mein lieber Albereich,
Du willst mich nicht betrüben
Und bringst mir Neues gleich.'
Und seine platten Sohlen
Beflügelt schon der Zwerg,
Den ganzen Hort zu holen
Kreucht er in seinen Berg.

Der Rücken bricht ihm balde
Vor Demant und Smaragd,
Schier flammt im ganzen Walde
Die unschätzbare Fracht.
,Welch Blitzen, Spielen, Leuchten!
Wie's tausendfarbig brennt,
Rollt es dahin im feuchten,
Lebend'gen Element!'

Und als durch ihre Hände
Das letzte Kleinod fiel,
Da lacht die Fee am Ende:
,Das war ein hübsches Spiel;
Du trägst von lichtem Gleißen
Ein Kleinod in der Hand;
Was frommte dir, dem Weisen,
Solch bunter Kindertand?'

Und als er ihrer Bitte
Das letzte Ringlein gab,
Da sprang mit schnellem Schritte
Sie in die Flut hinab.
,Ich wäre gern geblieben,
Nicht länger hab' ich Zeit;
Bewahre mir dein Lieben
Nun und in Ewigkeit.'


  Arthur Fitger . 1840 - 1909






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