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Gedichte, Lyrik, Poesie

Fahrendes Volk
162 Bücher



Arthur Fitger
Fahrendes Volk . 3. Auflage (vermutlich) 1890



Roland und die Rose

Ein Traum im Bremer Ratskeller.

I.
Roland's Abschied.

O Brema, wunderfeine, du altberühmte Stadt,
Wie schlingt sich dir zum Kranze so herrlich Blatt an Blatt!
O schwöll' aus meinen Saiten ein reich'rer Liederstrom,
Von deinen Heldenzeiten säng' ich, du nordisch Rom!

Wie deines Bischofs Eifer der Götzen Nacht zerriß
Und Christi Licht gespendet in Nordlands Finsternis;
Wie deiner Kaufherr'n Flagge gen Ost den kühnen Flug
Gewagt und deutsche Sitte zur Düna-Wildnis trug.

Wie hält der hohe Riese, der ragende Roland,
In deines Marktes Ringe, das Recht bewachend, Stand!
Ob auch im Strom der Zeiten die Woge steigt und fällt,
Er steht, der unbeugsame, der steinern strenge Held.

Roland, der starke Recke, ist mir der beste Mann,
Und Heil der Stadt, die solchen Schutzheil'gen sich gewann!
O Brema, wunderfeine, Gott segne dein Geschlecht,
So lang' auf deinem Markte gedeihen Zucht und Recht!

Dich feir' ein bess'rer Sänger; heut' sei mein Lob gebracht
Der traubensaftdurchglühten Weinkeller-Dämmernacht.
Ehrwürdiges Gewölbe, dich preis' ich für und für;
Mein vollster, klarster Becher, mein bestes Lied gilt dir.

Wenn mir auf finst'ren Schwingen um's Haupt die Sorge flog,
Wenn Kleinmut meine Seele zum Staub hernieder zog,
Wenn um verlorne Liebe mich bittres Leid zerwühlt,
Wie oft hab' ich da drunten das Alles weggespült!

Die Ros' im Bremer Keller ist mir der beste Trank;
Der Stadt, die ihn kredenzet, sag' ich viel tausend Dank;
O Rose, deine Fluten sind eitel Gold und Licht,
Das mir wie Lenzeswonne das ganze Herz umflicht!

Und wie ich trinkend träume tief-einsam in der Nacht,
Da dämmert's mir im Geiste herauf in alter Pracht;
Wie Harfenklang, der zitternd im Winde sich verlor,
Wie hohe Heldenlieder durchrauscht es mir das Ohr.

Entrückt um ein Jahrtausend steh' ich am grünen Rhein:
Um Fels und Wald und Hügel spinnt sich der Sonnenschein,
Im Laubgerank der Rebe, so weit das Auge schweift,
Hängt Traube neben Traube, vom milden Herbst gereift.

Dazwischen schlingen Rosen im reichsten Blütenduft
Die übervollen Zweige hoch in die blaue Luft,
Und durch die dichte Wildnis von Rosen und von Wein
Sieht mein entzücktes Auge tief in das Thal hinein.

Die hellen Segel schwimmen den Strom hinab, hinauf,
Und von den Burgen grüßet manch Jauchzen ihren Lauf;
Die schweren goldenen Halme wogen im Saatenfeld,
Und Fried' und Wonne waltet rings in der weiten Welt.

Da plötzlich schmettert schneidig scharfer Trompetenklang,
Und hundertfach tönt Echo das stille Thal entlang;
In Städten und in Burgen ein laut Gewühl erwacht,
Da stampfen Rosse, Recken bereiten sich zur Schlacht.

Sie schnallen sich die Brünnen, sie langen nach dem Schwert,
Und mit gewaltigem Schilde wird jeder Arm bewehrt.
Auf goldnem Banner wiegt sich der schwarze Kaiseraar,
Und nieder sprengt zum Strome manch wohlberitt'ne Schaar.

Der Heerruf ist erschollen! Wohlauf! all' Mann für Mann!
Der Kaiser Karl entbietet den deutschen Heeribann:
"Fern an Hispania's Grenzen bedräuet uns der Mohr,
Und Heeresmassen wälzt er an's Pyrenäenthor!"

Und auf und ab am Rheine blitzt blankes Stahlgeschmeid',
Und Fähnlein stößt zu Fähnlein, und Schaar an Schaar sich reiht,
Und wie des Sturms Getöse, wie Meereswogendrang,
So tönt begeisterungsmächtig der deutsche Schlachtgesang. -

Wer ist der kühne Recke dort hoch am Waldesrand?
Das ist der Riesentöter, das ist der Held Roland.
Hei, wie im Winde flattert der Locken goldne Pracht!
Hei, wie die rote Lippe dem Kampf entgegen lacht!

"Der Mohr will dich bedrohen, mein schönes deutsches Land,
Und reckt nach dir begierig die schwarze Räuberhand;
Du theure, deutsche Erde, deß magst du sicher sein,
Nur als Gefangne lassen wir Afrikaner ein.

Und treffen ihre gift'gen Geschosse mich zu Tod,
Und färbt mein Blut die Marken des Reiches rosenrot,
Drob will ich nimmer klagen, mein Fall sei unbeweint,
Kein schöner Loos, als liegen erschlagen vor dem Feind.

Ade, du deutsche Erde, ade, du deutscher Rhein,
Ade, du vielgeliebter, du Rüdesheimer Wein!
Kein Abschied soll mich kränken, mein Sinn fliegt himmelhoch;
Um Eine nur alleine, um Eine schmerzt mich's doch.

O Rose, schöne Göttin vom Berge Rüdesheim,
Bei der ich einst gesungen so manchen schönen Reim,
Bei der ich einst getrunken in mancher schönen Stund',
Die ich geküßt so selig mit überdurst'gem Mund,

O Rose, schöne Göttin, um dich nur trag' ich Weh;
Ich ziehe nach Hispanien, o schöne Ros', ade!"
Und wie der Held gerufen in's stille Fruchtgefild,
Da steht vor ihm die Göttin, ein leuchtend Märchenbild.

Um ihre weißen Glieder spielt lichter Sonnenglanz
Und blitzt im Thau der Locken und glüht im Rebenkranz;
Weinfarbiges Gewebe mit goldnem Glast umwallt
Vom Gürtel bis zur Sohle die liebliche Gestalt.

Die Arme schlingt Herr Roland um ihren süßen Leib,
Das Haupt an seine Schulter verbirgt das schöne Weib;
Sie küssen sich und küssen doch nie den letzten Kuß -
Kein Ende findet Liebe, die Abschied nehmen muß.

,Ade, ade, Herr Roland, und drohet dir der Tod,
Und schaffen dir die Schwerter der Heiden grimme Not,
Und rinnt dein Blut in Strömen, und splittert deine Wehr,
Und stürmt von allen Enden Verderben auf dich her,

So stoße laut in's Hifthorn, da werd' ich dich befrei'n;
Ich weiß viel Runensprüche und starke Zauberei'n,
Das Horn soll mich beschwören mit starker Geistesmacht;
Auf meinen Armen trag' ich dich wunden aus der Schlacht.'

Herr Roland sprengt von dannen; es muß geschieden sein.
Schon führt manch wackrer Ferge die Schaaren über'n Rhein;
Die farb'gen Fahnen wehen, die Männer jauchzen wild,
Und von dem Schritt des Heeres erzittert das Gefild.

Herr Roland zieht zu vorderst, und stolz gesellt um ihn
Herr Haimon, Naims von Baiern, der Erzbischof Turpin,
Riol, der greise Degen, Herr Ritsart, Haimon's Sohn,
Und leider auch der Mainzer, der falsche Ganelon.


II.
Ronceval.

Die Mohren sind geschlagen! der Kaiser hat gesiegt!
Und heimwärts gegen Aachen sein leuchtend Banner fliegt.
Herr Roland war der Erste, der Feindes Land betrat,
Herr Roland ist der Letzte, der es verlassen hat.

Herr Roland ist der Letzte, und stolz gesellt um ihn
Herr Haimon, Naims von Baiern, der Erzbischof Turpin,
Riol, der greise Degen, Herr Ritsart, Haimon's Sohn.
Wo aber blieb der Mainzer, der falsche Ganelon?

Die wackren Kämpen scherzen von manchem lust'gen Strauß,
Von Todesnot und Rettung im wilden Schlachtgebraus,
Von braunen Mohrenmädchen, die am Altan gelugt,
Von alten Haremswächtern, die lästerlich geflucht.

Hoch Mittag ist's. Im heißen Geklipp der Felsenschlucht
Nach Schattenrast und Quellen die Schaar der Reiter sucht.
Doch um und um starrt trocknes und glühendes Gestein,
Drauf sonnen sich behaglich goldgrüne Eidechslein.

In braungebrannter Heide, im dürren, dorn'gen Gras
Schrillt hundertfach der Grillen Gesang ohn' Unterlaß,
Und stumm in Riesenmassen ragt Fels an Fels empor
Und thürmt sich hochgewaltig zu jähem Klippenthor.

Da sieh! durchfliegt die Lüfte gefiedert ein Geschoß
Und trifft in weitem Bogen Herrn Haimon's treues Roß,
Daß es sich mächtig bäumet mit klagendem Gewieh'r,
Und dann am Boden röchelnd und sterbend liegt das Thier.

Ein Pfeil? Wer hat geschossen? Ein Mohrenpfeil? Verrat!
Ha! ringsum drohen Feinde vom sichren Felsengrat
Und senden ihre Pfeile mit kunstgeübter Hand;
Da sinkt manch junges Leben hinsterbend in den Sand.

Von heis'ren Schlachtgesängen erbebt die heiße Luft,
Und mitten unter ihnen steht Ganelon, der Schuft,
Und in das Thal hernieder sein höhnisch Lachen gellt:
,Wohlan, jetzt geht's an's Sterben, Roland, du stolzer Held.

Dein Stündlein ist gekommen, du übermächt'ger Mann,
Der, was er immer wollte, mit sichrer Hand gewann;
Jetzt sieh, ob deine Schönheit, ob deine Kraft dich schützt,
Wenn dir mein lang verhalt'ner, mein Haß entgegen blitzt.'

Da streift auch schon den Helden der giftgetränkte Pfeil:
"Helf Gott! Von Wespenstichen laß uns in Gnaden heil!"
Nun geht es an ein Kämpfen, so ward noch nie gekämpft,
Bis sich vom Blut der Recken der Staub des Weges dämpft.

Die Geier, von den Felsen auffliegen sie erschreckt,
Und kreisen um die Schluchten, die reicher Fraß bedeckt;
Die Wölfe des Gebirges, sie wittern schon das Mahl,
Das da der Tod bereitet im Thal von Ronceval.

Herr Haimon liegt am Boden: "Mir ist das Sterben Not,
O Ganelon, ich schämte mich sonst um dich zu Tod.
Dem Feinde sich verbünden, das konnt' ein deutscher Fürst?
Gieb Acht, welch saub'ren Reigen du so eröffnen wirst!"

Vom bittren Pfeil getroffen sinkt Erzbischof Turpin:
"So muß ich sterben, ehe mein Chronikbuch gedieh'n!
Kaum halb hab' ich's vollendet, nun muß den Tod ich schau'n;
Doch sei's, es wird die Sage das Werk zu Ende bau'n."

Dann bricht Herr Naims von Baiern hinröchelnd auf den Grund,
Ihm sind die beiden Hände zerrissen, blutig wund;
Er schwang das deutsche Banner in manchem Mohrennest,
Nun hält er es noch sterbend mit seinen Zähnen fest.

Da liegt der schöne Jüngling, Herr Ritsart, still im Gras,
Ihm wird von heißen Thränen sein brechend Auge naß:
"Um Gott, wie wollt' ich füllen mit meinem Ruhm die Welt!
Nun lieg' ich thatenloser vom frühen Tod zerschellt."

Riol, der greise Degen, liegt schweigend auf dem Plan;
Doch lächelt stolz das Antlitz: "Ich hab' genug gethan;
Schier haben achtzig Sommer sich meinem Aug' erneut,
Mannhaft hab' ich gestanden und mich des Kampfs gefreut."

Und hier und dort ein Kämpfer sinkt hin, des Todes Raub,
Und dort und hier ein Streiter stürzt stöhnend in den Staub!
Vom Steinwurf hingeschmettert, vom Pfeil, vom Lanzenstoß,
Wälzt sich in blutigem Knäule der Reiter und das Roß.

Noch einsam kämpft der Recke, der grimme Held Roland;
So hält der Bär der lauten Jagdmeute trotzig Stand;
Die Mohren dringen näher und frecher auf ihn ein,
Sein gutes Schwert Durendart blitzt wie ein Wetterschein.

Und wo es trifft, da trifft es auch mähend auf den Grund,
Und wie er ward getroffen, thut kein Lebend'ger kund;
Denn auf des Schwertes Spitze da sitzt der bleiche Tod
Und badet sich im Herzblut der Mohren purpurrot.

Schon glüht in Abendflammen des Hochgebirges Eis;
Herr Roland ist gebadet in Blut und Todesschweiß,
Hin strömt aus breiten Wunden der rote Lebenssaft,
Die Augen werden dunkel, ihm erlahmt die Kraft.

"O bittres Loos, zu sterben durch schmählichen Verrat!
O Ganelon, du falscher, der solches an mir that!"
Da trifft ein schwerer Bolzen mit spitzem Eisendorn
An Roland's güldnen Gürtel und klirrt am Jägerhorn.

Das Horn hatt' er vergessen; nun giebt es mächt'gen Schall,
Von allen Wänden schmettert der helle Wiederhall. -
Und aber bläst Herr Roland, - das Horn erdonnert laut,
Wie wenn im Föhrenforste hinstürmt die Windesbraut.

Zum dritten bläst Herr Roland in dunkler Todesnacht,
Er bläst und bläst, daß Echo rings im Gebirg erkracht,
Und hundertstimmig dröhnt es von Klipp' und Felsenfirst;
Und Roland bläst, bis kreischend des Hornes Bauch zerbirst.

Dann taumelt er zu Boden mit keuchendem Gestöhn;
Doch ist es ihm, er schwebte dahin in luftigen Höh'n,
Er sei von kühlen Fluten geschaukelt und gewiegt,
Er sei von weichen Armen umschmeichelt und umschmiegt. -

Der Kaiser Karl zog fürder des Weges nach Paris,
Durch der Gascogner Fluren helllachend Paradies;
Lichtgrüne Zweige kränzten die Mannen allzumal,
Und Siegeslieder jauchzten in das Garonnethal.

Des Kaisers leuchtend Auge durchschweift sein weites Reich,
Das dehnt sich in die Ferne, gewirktem Teppich gleich;
Die Thäler und die Höhen, die Felder und die Au'n,
Die reichen Weingelände, die fern im Dufte blau'n,

Die Straßen und die Städte, der Ströme Silberband -
Wo führte wohl solch Scepter je eine einz'ge Hand? -
Da tönt es durch die Lüfte wie Hornruf an sein Ohr,
Und schreckt aus tiefem Sinnen gewaltig ihn empor.

"Um Gott, ihr Herr'n, mir ahnet ein schweres Ungemach,
Was war das für ein Hornruf, der durch die Wolken brach?
Schier wie verzweifelt klang es, wie Schrei in Todesnot; -
Mein heldenkühner Neffe, mein Roland, der ist tot."

Da wird wohl mancher Reiter von jähem Schrecken stumm,
Stracks werfen ihre Rosse die Recken all' herum,
Stracks reiten sie zurücke, gleichwie der Sturmwind jagt,
Und keiner ist, der müde nach Rast und Herberg' fragt.

Sie reiten und sie reiten, bis früh das Dämmerlicht
Des dritten Tags die Nebel am Felsenpaß durchbricht;
Wer mag den Jammer künden, der da die Luft erfüllt,
Als sich die grause Walstatt vor ihrem Blick enthüllt!

Von Wolfeszahn zerrissen, von Geierbrut zerfleischt,
Und vom Gezücht der Raben gespensterhaft umkreischt,
Liegt auf den öden Steinen so mannich tapfrer Held,
Das todesbleiche Antlitz unkenntlich und entstellt;

Geraubt die Zier der Waffen, daran sie wären kund,
Und schweigend klafft der weite, der einst beredte Mund.
Der Kaiser Karl grub ihnen ein Grab im grünen Thal. -
Das ist die finst're Kunde vom Tag zu Ronceval.


III.
Die Rose.

Herr Roland ist gefallen! Wie tönt das dumpfe Wort,
Wie tönt die bittre Klage von Land zu Lande fort;
In Kirchen und in Klöstern schallt Trauerglockenton,
Zur Totenmesse schreitet die schwarze Prozession.

Herr Roland ist gefallen! - Die Blüte deutscher Kraft,
Die königliche Eiche vom Blitzstrahl hingerafft!
Wie schlösse solcher Kunde sich gerne jedes Ohr;
Wer mag den Glauben tragen, daß er den Mann verlor?

Der Held, der wie die Sonne gestrahlt in goldnem Schein,
Der sollte nun im Grabe nur Staub und Moder sein?
So jählings sollt' verlöschen solch hellen Sternes Licht?
Wohl auf und ab am Rheine die Leute glauben's nicht.

Und wenn der Greis des Abends am flammenhellen Herd
Die Kinder und die Enkel der Vorwelt Sagen lehrt,
Wenn sich um ihn versammelt ein dichter Hörerkreis,
Dann schaut wie ein Geheimnis sein Aug', er flüstert leis':

"Glaubt nicht, was sie erzählen von Roland's frühem Fall,
Glaubt nicht, er sei begraben im Thal von Ronceval;
Ich weiß es besser: Roland, der tapfre Recke, lebt,
Noch lacht sein helles Auge, die rote Lippe bebt.

Noch schwellt der Hauch, der warme, die starke Heldenbrust,
Noch schlürft in Rheinweinfluten er goldne Lebenslust.
Im Rüdesheimer Berge, geheim im tiefsten Schacht,
Wohnt eine Fey, die hat ihn gerettet aus der Schlacht.

Die Fey, die heißt Frau Rose; wenn die am Bergeshang
Zur Sommerzeit gewandelt durch üppig Weingerank
Und holden Zaubersegen den jungen Trauben sprach,
Von seiner Burg hernieder schlich oft der Held ihr nach,

Und hielt sie treu umfangen mit minniglichem Arm,
Und ihre Lippen wurden von tausend Küssen warm;
Die Nachtigall, die junge, sang ihre Lieder drein,
Und durch die Rebenzweige stahl sich der Mondenschein.

Und als die Schlacht geschlagen im Thal von Ronceval,
Da gab das Horn des Recken so zauberstarken Schall,
Daß es in ihrer Ferne die schöne Fey gespürt,
Und schnell die Luft durcheilend ihn aus der Schlacht entführt.

Im Rüdesheimer Berge wölbt sich ein Felsportal
Und weitet sich zu Höhlen und reichem Grottensaal,
Baumschlanke Pfeiler schießen aus tröpfelndem Gestein,
Und drüber setzen Rippen von hohen Kuppeln ein.

Aus goldnen Ampeln spenden in märchenhafter Pracht
Rubinen und Demanten das Licht der ew'gen Nacht;
Und Ros' und Rebe ranken hoch vom Gewölb' herab,
Drin klettern kluge Zwerge geschäftig auf und ab.

Und tief in kühlen Kellern birgt reichlich Faß an Faß
Von edelstem Gewächse viel hundertjährig Naß;
Der Zwerge künstlich Völklein, mit Weisheit und Bedacht
Füllt es die mächt'gen Tonnen und hat der Gährung Acht.

Kein Wirt zapft solche Weine wohl auf und ab am Rhein,
In keinem Klosterkeller mag seines Gleichen sein,
Kein Papst von solchem Feuer sich jemals träumen läßt,
Solch Naß trank noch kein Kaiser bei seinem Krönungsfest.

Und in den Felsenhallen voll Dufts und Dämmerscheins,
Da wohnt die Fey, die Rose, die Königin des Weins,
Und durch des Berges Adern strömt ihres Feuers Flut
Und tränkt die Rebenwurzeln mit geistig reiner Glut.

Viel luft'ge Geister dienen in übermüt'gem Sinn
Mit Sang und Saitenspiele der schönen Königin;
Dem Schiffersmann ward nächtlich schon oft die Fahrt gestört,
Er mußte lauschend rasten, wenn er ihr Lied gehört.

Und in dem reichgeschmückten, kristallnen Grottensaal,
Da wohnt nun bei der Rose Herr Roland, ihr Gemahl;
In ihren weißen Armen ruht träumerisch sein Haupt,
Das ihm so oft der Sturmwind des Schlachtgewühls umschnaubt.

Die ehernen Panzerringe hat sie ihm losgeschnallt,
Ein seidner Waffenmantel um seine Schultern wallt.
Der Schild liegt ihm zur Seiten mitsammt dem blanken Helm,
Drin spiegelt sich verwundert manch lustiger Zwergenschelm.

Das treue Schwert Durendart, das ließ der Held nicht los,
Es ruht wie ein entschlafner Blitzstrahl in seinem Schoß:
"Laß mir das Schwert. Wenn Mohren auf's neu den Rhein bedroh'n,
Muß ich hinauf und kämpfen als Deutschland's ächter Sohn."

Die schöne Rose schlichtet sein goldgelocktes Haar
Und bietet ihm den vollen, goldgrünen Römer dar:
,Gedenke nicht der Schlachten, gedenke nun der Ruh'!
Der hat verdient zu rasten, wer so gekämpft wie du.

Gedenk', wie deinen Ahnen ein selig Paradies
In Wotan's hohen Hallen der Skalden Mund verhieß;
Die Helden sollten ruhen bei festlichem Pokal,
Und Harfenrauschen und Lieder begleiteten das Mahl.

Du lebst in Lied und Sage da droben in der Welt,
An deinem hohen Bilde begeistert sich der Held;
Und Alle, die Jungen, die Alten, sie schaaren sich in Treu'n,
Wenn wiederum die Mohren das Vaterland bedräu'n.'

Und süße Weisen heben die luft'gen Elfen an,
Sie singen die Heldenthaten, die Siegfrid einst gethan,
Und wie er schmählich gemordet am lindenumrauschten Born,
Und wie der grimme Hagen erlag Kriemhilden Zorn.

Sie singen von Walthar's Liebe, vom Kampf am Wasgenstein,
Von Gudrun's kühnen Rettern, Herwig und Ortewein;
Sie singen von Dietrich von Berne, vom wackeren Hildebrand,
Sie singen von Karl dem Großen und seinem Neffen Roland.

Die Töne schwellen und schweben zu mächtiger Melodei,
Und reicher erblühen die Bilder der dichtenden Phantasei,
Ein Reigen von Heldengestalten schwebt durch den dämmernden Raum,
Herr Roland senkt die Wimpern atmend in tiefem Traum.

Herr Roland schlummert im Schoße der schönen Göttin ein,
Sein Herz von Heldenmären berauscht und goldnem Wein;
Die Ampeln mählich erlöschen, die Saiten verklingen sacht, -
Die Zwerge huschen behutsam hinweg in die purpurne Nacht.


  Arthur Fitger . 1840 - 1909






Gedicht: Roland und die Rose

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Roland und die Rose, Arthur Fitger