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Gedichte, Lyrik, Poesie

Fahrendes Volk
162 Bücher



Arthur Fitger
Fahrendes Volk . 3. Auflage (vermutlich) 1890



Nachtgesichte

Schwarz lagert auf dem öden Forst die Nacht,
Und durch die Wipfel streicht ein schaurig Flüstern;
Und was ich klar. beim Sonnenlicht gedacht,
Die braunen Schatten wollen's mir verdüstern.
Dort rauscht's im welken Weidenlaub am Teich,
Dort glimmt es mit gespensterhaftem Funkeln,
Hier flattert's auf laut krächzend im Gezweig,
Und huscht vorbei und schwindet hin im Dunkeln.

Zu Berge steigt mein Haar, und fröstelnd Grau'n
Schleicht mir durch's Herz, - sie nah'n, die längstverbannten,
Der Kobold und der Alp und der Alraun,
Die Nachtmar mit den finst'ren Anverwandten;
Die Wassertrude streckt den langen Arm
Nach mir empor, in Fesseln mich zu schlagen;
Und hinter mir jagt ein unholder Schwarm;
Mich umzuschauen mag ich nimmer wagen.

Doch sieh, der volle Mond verklärt den Wald,
Der Wachtelruf tönt fern aus duft'gen Schwaden,
Die Nachtigall - da! - welche Lichtgestalt
Im Dickichtschilf des Weihers seh' ich baden?
Die weiße Wasserrose kränzt ihr Haar,
Und auf der Flut in weiten Silberkreisen
Taucht sie herauf, Erlkönigs Töchterschaar,
Und tanzt und singt die wundersamen Weisen.

In breiten Blütendolden kichert's sacht,
Wie Elfen, die am Reigen sich ergetzen;
Und im Gesteine glüht Karfunkel-Pracht,
Langbärt'ge Männlein schleppen sich mit Schätzen.
Schlingt denn ein Traum um mich den Zauberbann?
Welch rätselvoller Hornruf schwebt im Winde?
Trara! Trara! Sie sprengen durch den Tann,
Frau Märe mit dem bunten Ingesinde.

Das Lächeln deines dunklen Auges grüßt
Den Wandersmann, der sich zu dir verirrte;
O kühle du mein Haupt, drin - ach! so wüst
Ein wildes Heer von Alltagsfratzen schwirrte.
O laß mich ruh'n, in's dunkle Moos gestreckt,
Laß schwelgen mich in tausend Traumgesichten,
Mein müdes Aug' von Waldesnacht bedeckt,
Im Mondesdämmer laß mich ruh'n und dichten.

Doch aus der Ferne keuchend schnaubt's heran,
Ein schriller Pfiff, - das Rehwild flieht verwundert;
Das ist auf eh'rner Bahn das Dampfgespann,
Das erzgeword'ne neunzehnte Jahrhundert;
Vor seinen Funken flieht die Geisterwelt,
Hinwirbeln mit dem Rauch die Wahngestalten;
Frau Märe, weh, dein Zauberstab zerschellt,
In Fetzen flattern deines Schleiers Falten.

Mich reißt es mit in sturmgehetzter Flucht;
Grell flammen schon die gelben Gaslaternen;
Und die an ihrem Licht gereifte Frucht,
Im Staub der Stadt soll ich sie sammeln lernen.
Und heller noch als Gas trägt der Verstand,
Der untersuchende, gestrenge Richter,
Die Fackel in der mitleidslosen Hand.
Frau Mär' ade! - Gott gnade deinem Dichter!


  Arthur Fitger . 1840 - 1909






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