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Fahrendes Volk
162 Bücher



Arthur Fitger
Fahrendes Volk . 3. Auflage (vermutlich) 1890



Millionenwahnsinn

Zu Amsterdam ein Kaufherr war,
Ein übermaßen reicher;
Sein rotes Gold wuchs Jahr für Jahr,
Schier barsten seine Speicher.

Zwölf Schiffe holten von Cathai
Gewürz für seinen Handel,
Zwölf Schiffe Seid' und Spezerei
Von Japan und Coromandel.

Sein Haus so bunt, so spiegelblank,
Sah stolz auf die Canäle;
Von Schnitzwerk strotzten Trepp' und Gang,
Von Schilderei'n die Säle.

Der Garten war voll bunter Schau,
Sich drin zu erlustiren,
Und Goldfasan und Aff' und Pfau
Ging im Gebüsch spaziren.

"Mynheer, der reichste Mann seid Ihr,
Der reichste in den Staaten;
Um all' das Gut ich neid' Euch schier,
Mynheere Vanderstraaten.

Ich neid' Euch Euer Weib zumal
Und Eure schönen Kinder,
Die lachen wie Maiensonnenstrahl;
Ihr aber murrt wie der Winter.

Ihr laufet rechnend vom Comptoir
Zur Börs' und zu den Docken;
Euch trieft die Stirn, Euch summt's im Ohr,
Die Feder wird nicht trocken.

Ihr rechnet und rechnet bis in die Nacht,
Bis an den lichten Morgen,
Euer Aug' ist fahl und überwacht,
Euer Haar erbleicht vor Sorgen."

Nun war's an einem Pfingstentag;
Die Welt wie neugeboren
In lichter Lenzeswonne lag;
Das Volk zog aus den Thoren.

Im Garten spielt' der Sonnenschein,
Die Bäume rauschten im Winde,
Die Kinder sangen und bliesen Schallmei'n
Unter der grünen Linde.

,Lieb' Vater, komm zu uns herab
Und sieh, wie die Knospen springen,
Die uns der liebe Frühling gab,
Und höre die Vögel singen.'

Herr Vanderstraaten schalt: "Schwere Not,
Ihr müßt mich jetzt nicht stören!
Das Haus Vandersmissen macht Banquerott,
O weh, wenn wir dran verlören."

Die Glocke rief mit Feierklang,
Mynheer thät die Fenster schließen,
Da kam, geschmückt zum Kirchengang,
Sein Weib, ihn zu begrüßen.

,Am Rechenbuch, der Freude baar,
Verseufzest du dein Leben;
Willst du denn einmal nicht im Jahr
Auch Gott was Gottes geben?'

Herr Vanderstraaten zählte Geld,
Ihm zitterten die Hände:
"Ich fürcht', ich fürchte der Kaffee fällt
Wohl gar um zwei Procente."

Er saß und keucht' am Rechenbrett,
Ihm brannten im Kopfe die Zahlen;
Um Mitternacht sprang er vom Bett
In Todesangst und Qualen.

An seinen eisernen Schrein er sprang
Und ließ die Dukaten klingen;
Doch über seinem Haupte schwang
Der Wahnsinn die schwarzen Schwingen.

"Mein Gold sind eitel Blumen all',
Und in meinen Silbersäcken
Klingt es wie Kirchenglockenschall,
Die Vögel lachen und necken.

Mein Hauptbuch ist kreuz und quer verzerrt,
Nun muß ich betteln und lungern,
Ich reicher Mynheer Vanderstraaten werd'
Am Ende noch gar verhungern!"

Er schrie und tobte die ganze Nacht,
Die Aerzte kamen zur Stelle;
Da ward er in's Narrenhaus gebracht
In eine vergitterte Zelle.

Er schrie und tobte das ganze Jahr,
Da half kein Pflegen noch Raten;
Und als es wiederum Pfingsten war,
Begrub man Mynheer Vanderstraaten.


  Arthur Fitger . 1840 - 1909






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