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Gedichte, Lyrik, Poesie

Fahrendes Volk
162 Bücher



Arthur Fitger
Fahrendes Volk . 3. Auflage (vermutlich) 1890



Lätizia

I.

Ewige Stadt! So schaut mein hochbegnadetes Auge
Wirklich, Königin, dich! Schauet dich, Welt in der Welt!
Soll ich zum Himmel hinauf laut jubeln, soll ich in Ehrfurcht
Schauernd dem Pilgrim gleich, neigen verstummend das Haupt?
Zwei, drei Welten erblick' ich: das ragende Reich der Antike
Stürzt, und in Wiedergeburt taucht es fast größer herauf;
Und daneben in strahlender Pracht aus verschwend'rischem Füllhorn,
Wandellose Natur, flutet dein ewiger Strom!
Weh, mir fiebert das Hirn; mich blendet chaotische Masse!
Was ergreif' ich zuerst? Tausendfach lockt es mich an.
Also bezwingt der Schwindel den Wanderer, wenn er vom Felszack
Jäh mit den Blicken des Thals endlose Flächen durchirrt.
Gähnend klafft ihm die Tiefe; der Strom, die Berge, die Waldung
Gähren wie siedend empor, kreisen im höllischen Tanz;
Und erfaßt er nicht schnell, auf's Nächste sehend, den Steingrund
Oder der Fichte Gezweig, rettungslos stürzt er hinab.
Siehe, da nahest du mir, Lätizia; und die Geliebte
Haltend, an Eros Altar stütz' ich den taumelnden Geist.
Ach, da ruh' ich, wie sicher! Nicht Julius reißt mich der Erste,
Nicht mich der Zweite mehr los aus dem geweihten Asyl.


II.

Kypris brachte mir einst ihr rosiges Knäblein, den Eros:
"Male des Bübchens Portrait, Freund, und ich zahle dir gut."
Hei, wie war ich bereit! und flugs auf glänzendster Leinwand
Tuscht' ich in zartem Contour Antlitz und Busen und Arm;
Aber nicht reichte das Tuch, anstücken mußt' ich am Fußend',
Und da die Füße gemalt, schien mir das Köpfchen zu klein.
Wieder ein anderes Stück ansetzt' ich zu Häupten, und wieder
Unten ein andres; - das Bild wuchs schon zur Decke hinauf;
Wächst in die Wolken, verrennt auf Himmel und Erde die Aussicht,
Und mit des Herzens Blut reibe die Farben ich an.


III.

Hochauf raget das Grab der Republik, der Cäsaren
Trümmer-Palast; er selbst Schuld seines Falles und Roms;
Längst umwuchert schon Epheu die bröckelnden Manergebirge,
Und von Gestein zu Gestein huschen Lazerten umher.
Hier, als Baldachin prangt der Granatbaum, thron' ich und schaue
Weit in das sonnige Reich, das mir Augustus vererbt.
Drüben die meerentsteigenden Linien des Bergs von Albano,
Dort der Soracte, gehüllt glänzend in klassischen Schnee.
Rings die Paläste, die Villen, die Gärten, die Säulen und Kuppeln,
Rings die Gebilde der Kunst, rings das lebendige Volk,
Sind sie nicht mein? Entbehr' ich der Macht auch sie zu zerstören,
Gab sie ein gütiger Gott mir zum Genuß nicht dahin?
Gothen, Vandalen und Hunnen und Heruler und Longobarden
Stürmten aus nordischer Nacht her mit der Fackel des Kriegs.
Aufgetrunken hat längst ihr Blut der gierige Boden,
Und vor Aurelians Mauern zerstäubt ihr Gebein.
Ueber dem Capitol, vergessend des Harzes, des Schwarzwalds,
Schwang sein Banner ein blondlockiges Königsgeschlecht;
Doch aufbäumt' dem Verhaßten sich schäumend die greisende Wölfin,
Und sein ehernes Joch schüttelte grimmig sie ab.
Längst nun Staub ist der letzte, der henkergetroffene König;
Aber die Sehnsucht blieb, die in den Tod ihn gelockt.
Rastlos treibt sie noch heut' durch die Felsenthore der Alpen
Ueber den goldenen Po wanderndes, nordisches Volk.
Und wir wissen das große Geheimnis, den Süd zu gewinnen,
Ob uns der Pontifex gleich Salbung und Weihe versagt.
Ja, ich dürftiger Maler errang, den Held Barbarossa
Immer vergeblich erstrebt, den palatinischen Sitz.
Janchze mir zu mein Volk! Mit Rosen und Reben und Lorbeer
Hold aufglühend im Kuß krönet die Liebe mich selbst.


IV.

Gern vor allem gedenk' ich des Tags, da dich, o Geliebte,
Ich gefunden; du gingst, harzige Scheiter und Rohr
Ueber die Gasse zu holen; denn winterlich strömte der Regen,
Und im Scaldino verlosch jegliche Kohle dem Ohm.
Zierlich suchten die Füße die trockneren Steine des Pflasters,
Während die glänzende Hand sorgsam das Röckchen geschürzt.
Und ich kam, ein Modell für Nausikaas züchtige Formen
Suchend; ein neuer Ulyß hatt' ich die Gassen durchschweift.
Freundlich zur Werkstatt folgtest du mir; dich drückte die Armut,
Und der klingende Lohn lockte das dürftige Kind.
Tieferglühend in Scham enthülltest den blendenden Nacken,
Hobst du des Busens Gewand zögernd, das letzte, hinweg.
Und du standest geduldig, indes in begeistertem Eifer
Ich mit dem Malergerät bannte das flüchtige Bild.
Tage kamen und gingen; vollendet beinah war die Arbeit,
Und du horchtest gespannt auf das homerische Lied,
Das ich erzählte zur Stunde der Rast, wie der Dulder Odysseus
Weit durch Länder und Meer bis in die Hölle geirrt,
Wie dem Stürmeverfolgten das liebliche Wäsche-Prinzeßlein
Auf der Madonna Geheiß rettend am Ufer genaht,
Wie in heimlicher Liebe das zagende Herz ihr entbrannte,
Wie sie in heimlichem Leid scheiden den Göttlichen sah;
Und just wollt' ich das Wesen unglücklicher Liebe ihr darthun,
Breit, theoretisch, wie sich's gründlichem Deutschen geziemt,
Da - noch ist mir's ein Traum - dein Arm umschlang mich, dein Haupt sank
Mir an den Busen, dein Mund suchte den meinen im Kuß,
Dein vielfaltig Gewand entglitt den Hüften; Mänade
Schien das schüchterne Kind plötzlich in bacchischer Wut;
Und dein wallend Gelock um Nacken und Arme mir ringelnd,
Zogst in berauschende Nacht ganz meine Seele du hin.
"Scheiden, Odysseus, wirst du, und wieder bringt dich kein Gott mir;
Doch, was die Stunde geschenkt, raubt mir die Ewigkeit nicht."


V.

Abendlich dunkelt die Kirche; der Mond umflimmert den Goldgrund
In der Apsis, und schwarz ragt das Gespenst von Byzanz.
Totenstille. - Nur zischelt im Beichtstuhl Fluch und Verdammnis
Der fettwampige Pfaff über ein schluchzendes Weib.
"Hebe dich weg, Verruchte; mit deinem geliebtesten Ketzer
Fahre zur Hölle; für dich bittet die Heilige nicht." -
Siehe, da trifft ihr der Mond mit vollerem Strahle die Wangen,
Und aus dem hüllenden Tuch glänzt ein geliebtes Profil.
Trockne, du reuige Thörin, o trockne die thränenden Wimpern!
Weigert Maria dir Trost, - viel sind der Götter in Rom.
Sonntag beichten wir beid' in den capitolinischen Sälen,
Aphrodite gewiß neiget dir gnädig das Haupt.


VI.

Kaum zwei Tage vergingen, seit, Anemonen zu pflücken,
Ich den borghesischen Hain suchend vergeblich durchirrt;
Eine nur wagte, dem Lenz, dem Schmeichler, zu trauen; und heute
Wie sich mit Tausenden gar purpurn der Rasen bedeckt!
"Staunst du des Wunders, Geliebte? Bedenke doch, wie nach dem ersten
Kuß, den wir mutig geküßt, eilig ein Tausend gefolgt."


VII.

Durch das Maskengewirr des Corso mit der Geliebten
Fuhr ich; wie lachte das Kind über das tolle Costüm!
Aus dem seidenen Plunder des Gliedermanns, aus dem Brokatstoff,
Der von Altar und Palast endlich zum Ghetto geirrt,
Flickt' ich Turban und Mantel, zigeunerhaft, königlich; Rembrandt
Hätte phantastischer nicht Pharao's Tochter gemalt.
Jauchzend umdrängte die Menge den Wagen: Eviva la bella!
Quant' é carina! Und rings regnet' es Veilchen herab!
Hochauf schlug mir das Herz wie dem Triumphator. Die Liebe
Dieser gepriesensten Maid schien mir mein eigen Verdienst.
Gönnt dem Beglückten den Stolz. Der Weichling Bacchos erstieg ja
Trunken denselben Olymp, den sich Herakles erkämpft.


VIII.

Vollaufblühender Mond erleuchtet den winkligen Pfad mir
Ueber die Gäßchen, den Hof zu der geliebtesten Thür.
Hier an die Schwelle der Frühgeschäftigen bring' ich den Epheu,
Der mir Zecher das Haupt schmückte, zum Weihegeschenk.
Schwebe hinauf mein Gesang, hinauf melodischer Zither
Flüsternde Stimmen, der tief Träumenden schmeichelt euch an.
Schlafe, Geliebte! Und fragt die Mutter dem nächtlichen Klang nach,
Der ihr den Schlummer gestört, sage: der Brunnen im Hof.
Ach, du täuschest sie nicht; mein Herz ist ein Brunnen der Liebe,
Ewig strömend, und nie ebbet die Fülle hinweg.
Mag im Lärmen des Tags oft ungehört sie verrauschen;
Aber im Schweigen der Nacht flutet sie tönend empor.


IX.

Schau doch, Geliebte, sie graben im farnesinischen Garten
Gemmen und Broncen und hochschätzbare Münzen an's Licht;
Hier auf dem bröckelnden Putz Schriftspuren: Clythia vivas!
Drunter des Eros Geschoß zierlich vom Griffel geritzt.
Clythiam amo! - Zerstoben in Ruhmschrift prunkender Marmor;
Eherne Tafeln zerfraß, Tacitus' Bücher die Zeit;
Aber des Zufalls Gunst hat zwei Jahrtausende freundlich
Hier das Bekenntnis des Glücks treu seinem Schreiber bewahrt.
Sanft ruh', Liebender, der gleich mir dein jauchzend Geheimnis
Du in allmächtigem Trieb zärtlichen Lettern vertraut.
Also bewahr' in Moder ein Zufall diese Gedichte,
Nach Jahrhunderten einst finde der Forscher sie auf;
Der edire sie dann und commentire das Schriftstück,
Und mit Lätizia's Ruhm fülle die Zeitung sich an.
Dann wird dieses Gekritzel ein Denkmal uns; die Gelehrten
Zanken, der Liebende lacht: weiland schon liebt' man wie heut'.


X.

Lieblich erscheinest du mir in jeder Bewegung; doch dreifach
Lieblich, wenn in's Gemach Abends die Lampe du bringst.
Felicissima notte! Du führst, Aurora der Nächte,
Wenn mir die Sonne versank, Sonne der Liebe herauf.
Kennst du den Mythus der Göttin? Sie liebte den sterblichen Jüngling,
Dem sie von Jupiter's Huld ewiges Leben erfleht;
Aber die ewige Jugend versagte der Strenge; nun altert
Mürrisch im rosigen Arm längst der geliebte Gemahl.
Ach, so wurde zur Fratze die köstliche Gabe. Die Hälfte
Von des Tithonos Geschick, Götter, erfleh' ich für mich.
Gebt mir Liebe, so lang noch lieben mein eigenes Herz kann;
Doch wenn die Glut ihm erlosch, lösch' auch mein Leben mit ihr.
Gebt mir ewige Jugend, so mögt ihr die Liebe versagen;
Schöpferisch eigenste Kraft füllt mir die Ewigkeit aus.


XI.

Gern in der Farnesina vernehm' ich dein schwatzendes Zünglein;
Von dir gleitet, wie froh, zur Galathea der Blick,
Dann hinauf zu den Göttern der Decke; die lachen und bechern
Blumenumwoben; dir selbst ziemte da droben ein Sitz.
Aber beisammen sah uns das Pantheon nimmer, Sanct Peter
Noch die Sixtina, und scheu mieden wir Giulio's Grab.
Dort ergreift's mir die Seele wie Adlerklauen, wie Flügel
Breitet es schattig sich aus, rafft mich zum Aether empor.
Solch ein Entzücken durchfuhr Ganymed, den adlergetrag'nen;
Unermeßlicher Schmerz, - ach, unermeßliches Glück!
Unter mir sinkt die Erde so klein; das glühende Lichtmeer
Spült mit lethäischer Flut irdische Liebe hinweg;
Eines nur bleibt - die tiefe, die herzverzehrende Sehnsucht,
Göttliche Geister, nach euch, die ihr das Haupt mir umschwebt.
Einen Atemzug, nur Einen, wie ihr ihn geatmet,
Und was da Lieb' und Glück heißt, geb' ich Alles dahin.


XII.

Laß im egerischen Thal uns ruhen am sonnigsten Märztag,
Wo einst Numa beglückt neben der Nymphe geruht;
Hinter ihm lag das Gezänk des Forums; göttliche Weisheit
Aber und menschliches Maß lehrt' ihn die stille Natur.
Schmeichelnd bringet der West uns Nachtigallschlag aus dem Lorbeer-
Schatten, und Rosengedüft mischt er ambrosisch dazu.
Ach, der nämliche Hauch, nun tobt er daheim an der Nordsee
Regentriefend und peitscht zornig die heulende Flut;
Weiß aufbäumt sich der Gischt, das Segel zerflattert, der Kiel kracht,
Unter des Bootsmanns Faust windet sich ächzend das Rad.
Meidet die tückische Bank! die Klippen! Vertraut dem Polarstern!
Aus dem zerfetzten Gewölk weist er den rettenden Port.
Ja, Dämonen des Lebens, ihr ruft, ihr fordert zum Ringkampf
Aus elysäischer Ruh' mächtig gebietend mich auf.
Ja, dieser Wind ist Bote von euch, ihr Geister der Heimat,
Und ich folge dem Ruf; springet ihr Wogen heran,
Schleudert die berstenden Planken umher, den gierigen Fischen
Gebt meine Ladung, ihr raubt nimmer mein köstlichstes Gut,
Nimmer den ewigen Glanz, den, schwelgend in Fülle der Schönheit,
Schwelgend in Liebe, mein Herz trank auf ausonischer Flur.


  Arthur Fitger . 1840 - 1909






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