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Gedichte, Lyrik, Poesie

Fahrendes Volk
162 Bücher



Arthur Fitger
Fahrendes Volk . 3. Auflage (vermutlich) 1890



Distichen

1.
Gegenseitig.


Das Publikum.

Ach, die Künstler sind Schuld, wenn unsere Kunst so verfallen;
Keiner führet uns hoch über uns selber hinauf.


Der Künstler.

Nein, die Schuld hat das Volk; es fordert ja nimmer das Große;
Nur der alltägliche Quark ist's, der die Menge beglückt.


Unparteiischer.

Streitet doch nicht! Ihr solltet einander steh'n auf den Schultern;
Kunststück! - doch es gelang einst in Athen und Florenz.




2.

Streitig macht dir den Ruhm der photographische Kasten,
Künstler, der du nicht mehr kannst als Natur conterfei'n;
Denn nur, was du im Geist empfangen, im denkenden, schaffst du
Nicht als Maschinen-Rival, schaffst du als göttliche Kraft.




3.
Myron's Kuh.


Der Hirte.

Preist ihr die eherne Kuh, die das lebende Kälbchen getäuscht hat?
Das ist die göttliche Kunst, wenn uns die Bronce belügt?
Ei, da lob' ich, beim Pan, doch meine lebendigen Kühe;
Diese versprechen nicht nur, sondern sie geben auch Milch.


Myron.

Reinerer Kunstsinn, Freund, beseelt dich als hundert Poeten,
Die mit fabelndem Witz wegen der Kuh mich gerühmt.
Alle bewundern sie nur die Täuschung des ehernen Rindviehs,
Aber des Werks Schönheit haben die Ochsen verkannt.


Goethe über Myron's Kuh.

Tränke den Säugling die lebende Kuh; noch edlere Milch gab,
Goethe, die eherne dir; Künstler, o kommet, o trinkt!




4.

"Götter! Wie treu der Natur der Schmutz selbst! lauterste Wahrheit!"
Wahr ist er freilich, mein Freund; sage mir, ist er auch schön?
"Schönheit? läppische Frage, die Schönheit ist just die Wahrheit."
- Zwei mal zweie macht vier - welch ein entzückend Gedicht!




5.

Weil der Dichter, der Maler die Fülle der eig'nen Empfindung
Kleidet in Bilder, die er von der Natur sich erborgt,
Wähnt ihr, die Nachahmung der Natur sei eben das Kunstwerk.
Ahmt denn der Architekt, ahmt sie der Musiker nach?
Wie Ein Gott sich entfaltet im bunten Gewimmel der Dinge,
So entfaltet Ein Gott sich in den Formen der Kunst.
Keiner ist Maß dem Andren, doch gleichen sie beide dem Dritten,
Höchsten, der nur durch sie uns zur Erscheinung gelangt.




6.

Wo der schaffende Geist und die Phantasie euch in Stich läßt,
Kramt ihr, als wär's ein Ersatz, brave Gesinnungen aus.
Nützlich ist die Kartoffel und Niemand mag sie entbehren;
Aber tischet sie uns nur nicht statt Ananas auf.




7.

Wie ein Kunstwerk, Freund, entsteht, das will ich dir sagen,
Sage du mir zuvor nur, wie das Weltall entstand.




8.

Gieb der Welt, was Jeder versteht, so heißt's: "ein Gemeinplatz!"
Gieb ihr was Neues, so schreit Jeder: "der Mensch ist verrückt!"




9.

Was? du wärst ein verkanntes Genie? Erbärmliche Phrase!
Tritt doch hervor aus dem Zelt, wenn ein Achilles du bist.




10.

Aus dem Blute Medusa's entsprang der Pegasus. - Dichter,
Nur aus bezwungenem Leid wächst dir zum Liede die Kraft.




11.

Was du als Stoff dir ergreifst? O Künstler - vergebliches Suchen!
Dich ergreife der Stoff, willst du, daß uns er ergreift.




12.

Hungernd kehrt von der Jagd und blutend der Löwenbezwinger;
Hätt' er sich Hasen erjagt, duftete leck'rer sein Mahl.




13.

Meide bescheiden das Lob, wenn ein tüchtiges Werk dir gelungen.
Röte der Demut schmückt schöner denn Lorbeer die Stirn;
Doch gab, Größtes zu leisten, ein Gott dir, ihm gieb die Ehre;
Eig'ne Beräucherung wär's, dann noch bescheiden zu thun.




14.

Ja, vielseitig entwickelst du dich, der Blume vergleichbar,
Deren gefüllter Kelch strotzet in farbiger Pracht;
Doch einfältigen Blüten erwächst die nährende Frucht nur,
Und die Beschränkung allein zeugt die lebendige That.




15.

Schmückt ein Raphael nicht, ein ächter, dein bürgerlich Häuschen,
Ziert auch ein mäßiges Bild immer dir freundlich die Wand;
Aber in's Feuer das schlechte Gedicht, das schlechte Musikstück!
Mozart und Goethe hast du ächt, wie der König sie hat.




16.

Leicht ist's, Freund, die Fehler zu sehn in der Schale des Kunstwerks;
Schwierig, die Schönheit des Kerns dankbar genießend empfahn.
Jenes erfordert ein bißchen Verstand, und das ist nicht selten;
Dieses gebildeten Geist, ach, und wo findest du den?




17.

Ratlos strebt der Verstand, die Schönheit kritisch zu fassen;
Doch der begeisterte Sinn fraget nicht viel und genießt.




18.

Neunte Symphonie.

Auf die Spitze des Thurms, die der Meister sterbend vollendet,
Legt ihr den Grund und baut Schüler, in's Blaue hinein.




19.

Virtuosität.

Schwieriges hast du gegeigt; ein Eiertanz schien es auf Glatteis,
Und das Publikum hat rasend Applaus dir geklatscht.
Aber wenn erst kopfstehend du spieltest auf schwebendem Thurmseil,
Hundertfach schwieriger wär's, hundertfach wär' der Applaus.




20.

Irre dich hundert Mal; doch ein Mal triff nur das Rechte,
Und die Leute sofort geben dir willig Credit.
Triff nur immer das Rechte, doch irrst du ein einziges Mal dich,
Dann um deinen Credit ist es für immer geschehn.




21.

"Eh! non é Christiano; non cred' alla Santa Madonna!"
Sagte der prügelnde Knecht, als ich sein Grauchen beklagt.
Aber bedenket, Herr Pfarrer, wie kann ich zum Glauben mich zwingen?
"Thut Nichts, wenn du nicht glaubst, leidest du Prügel mit Recht."




22.

Listiger Reiter, er lehnt behaglich im Sattel des Esels,
Und am schwankenden Rohr hält er ihm Aehren vor's Maul.
Wie es auch trabe, das arme, tantalische Grauchen, die Labung
Schwebt ihm so lockend, so nah - ach! unerreichbar vorauf.
Künstler, so fassest du nimmer das Ideal, das dein eigner
Genius, wie du auch strebst, gaukelnd vor Augen dir hält.

Zürne nicht, Idealist, dem hinkenden Esel-Gleichnis;
Daß dich der Genius treibt, zeigt, daß kein Esel du bist;
Und du, Naturalist, der nie einem Luftgebild nachjagt,
Dieser Esel-Vergleich, - dieser - verfehlet auch dich.




23.

Bilde das Auge für Form und Farbe, das Ohr für den Wohllaut,
Bilde die Zunge für Wein; Gott offenbart sich auch dort.




24.

Nur ein einziges Glas, und sei es vom Besten, genügt nicht;
Festlust blüht erst auf, sprudelt in Strömen der Wein.
Künstler, du bringst ein einziges Werk; das kommt und verschwindet;
Ladest die Welt du zu Gast, sorge für reichlichsten Stoff.




25.

Ring' um die Kränze des Dichters Britannien und Hellas mit Deutschland,
Nehme der bildenden Kunst Lorbeer Italien hin;
Aber Musik und Wein, und ob ihr durchpilgert den Erdkreis
Bis an das äußerste Meer, bleibet Germania's Ruhm.




26.

Sickernde Tropfen des Bergs aufsaugt die dürstende Rebe,
Und zu balsamischem Geist kocht sie das schlammige Naß;
Also empfängt auch der Künstler der Dinge verworr'ne Erscheinung;
Aber als Kunstwerk giebt er sie dem Leben zurück.




27.

Auch der beglücktesten Insel gewährt er die Rebe nicht gratis;
Arbeit fordert der Gott: willst du genießen, verdien's!




28.

Deidesheimer.

Dich erwähl' ich zum täglichen Trank, du versöhnst meine Seele
Mit dem Getriebe der Welt; doch du entrückst sie ihr nicht.




29.

Rüdesheimer 1673.

Denn ein Fest, ein selt'neres sei's, mit gesammeltem Geiste
Rein auf des Lebens Höh'n schwelgen im höchsten Genuß.




30.

Römischer Landwein.

Stoff, das Beste zu werden, doch Rohstoff bist du; zur Höhe
Steigt der Genius nur, der sich geläutert, empor.




31.

Champagner.

Schäumender Geist, du entzückst mir das Herz wie der feurige Jüngling;
Ach, dem Begeisterten steht selbst seine Thorheit so schön.




32.

Liebfrauenmilch.

Der über Gräbern du wuchsest, du milder, beruhigst des Lebens
Sturm mir, spülst mir um's Herz still wie lethäische Flut.




33.

Medoc.

Achtung dem dürrsten Philister, dafern er ein ehrlicher Mann ist;
Aber die Liebe nur strömt tönend im Liede dahin.




34.

Chateau ***.

Deine Vortrefflichkeit weiß ich kritisch durchaus zu erkennen;
Leider nur, daß wo Kritik wachet, die Liebe noch schläft.




35.

Auch ein geringerer Wein beschwichtigt den durstenden Gaumen;
Doch Voll-Liebe begehrt, oder es durstet das Herz.




36.

Capwein.

Mit dem Gedüfte des Weins den poetischen Duft seiner Heimat
Schlürf' ich; drum bleibt bei des Caps Wein auch so trocken mein Herz.




37.

Vater Bacchus, o schlage den Schuft; er säuft deinen Nectar
Und er bezahlt ihn, wie man eben die Waare bezahlt!
Grimmiger kränkt mich Nichts, als den gottbegnadeten Genius
Schaun, wie sein Herzblut er kläglich dem Jobber verkauft.




38.

"Immer besingst du den Wein und niemals die köstlichen Austern."
Edler, besing' ich einst dich, flecht' ich ihr Lob mit hinein.




39.

Feuerstahl ist der Wein, der geistige Blitze hervorlockt,
Freilich vom Backstein schlägt widrigen Staub nur das Erz.




40.

Lohndiener.

Morgens durchziehst du die Gassen als Leichenträger im Krepphut;
Abends als lachender Schenk reichst du mir Durst'gem den Wein;
Tummle dich, altes memento mori; bedenke, wie bald mir's
Gleich gilt, ob du mich rasch, ob du mich langsam bedienst.


  Arthur Fitger . 1840 - 1909






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