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Fahrendes Volk
162 Bücher



Arthur Fitger
Fahrendes Volk . 3. Auflage (vermutlich) 1890



Der Bacchuspriester

Zum Priester hab' ich dich erwählt;
Nimm hin, vertheile meine Gaben,
Die Menschheit, die im Staub sich quält,
Mit geist'gem Bronnen zu erlaben.
Schirr' an den Wagen, und dem Volke
Kredenze du den ersten Wein."
So sprach der Gott; und eine Wolke
Hüllt' ihn in duft'ge Klarheit ein.

Und seinen Knechten rasch gebeut
Ikarios, die Fahrt zu rüsten,
Auf daß in Bacchus' Segen heut'
Noch schwelgen die versengten Küsten.
Die Achsen seufzen von der Schwere,
Die vollen Schläuche bersten schier,
Und keuchend zieht hinab zum Meere
Die ungewohnte Last der Stier.

Da drängt ein bunt Gewühl heran,
Die durst'gen Kehlen sich zu letzen;
Der Hirte kommt, der Ackersmann,
Der Fischer weicht von seinen Netzen,
In schwiel'ger Hand die gold'ne Schale
Empfängt des Forstes rauher Sohn.
"Kommt Alle! kommt zum Freudenmahle,
Und rastet von des Tages Frohn!"

Das Cymbal rauscht, die Flöte klingt,
Des Epheus heil'ge Kränze flechten
Sie um das Haupt, und tanzend schwingt
Der Chor den Thyrsos in der Rechten:
Die gold'ne Aera ward begründet,
Lobsinge, wer lobsingen kann!
Und in des Volkes Mitte zündet
Ikarios das Opfer an.

"O holder Gott, wie lagen wir
Verdumpft im Joche grauer Sorgen!
Nun hast du uns hinauf zu dir
In reine Heiterkeit geborgen;
Nun prangt das weite Weltgebäude,
Ein Tempel eurer sel'gen Schaar,
Und in des Lebens mächt'ger Freude
Wird euer Walten offenbar."

Und lauter schallt zu Bacchus' Preis
Das Cymbal, das Geklirr der Schellen,
Und wilder schlingen sich im Kreis
Des Tanzes jauchzende Gesellen.
Gelächter wiehert auf, und rasend,
Zerriss'nen Kleids, mit wirrem Haar,
Die schrillen Doppelflöten blasend,
Taumelt der Weiber trunk'ne Schaar.

Kein Warner, der mit weisem Sinn
Den zügellosen Reigen endigt!
Und Knaben sinken schwindelnd hin,
Und Männer, wie vom Tod gebändigt.
Da murrt das Volk, und scheltend sammeln
Die trunk'nen Rotten sich zu Hauf,
Und tobend wächst ihr wüstes Stammeln,
Und wie ein Chaos gährt es auf.

"Vergiftet hat er uns! Sein Trank
War schwarzer Tod und Pest sein Becher!
Wohlauf! dem Geber seinen Dank!
Ergreift, zerreißet den Verbrecher!
Streut sein Gebein in alle Winde!" -
Und schmetternd trifft der Thyrsen Wut,
Und durch die priesterliche Binde
In dunklen Strömen rinnt sein Blut.

Und seufzend schwebt sein Geist zum Styx:
"Was frommt euch Reu' und spätes Klagen?
Ach, keine Blüte des Geschicks
Wird euch der Weisheit Früchte tragen.
Unselig Amt, maßlos zu spenden;
Maßvoll empfangen lernt ihr nie.
Und ewig müßt zum Fluch ihr wenden
Das Heil, das euch ein Gott verlieh."


  Arthur Fitger . 1840 - 1909






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