Gedichte.eu Impressum    

Gedichte, Lyrik, Poesie

Fahrendes Volk
162 Bücher



Arthur Fitger
Fahrendes Volk . 3. Auflage (vermutlich) 1890



Antinous

In lauer Mondnacht schlief der heil'ge Nil;
Des Schiffes Furche zog wie Goldgeschmeide
Hellfunkelnd hin; kaum daß des Windes Spiel
Noch schläfrig säuselt' in des Segels Seide;
Doch, gleitend nach der Leier Melodieen,
Des Ruders Takt die Fluten kräuselnd schlug,
Und schwimmend schien am goldgeschmückten Bug
Ein Nereidenbild das Schiff zu ziehen.
Und brennend rote Rosenkränze schlangen
Verschwendrisch sich um Mast und Segelstangen
Und gossen weithin auf den stillen Strom
Des heißen Dufts berauschendes Arom.
Von Teppichen, die Indien gesandt,
Von schwerem Goldgeweb' aus Samarkand
Wölbt' über elf'nen Säulen sich ein Zelt
Wie ein Palast der Feyen auf den Wellen;
Und drinnen auf gefleckten Pardelfellen
Hielt seinen Hof der Herr der Welt.
Der Herrscher, dem nur Wüst' und Ocean
Das Reich begrenzten, Cäsar Hadrian,
Die Wonne Rom's, der Götter Lieblingssohn,
Dem keine Thräne noch die Wimper netzte,
Deß Lächeln Sonnenschein, vor dessen Droh'n
Der überwund'ne Erdkreis sich entsetzte,
Der selbst das Glück an seinen Wagen zwang,
Dem Alles, was er wollte, noch gelang -
Hier lagert' er. Die halbgeschloss'nen Augen
Durchschweiften träumerisch die blaue Nacht,
Als sei des Schiffes märchenhafte Pracht
Zu bettelhaft, um seinem Blick zu taugen.
Die Isispfaffen und die Senatoren
Der Weltstadt krümmten sich vor seinem Fuß
Und schmeichelten mit hocherhab'nem Gruß,
Der Göttern nur gebührt, den trunk'nen Ohren,
Und schenkten ihm Aegyptens Feuerwein
Aus tausendjähr'gen Tempelkrügen ein.
Und drüben an des Ufers schilf'gem Saum,
Wo schwarz die Sphinx sich streckt vor den Pylonen,
Stieg ragend in des Himmels Sternenraum
Die alte Porphyrstadt der Pharaonen.
Von bunten Fackeln flammten alle Gassen,
Demanten gleich warf sie die Flut zurück,
Und jauchzend priesen die geschmückten Massen
Des Volkes laut den Cäsar und sein Glück.
Und Fest auf Feste strahlten seinem Ruhme;
Denn neben des Osiris Heiligtume
Ward heut' ein neues, reich'res aufgethan,
Das Heiligtum des Gottes Hadrian;
Und hundert Priester brachten am Altar
Ihm Weihgesang und Hekatomben dar. -
Doch vor des Herrschers Blicken matt zerfloß
Der bunte Glanz, und auf die Augenlider
Sank es wie Dämmerung, und leise goß
Der Schlummer seinen stillen Mohn hernieder.

Die Saiten schwiegen; dunkel ward's an Bord,
Und lautlos trug der Strom das Fahrzeug fort,
Als frohnt' auch er in Hadrian's Befehle.
Ringsum kein Laut; des Cäsars Lagerthron
Bewachte nur sein auserkor'ner Sohn,
Sein einz'ger Freund, der Liebling seiner Seele,
Antinous, der bei dem Schläfer saß,
Schlaflos er selbst. In all' der Fülle fraß
Ein ewig wacher Wurm ihm im Gemüte,
Und Schwermut hielt sein lockig Haupt gesenkt;
So, dorrend in der Sonne Gluten, hängt
Vom Stiel geknickt die bleiche Lotosblüte.

"O, Hadrian, ist das dein glücklich Loos?
Und aus dem Füllhorn ungemess'ner Freude
Ist das die letzte Frucht? Wie Sumpfgestäude,
Das wuchernd aus dem feisten Boden schoß,
Und jäh verfault am eignen Ueberflusse,
So soll dein Geist in schwelgendem Genusse
Verfaulen und versinken? Diese Hand,
Einst stark, das Steuer einer Welt zu leiten,
Soll kraftlos nun auf seid'ne Polster gleiten,
Und deine Krone ward zum Bühnentand?
Du bist kein Gott; wärst du's, so trügest du
Die Fülle deines Glücks in sich'rer Ruh'
Mit wachem Aug' und ewig stätem Geist,
Unwandelbar gleich wie des Himmels Sterne.
Du bist ein Mensch, und nimmermehr verlerne,
Was menschlich unter Menschen wandeln heißt.
Drum naht dir heut' der unerbet'ne Gast,
Dem du noch nie in's ernste Auge sahst,
Er pocht, und Einlaß heischt er in dein Herz;
Dein Liebling selber bringt ihn dir - den Schmerz.
Denn Schmerzen sind Triumphes ächte Saaten,
Denn Schmerzen sind die Wurzeln großer Thaten;
Schmerz ist das Bad, das sieche Seelen letzt,
Schmerz ist der Stein, der stumpfe Geister wetzt,
Die heiße Thräne bricht durch deine Lider
Und vom Olymp zur Erde kehrst du wieder."

Der Jüngling sprach es, und mit leisem Fuß
Schritt er hinauf zum ragenden Verdecke
Und rief dem Sklaven: "Geh, den Cäsar wecke!
Ein Opfer starb für ihn Antinous."
Und jählings stürzt' er in die Flutentiefe,
Daß hoch empor die gelbe Woge schlug,
Und Kreise wirbelten in weitem Zug;
Dann schwieg sie still, als ob sie wieder schliefe,
Und schwemmt', in ihrer feuchten Nacht begraben,
Hinweg den schönen Leib des treuen Knaben.


  Arthur Fitger . 1840 - 1909






Gedicht: Antinous

Expressionisten
Dichter abc



Fitger
Fahrendes Volk
Requiem

Intern
Fehler melden!
AGB

Internet
Literatur und Kultur
Autorenseiten
Internet







Partnerlinks: Internet


Gedichte.eu - copyright © 2008 - 2009, camo & pfeiffer

Antinous, Arthur Fitger