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Gedichte, Lyrik, Poesie

Mynheer der Tod
162 Bücher



Gustav Falke
Mynheer der Tod . 1. Auflage 1892



Unter der Maske

1.

Du Kleine mit den Veilchen und den Rosen
Im Korbe, laß mir deine duftige Fracht,
Und gieb dich selbst zum Küßen mir und Kosen.

Sei mein für eine einzige lustige Nacht.
Mir sagt dein Blick: Auch dich verlangt zu leben,
Die Frucht zu kosten, die so lockend lacht.

So brich sie nun dir im Entgegenheben.
Nicht auf dem Teller wird sie uns kredenzt,
Dem Zagen bleibt sie unerreichbar schweben.

Dir beugt den Zweig, daran sie goldig glänzt,
Dienstwilliger Zufall, schönes Kind. O eile,
Sei fröhlich, eh das Leben dich entlenzt.

Hier hast du Geld für deine Blumen. Teile
Mit mir die Stunden. Ist doch Fasching heute.
Zum nächsten Juden folg mir ohne Weile.

In schimmernde Gewänder eh' dich's reute,
Soll er dich kleiden ganz nach Wunsch und Wahl.
Du nickst, du willst, du meine holde Beute?

Komm denn! Heut schwingt die Freude den Pokal.


2.

Im engen Jägerwams und Federhut,
Am Gurt den Fänger, schreit ich dir zur Seite.
Du schielst verliebt: Wie steht der Rock dir gut.

Und du, mein allerlieblichstes Geleite,
Zigeunerkind in goldgesticktem Mieder,
Bleibst Siegerin in jedem Schönheitsstreite.

So durch die Menge gehn wir auf und nieder,
Gedrängt, gepufft, getreten und geschoben.
Jetzt kurz getrennt, eint uns der Zufall wieder.

Gelinde Furcht befällt dich in dem Toben.
Zum ersten Mal heut hast du dich vermummt,
Und fühlst dich fremd in all den Flitterroben.

Mich aber wundert's, wie so bald verstummt
Dein kleiner Mund, der erst so herzlich lachte,
Von plumpem Witz und leichtem Scherz umsummt.

So sage mir, wie sich dein Köpfchen dachte,
Des Faschings lustigen Maskeradenschwank.
Zürnst du, daß ich in diese Welt dich brachte?

Da blitzt durch Larvenschleier sternenblank,
Entgegen mir dein märchentiefes Auge
Ein stummberedtes: Lieber, habe Dank!

Und dann dein Wort: "Ob ich zum Fasching tauge?
Ich zweifle selbst. So schwül macht mich's, so wirr.
Die Luft erstirbt in losen Spottes Lauge.

Und doch." - Sprich Kind, und doch?, "Ich rede irr."
Du bist erregt, wie dir der Atem fliegt.
Komm Mädchen, abseits von dem Tanzgeschwirr.

Wo weich der Leib auf sammtnem Sitz sich schmiegt,
Sag offen, ohne Scheu, was ist's, was weiter
Dein Kopf an schlafenden Gedanken wiegt?

"O zürne nicht. Ich wär' so gerne heiter,
Doch läßt der Tag mich nicht mit seinen Sorgen.
Ich bin nun so. Ach, andre sind gescheiter.

Sie können sich ein flüchtig Glück erborgen
Und sich belügen an dem Flitterschein,
Ich aber denke immer nur an morgen,

Und möcht' doch auch gern einmal glücklich sein.


3.

Karl! Kellner! Eine Flasche her, Burgunder.
Nun trinke Kind, und deine Fröhlichkeit
Entzündet wieder sich an diesem Zunder.

Nach uns die Sündflut! Nützen wir die Zeit.
Was kümmert uns der Morgen, wenn das Heute
Mit Freudenrosen licht uns überschneit.

Wie mich es doch so recht von Herzen freute,
Als frohe Lust aus deinen Augen drang
Beim ersten Anblick der geputzten Leute.

Wie mir dein Lachen in die Seele klang,
Das kindlich heitre, und nun Thränen? Trink!
Sei fröhlich diese wenigen Stunden lang.

Die kurze Nacht vergeht nur allzuflink.
Ach, könnt' ich's machen, sollt' sie ewig dauern,
Die Stunde stehn vor meinem Herrenwink,

Die Zeit sich still zu deinen Füßen kauern,
Als treue Sklavin, und kein Morgen träfe
Dich jemals um ein schönes Gestern trauern,

Und Frohsinn kränzte deine junge Schläfe.


4.

Rasch rollt der Wagen übers rauhe Pflaster.
Zu hurtig ist mir selbst der Droschkentrott,
Und gern geböt ich halt dem dürren Haster,

In meinen Arm geschmiegt sieht dich voll Spott
Und boshaft lächeln unser vis-á-vis,
Der blinde Passagier, der kleine Gott,

Wie schnell diesmal sein Schelmenstück gedieh.
Oft dauert's Wochen, eh sein Plan gelingt,
Fehl aber schlägt's dem Überlistigen nie.

Ist's noch der Wein, der feurig dich durchdringt,
Ist's Amors Gift, das deine Kraft dir bricht,
Und näher deinen süßen Leib mir bringt?


Dein Auge leuchtet wie ein flackernd Licht,
Bewegt vom Wind, heiß flammen deine Wangen,
Indeß dein Mündchen irre Worte spricht.

Bacchus und Amor halten dich umfangen.
Die beiden jagen oft im schlimmen Bunde.
Vereinter List bist du ins Netz gegangen

In einer einzigen unbewachten Stunde.


5.

In ferner Vorstadt, wo die Armen wohnen,
In engem dumpfen Gäßchen, haust auch du.
Der Wagen hält, den Kutscher gilt's entlohnen.

Mit blöden Augen blinzt er frech uns zu,
Und breit und schleimig, auf dem Faunsgesicht,
Ein häßlich Lächeln, höhnt er: gute Ruh.

Im Thorweg noch, trüb brennt das müde Licht
Der schmutzigen Laterne, Kuß um Kuß.
Du läßt den Arm von meinem Nacken nicht.

Willst du schon fort? fragt Vorwurf und Verdruß.
Zeit wird's, so dräng ich, geh, der Wind weht kalt.
Ja, gleich, leb wohl! schwer wird dir der Entschluß.

Noch einmal küßt du mich mit Herzgewalt,
Dann hat den Lippen leise sich entrungen
Ein schluchzend: "Gute Nacht". - So bleib noch, halt!

Und schon hat uns der dunkle Flur verschlungen.


  Gustav Falke . 1853 - 1916






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