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Mynheer der Tod
162 Bücher



Gustav Falke
Mynheer der Tod . 1. Auflage 1892



Gold, wenn ich's hätte

Gold, wenn ich's hätte,
Das große Los!
Ob ich mir ein Reitpferd hielte?
Einen Viererzug?
Ob ich mir ein Rittergut kaufte?
Vielleicht gründete ich ein Asyl
Für verarmte Börsianer
Oder invalide Rennpferde,
Vielleicht kaufte ich Schopenhauers
Gesammelte Werke.
Ich thäte noch viel mehr,
Schöneres, Edleres:
Ich rauchte eine bessere Cigarre,
Und gäbe meiner Frau
Hundert Mark,
Tausend Mark Wochengeld.
Vielleicht auch hielt' ich eine zweite Frau,
Ein kleiner Pascha,
In jedem Stadtviertel eine.
Vor allem aber
Würde fromm ich, sehr fromm,
Und ließe für Sankt Marien
Ein Altarbild malen:
Christus,
Die Schächer zum Tempel hinausjagend.
Aber ein Realist sollt' es malen,
So einer mit großen, wahren Augen,
Der die Dinge sieht, wie sie sind,
Ohne Heiligenschein.
Christus,
Mit dem heiligen Feuer des Zornes,
Verachtung im edlen Antlitz,
Das derbe Tau in der strafenden Hand,
Und vor ihm geduckt,
Zitternd, stolpernd, fluchend, greinend,
In Kaftan und Frack,
Schmierig außen und innen,
Oder nur innen,
Und außen parfürmiert und geschniegelt,
Alle die edlen Seelen,
Die hundert Prozent nehmen;
Die Kaffeeschwindler mit scheinehrlichem Gesicht;
Die Buttermanscher mit den angesehenen Bäuchen;
Die Gotteswortfälscher
Mit den gleichfalls angesehenen Bäuchen,
Und noch viele andere.
Und einige Leute,
Die ich besonders hasse,
Die sollten mir ganz vorne abkonterfeit werden,
Ganz so ehrlich, tugendhaft,
Mit Pharisäerlächeln,
Wie ich täglich sie sehe.
Aber das Genie meines Realisten
Ereilte sie mit heiliger Vergeltung,
Und durch Farbe und Lack,
Durch Dünkel und Lächeln
Grinste ihr hohles Nichts,
Deutlich,
Man könnte es mit Händen greifen.

Gold wenn ich's hätte,
Das große Los.
Kein Reitpferd, keine Maitresse.
Kein Asyl
Für Opfer unserer modernen Wirtschaftsordnung,
Freiheit, weite gold'ne Freiheit.
Fort! irgendwohin,
Nur fort!
In die Einsamkeit?
In die Haide?
Oder aufs Weltmeer hinaus
Auf wiegender Planke?
Oder durch die stille,
Herzüberschauernde Wüste
Auf stelzendem Kamel?
Freiheit. Welt. Nur fort.
O, der kleine lächelnde Jude,
Den ich neulich auf der Pferdebahn traf,
Wie ich ihn beneide,
Diesen kleinen schmunzelnden Israeliten,
Der Konstantinopel gesehen hatte,
Roßschweife, Harems, das goldne Horn,
Und andere Hörner.
Wie ward das Herz mir groß
Bie seinem Erzählen.
Und er war nur ein Kaufmann,
Reiste vielleicht
Mit wollenen Unterhosen,
Patentierte Jäger,
Oder mit Wiener Schuhwaren,
Und ich, ich bin ein Dichter
Und würde mit meiner Muse reisen.
O, meine Muse.
Neulich noch schalt sie mich,
Daß ich sie versauern ließe,
Stubenhockerisch.
Sie hätte keine Lust,
Eine alte Hutzel zu werden.
Sie bedürfe Bewegung,
Luftveränderung,
Zerstreuung,
Nahrung.
Von Hamburger Rauchfleisch allein
Könnte sie nicht leben.

O, meine Muse,
Ich weiß,
Du bist schlecht daran,
Sehr schlecht.
Dir fehlt es am Nötigsten
Zu deiner Entwicklung,
Du wirst ewig
Bleichsüchtig bleiben
In der stickigen Stadtluft,
In der Misere
Des täglichen Lebens.
Glaube, das Herz thut mir weh darob,
Aber ich kann dir nicht helfen.

Gold, wenn ich's hätte,
Das große Los.
Ja, wollt' ich dich halten.
Herrlich solltest du sein,
Eine Fürstin,
Getränkt mit dem Nektar der Freiheit,
Gespeist mit dem Brot der Freiheit,
Groß, heiter.
Wie es Göttern geziemt und Göttinnen,
Gingst du mit Siegesschritten, Tanzschritten,
Über Länder,
Über Meere,
Brächest Rosen
Aus dem glutflammenden Nordlicht
Und schöpftest Diamanten
Mit hohler Hand
Aus den flimmernden Feldern
Des Südpols.
Aus den Tiefen der Meere
Drängten sich jauchzend
Die Wunderwesen entgegen dir,
Tritonen und Nereiden,
Und lachend,
Daß es widerhallte durch alle Himmel
Neigten aus Sternenhöhen
Selige Scharen sich
Entgegen der Schwester.

O, meine Muse.
Ich bin nur ein armer,
Stundenlaufender Klavierlehrer,
Verheiratet,
Ohne Vermögen,
Und bitter büße
Den Übermut ich,
Daß ich mir den Luxus gestatte,
Mir eine Muse zu halten,
Die ich nicht ernähren kann,
Nicht standesgemäß ernähren kann,
Wie es sich für Musen gehört.
Nun welkst du hin,
Blutarm,
Und kränkelst in Sehnsucht
Und Heimweh.

O, meine Muse,
Gold, wenn ich's hätte,
Das große Los.


  Gustav Falke . 1853 - 1916






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