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Gedichte, Lyrik, Poesie

Mynheer der Tod
162 Bücher



Gustav Falke
Mynheer der Tod . 1. Auflage 1892



Die Schiffbrüchigen

1.

Wir waren zu viert. Die Felsen, steil,
Hochragend, umtoste der wütende Sturm,
Der hatt' uns getroffen mit heulendem Pfeil,
Den Tod geschworen dem Menschenwurm.
Zerschellt, zersplittert am Stein das Schiff,
Verschlungen fast Alle. Ein Krach, ein Schrei -
Hohn donnert die Tiefe hinauf zum Riff,
Hohn gellen die Lüfte - und alles vorbei.

Nur wir, von dreißig die einzigen, lagen
Auf felsigem Ufer, zerschunden, zerschlagen,
Frostschauernd, durchnäßt von der salzigen Flut
Bis auf die Knochen, erstarrt das Blut.
Im Rücken das springende Ungeheuer,
Das tobende Meer, geduckt zu neuer
Raubhungriger Mordthat, vor uns die Klippen,
Die zackigen, kantigen Felsenrippen,
Und um uns, mit Heulen, Toben und Schnaufen,
Der Wellenpeitscher, der Felsenrüttler,
Der Sturm, der jauchzende Schwingenschüttler.

Jens Jensen, wir nannten den roten ihn,
Der wildeste unter dem wilden Haufen
Des Schiffsvolks, dem das Haupthaar schien
Und der struppige Bart wie flammende Lohe,
In Furcht hielt er alle, der Wüste, der Rohe,
An Kraft ein Stier, an Wildheit ein Tiger,
Jens Jensen war der erste auch jetzt,
Der hoch sich reckte, ein trotziger Krieger,
Der sich zum Kampf in Bereitschaft setzt.
Nach oben wies er: "Wir müssen hinan!
Nur frisch! Wir müssen schon, Steuermann.
Hier holt das gefräßige Vieh uns doch,
Das nimmersatte, zum Frühstück noch."

Ich raffte mich auf und sah nach dem Jungen.
Er war mir zur Seit in die See gesprungen,
Blaß lag er und blutend und atmete schwer.
"Jens, der kommt nimmer nach oben mehr."
"Der kommt nach oben! Geht's anders nicht,
So trag ich ihn schon, das Kindergewicht."
Und wahrlich, Arme wie seine, trügen
Wohl dreifache Last, ich will nicht lügen.
So nahm er ihn denn wie ein Kind, eine Puppe,
Warf noch einen Blick auf die Felsenkuppe,
Und "Vorwärts!" überschrie er den Sturm,
"Die Zähne zusammen, hinauf auf den Turm!"

Und er voran und wir hinterdrein,
Das Mädchen und ich. - Ja, ein Mädchen stand,
Eine blühende Jungfrau, halbnackt, allein
Unter rauhen Männern am rauhen Strand,
Mit uns dem Schrecklichsten preisgegeben,
Schiffbrüchiger Los, das elende Leben
Auf einsamer Insel fristend vielleicht
Bis ans einsame Grab. Doch hatten wir jetzt
Zu solchen Gedanken nicht Zeit. Zerfetzt,
Zerschunden, mit blutenden Händen und Knien
War langsam der erste Vorsprung erreicht.
Das Muß hatt' dem Schwächsten Kräfte verliehn.

Doch Jensen trieb weiter nach kurzem Verschnauf,
Höher hieß es, höher hinauf!
Und ohne zu klagen, die Zähne gepreßt,
Die Arme straff, die Lenden fest,
So klomm sie vorauf, und ich in der Nähe,
Wenn ihr fehltretend ein Unglück geschähe.
Trotz Sturm und Graus und keuchender Brust
Sah doch mit geheimer, innerer Lust
Das prächtige Weib um ihr Leben ich ringen,
Gepeitscht von des Sturmes gewaltigen Schwingen.

Halb waren wir oben, da schwand die Kraft
Auch Jens, dem das Tragen die Sehnen erschlafft.
Der Junge stöhnte. Zum Glück bot hier
Eine Felswand, breitlagernd, einigen Schutz.
Zusammengekauert auf engem Raum,
So lagen erschöpft aneinander wir,
Vom Unglück vereint zu Schutz und Trutz
In der Wildnis von Stein. Kein Strauch, kein Baum,
Kein Halm. Nur Felsen, Schutt und Geröll.
Ich lauschte, ob nirgendwo erschöll
Ein Laut durch den Sturm, ein Menschenruf,
ein Hundegebell, eines Tieres Laut,
Denn immer wieder die Hoffnung schuf
Sich rettende Bilder und sah bebaut,
Bewohnt das Eiland. Doch durch das Schnauben
Der Lüfte drang nichts, als der Meerestauben,
Der Möven Geschrei, die mit ängstlichem Fliegen
Uns umkreisten, als wir die Felsen erstiegen.

Und keiner von uns sprach nur ein Wort.
Die Lungen keuchten, die Lider fielen,
Von Schlaf bezwungen, die Arme sanken,
Das Haupt, erschöpft auf die harten Dielen.
Ich weiß nicht, wie lange ich lag so fort.
Als ich erwachte, saß sie bei dem Kranken,
Beim leidenden Jungen, und wusch ihm die Wunden
Mit Regenwasser, und als er, verbunden,
Und sorgsam gestützt, zum ersten Mal
Das Auge erhob, welch' ein Liebestrahl,
Welch' ein Mitleidleuchten in ihrem Gesicht.
Und er lächelte dankbar, der arme Wicht.

Ein wenig seitab lag Jens entschlafen,
So friedlich, als wär' er im sicheren Hafen,
Vielleicht fand er im Traum sich wieder
Bei der schwarzen Marie in der Hafentaverne,
Und hörte der Kleinen lüsterne Lieder
Und traktierte mit Grog sie. Den trank sie so gerne.
Ich sah seine Rippen sich dehnen und heben
Unter dem wollenen Hemd, und sah das Leben,
Das kraftvolle, diese Glieder schwellen,
Hörte den Atem in ruhigen Wellen
Der Tiefe der breiten Brust entquellen
Und fühlte Neid auf den starken Gesellen.
Doch endlich löste auch ihm der Schlaf
Von den Lidern sich ab, und sein Auge traf,
Verwundert, als wüßt' er nicht wo und wie,
Die seltsame, fremde Scenerie,
Bis er sich besann und mit kräftigem Fluch
Seinen Traum sich aus dem Kopfe schlug.

Und wieder hieß es: Nach oben! weiter!
Auf rauhem Pfad, ohne Strick und Leiter.
Doch Paul, der Junge, stöhnte leis
Und wollte nicht weiter, um keinen Preis.
Da erbot ich mich, einen Weg zu spüren,
Der uns vielleicht bequemer möcht' führen,
Und klomm hinan und spähte und fand
In geringer Höh' einen Pfad, der wand,
Roh von der Natur geschaffen, sich
Schlängelnd bergan. Dem folgte ich.
Bald sah ich mich auf dem höchsten Kamm
Der Felsenmauer, und sah, es schwamm
In Freudenthränen mein Auge, gelehnt
An dem felsigen Hang ein waldiges Thal
In üppigen Grün und breit gedehnt,
Und sah einen Quell, einen Bach, einen Teich
Herüberblitzen aus grünem Reich,
Und spürte doppelt des Durstes Qual.

O, nur ein Gefäß, eine Hand voll nur
Vom erquickenden Naß! Doch ich mußt mich bescheiden,
Und eilte zurück, verfolgend die Spur
Des Weges, und durfte nicht Aufenthalt leiden
Und wie ich so freudig bergab nun flog,
Von Weitem schon winkte und rief, da zog
Ein Freudenschimmer, ein Hoffnungsschein
Selbst über das blasse Gesicht des Jungen.
Mit einem Satz war ich hinabgesprungen
Zu ihnen, den letzten ragenden Stein:
Wie wären gerettet! Wald, Wiese und Quell!
Wir wären geborgen! - Wie sprangen schnell
Die nüden Gefährten empor. Der Kranke
Selbst raffte sich auf. Ihn hielt der Gedanke
Der nahen Rettung ein Weilchen gar
Noch aufrecht. Aber zu mühsam war,
Zu beschwerlich der Weg, und wieder nahm
Auf dem Arm ihn Jens, daß er mit uns kam.

Wir zwei jetzt voran; und die frohe Hast
Die mich vorwärts trieb, ließ vergessen mich fast,
Daß nur ein Weib mir zur Seite ging.
Und als ich gemäßigt den drängenden Schritt,
Sah ich, wie sie zu zittern anfing
Und erblaßte, die Augen schloß und schwankte.
Da fuhr mir's durchs Hirn, wenn auch sie erkrankte
Eh wir erreicht das rettende Thal.
Ich sah ihr im Antlitz die stumme Qual,
Obgleich sie matt lächelnd die Schwäche bestritt,
Und bot ihr den Arm und stützte sie fest.
Und so umschlungen den letzten Rest
Des Wegs, halb hielt, halb trug ich sie nun,
Und fühlte den herrlichen Körper ruhn
In meinen Armen, und ein Zittern durchfuhr
Mir jeden Nerv, und ich litt dabei.

Und schweigend gingen wir weiter nur,
In einsamer Wildnis allein wir Zwei.
Denn weit zurück war mit seiner Last
Jens Jensen, die oft ihn zwang zur Rast.
Doch endlich erreichten wir alle das Thal.
Der Sturm war gebrochen, ein blitzender Strahl
Der Sonne drang siegreich ins Wolkengehader
Und trieb auseinander das schwarze Geschwader.
Und vor uns der Wald, der grünende Plan,
Und oben der Himmel nun aufgethan,
Und ruhig die Lüfte und wärmer, da war
Es uns allen, als wäre vorbei die Gefahr,
Und irgendwo müßt in den grünen Gründen
Ein Menschenlaut glückliche Rettung uns künden.


2.

Schon Stunden irrten wir hin und her,
Und fanden nicht, was das Herz ersehnte.
Nur Wildnis ringsum und menschenleer,
Und dunkel der Schatten des Abends sich dehnte.
Da flochten wir Zweige zu Zweigen zum Dach,
Und rissen vom Boden das Kraut und die Halme.
Und säuberten ihn, und unter der Palme
Bereiteten so wir ein Schlafgemach.
Dann wiesen wir jedem sein Lager zu eigen,
Und brachten den knurrenden Magen zum Schweigen
Mit Rinden und Wurzeln und was sich so findet
An Früchten im Walde, wo Furcht doch bindet
Die lüsterne Hand, mit giftiger Speise
Auf einmal zu enden die Jammerreise,
Leben genannt. Der Mensch ist so schwach,
Trotz allem Elend und Ungemach.
Sieht Glück wie den Wind, wie ein flackernd Licht
Im Sumpf, aufspringen und necken und narren,
Eitel Alles, ohne Bestand, ohne Beharren,
Wer aber hängt sich ans Leben nicht
Und fürchtet die Frucht nicht, die Frieden ihm bringt,
Das Wasser, das lockend von Ruhe ihm singt,
Und läßt seinen Leib in des Hungers Krallen,
Selbst hungrigen Würmern zum Fraß, gern zerfallen?
So nährten wir uns so gut es ging,
Und stillten des wütenden Hungers Plagen,
Und aßen von Früchten, die wir gesehn,
Und schlürften den Saft mit wildem Behagen,
Und unserer Gier war nichts zu gering.

Die Wipfel rauschten in lindem Wehn
Der Nacht hoch über die fremden Schläfer.
Neugierig umsurrten uns glänzende Käfer;
Goldflügelig, schillernd, wie Lichter gleißend,
Umschwirrten Insekten uns, stechend und beißend.
Ein seltnes Gevögel mit buntem Gefieder,
Paradiesvögel, Kolibri, Papagein,
Flog durch das Gezweig oft mit wildem Schrein,
Oft lautlos, gespensterhaft, auf und nieder.

Rings Wald nur und Wald. Hochstämmige Palmen,
Und wieder im Wald noch ein Wald von Halmen,
Von riesigen Farren und dichten Gehängen,
Von Schlinggewächsen, ein Streben und Drängen
Zum Lichte, nach oben, ein Wirrwarr von Pflanzen,
Von Blättern und Blüten, ein Schwirren und Tanzen
Von Flügelgetier in schillernden Farben,
Ein üppiges Leben ohne Hungern und Darben.
Der Mensch allein in der Üppigkeit
Den Qualen des langsamen Sterbens geweiht,
Dem Hungertode?

                    Ich wachte allein
Die letzten Stunden der Nacht Mich fror,
Bis durch die Palmen der erste Schein
Des kommenden Tages brach bleich hervor.
Ich dachte zurück an die Heimat lang,
An die alte Mutter, die froh und bang
Der Rückkehr harrte der "Marie-Anne",
So hieß das Schiff, und die Tage zählte
An den Fingern sich ab wohl zehnmal, wann
Die schmucke Brigg in den Hafen lief.
Wie der Gedanke mich an die Mutter quälte.

Und ich dachte der Frieda, der Nachbarin,
Der freundlichen blonden. Es war mein Sinn,
Zum Weib sie zu nehmen, und halb schon gab
Mir das Jawort sie, und ich schrieb einen Brief
Noch vom letzten Hafen. Die Post ging grad ab,
Und ich mußte mich eilen.

                    Jens Jensen gähnte
Erwachend und sah, wie ich sinnend lehnte
Am Stamm, und rief mir zu "guten Morgen".
War immer voll Mut und ohne viel Sorgen.
Ja, hätten das Weib wir nicht und den Jungen,
Wir beide hätten uns durchgerungen,
Wie Robinson und sein Freytag. Es müßte
Doch einmal ein Schiff unsrer einsamen Küste
Sich nähern, so dacht' ich und anderes mehr.
Die Beiden doch machten das Herz mir schwer.
Und sie trug's doch geduldig ohne Murren und Plag.
Wir sahen sie an, wie schlummernd sie lag,
Und lange an, doch keiner gab kund,
Was sich regte in tiefstem Herzensgrund.

Und das Tagesgestirn erklomm seine Bahn
Mit stetigem Lauf und der Wald war erwacht,
Und lärmend verdoppelt das Leben der Nacht.
Da brachen wir auf, stets der Richtung nach,
Wo ich wähnte, es flösse der Quell, der Bach,
Wo wir glaubten, daß nahe den Wiesengründen
Vielleicht gar menschliche Wohnungen stünden.

Doch das Tagesgestirn erklomm seine Bahn
Mit stetigem Lauf, und noch immer sahn,
Als Mittag die sengenden Pfeile sandte,
Wir Wald und Wald nur, wohin auch wandte
Der fiebernde Blick sich. Und Zagen zog
Ins Herz mir da, und ich dachte, warum
Wir nicht an dem Strand, auf dem Felsen geblieben,
Statt zu irren hier in der Wildnis herum.
Vielleicht war ein Schiff schon vorbeigetrieben,
Und es hätt' uns gesehen, und wir wären geborgen.
So warf ich mir vor und machte mir Sorgen.

Jens Jensen brummte und fluchte nur immer,
Doch trieb er's an Bord noch weitaus schlimmer,
Ein Zeichen, daß auch er das Grauen empfand,
Das uns andern fast immer die Zunge band.
Das Mädchen mühte sich um den Knaben,
Eine Mutter konnt' sich nicht sorglicher haben,
Und kühlte die Wunden, die schlimmen ihm, wie
Das Mitleid, der Wunsch zu helfen, ihr's lieh,
Mit blättern, mit Tüchern voll feuchter Erde,
Und trug von uns allen die meiste Beschwerde.

Der Junge war dankbar und küßte oft stumm
Die Hände dem Mädchen. Dann wandt' sie sich um,
Errötend wohl gar, wenn wir es gesehn.
Doch lange, so sah ich, würd's nimmermehr gehn
Mit dem Jungen. Der Atem ging pfeifend nur noch,
Ich sah, es ging aus dem letzten Loch.
Zwei Rippen gebrochen, die Lunge wund,
Wer machte ihn hier in der Wildnis gesund?

Und wie ich's voraus sah, so kam es, kam bald.
Kaum traf uns der zweite Abend im Wald,
So standen wir drei an der Leiche, schweigend,
Erschüttert das Haupt auf die Brust hinneigend,
Mit stummen Blick auf die schwarze Erde.
Und als ich so stand, zog wieder mir sacht
Durch die Seele, wie in der stillen Nacht,
Der Mutter Bild, und ich wandte mich ab,
Vor den Andern zu bergen die Schmerzgeberde.

Auf den Knien, mit den Händen, so haben ein Grab,
Jens Jensen und ich, wir gescharrt, gegraben,
Nicht tief und nur schmal, drin legten den Knaben
Wir sorgsam hinein zur ewigen Ruh,
Das Mädchen drückte die Augen ihm zu,
Dann sprachen ein stilles Gebet wir drei.
Mir fiel nur das Vaterunser bei,
Das sagte ich her bis zur Hälfte und dachte
Dann heim, weit fort, an den Schulkameraden,
Der einst in der Elbe ertrank beim Baden,
Und den ich mit zu Grabe brachte,
An den Lehrer, und an den Pastoren, der mich
Confirmierte, und dachte noch an, Gott weiß,
An den Zirkus, und wie wir vom Bretterzaun
Hatten freien Blick, und mich faßte ein Graun,
Und heiß überlief es mich, siedend heiß,
Und ich schämte mich dieser Gedanken jetzt,
Und die wunderliche Zerstreuung entwich
In unterdrücktem Weinen zuletzt.

Mit Farren und Palmen und was sich so fand,
Bedeckten wir den Hügel von Sand
Und kratzen zum Zeichen ein Kreuz in die Rinde
Des nächsten Baumes, als ob ihn wer finde,
Als ob ihn besuche wer jemals hier.
Und weiter gingen dann schweigend wir
Und suchten ein Lager uns für die Nacht,
Ich weiß nicht, wie lange wir drei noch gewacht,
Und wer zuerst in den Schlummer fiel.
Schon hoch stand die Sonne, als jäh ich empor
Aus den Träumen fuhr, ihrem spukhaften Spiel.
Jens Jensen lag noch fest auf dem Ohr
Und schnarchte wie immer. Sie aber saß
Abseits auf einem Baumstumpf. Ich sah,
Sie hatte geweint, und ihr Antlitz war blaß;
Stumm saß sie, die Hände gefaltet, da.


3.

Und zum dritten Mal kochte die Mittagsglut
Die Palmenwipfel, da lichtete sich
Der Wald, und wir fanden den Weg hinaus
Aus dem Pflanzengewirr und atmeten tief,
Wie befreit aus langer Gefangenschaft Graus.
Die Hoffnung zog ein, die Furcht entwich,
Und grün lag das Land in des Friedens Hut,
So lag es vor uns, und in Mitten lief
Die Quelle, der Bach, das Wasser blank.
Da weinten wir und stammelten Dank
Und sanken aufs Knie und schöpften mit Händen
Das kühle Naß, den entbehrten Trank.
Und wie wir gekräftigt zum Gehen uns wenden,
Da sehn wir im Gras, fußbreit, einen Pfad,
Einen richtigen Pfad und fast schnurgerad
Und fleißig betreten. Dem folgen wir dann,
Ich hinter dem Mädchen, Jens Jensen voran.

Und wie wir es hofften ein jeder, und doch
Zu sagen sich niemand getraute, so fanden
Wir's wirklich, als weiter eine Strecke noch
Den Pfad wir gingen. Vier Palmen standen,
Und weiter noch sechs oder sieben, als Posten
Hier vor in die grünende Ebne geschoben,
Und unter den ersten vier ragende Pfosten,
Mit Zweiggeflecht an den Seiten und oben,
Ein Haus, eine Hütte, von Menschen erbaut.
Wer mochte hier in der Wildnis wohnen?
Wir standen von Weitem und schauten und schauten.

Wer schilt uns, daß wir nicht gleich uns getrauten?
So standen wir lauschend und spähten umher,
Und jedem ging hastig der Atem und schwer,
Und klopfte das Herz. Doch alles blieb stumm.
Kein menschliches Wesen, kein menschlicher Laut,
Nur Rauschen des Windes im Grase ringsum
Und kräftiger hoch in den Palmenkronen.
Da fasten wir Mut und gingen gradaus.
Jens Jensen trat zuerst in das Haus
Und spähte und winkte uns näher. Wir fanden
Halb offen die Thür, und wir traten ein
Und waren im niedrigen Raum allein.

Eine leere Hütte. Nichts war vorhanden,
Sie wohnlich zu machen. Kein Stuhl, kein Tisch
Und kein Bett. Nur vier kahle Wände. Frisch
Aus dem Seitengeflecht, hier, da, ein Sproß,
Ein lustig grünender, schwankender Schoß
In den dämmrigen Raum hineingestreckt,
Armlang und mit leichtem Gespinnst überdeckt.
In der Ecke ein Haufe trocknen Laubes,
Unter der Decke zollhohen Staubes,
Schien als Lager gedient zu haben.
Nichts weiter! Und doch, im Dunkel dort,
Nur zögernd nahm ich's vom Boden fort,
Ein Trinkgefäß, eine hohle Nuß.
Wen mußte die ärmliche Schale erlaben?
Schon lange nicht mehr mit dem staubigen Rand
Sich durstige Lippe zusammenfand.
Und schnell mit geheimem Grauen, als säß
Ein Zauber drin, warf ich hin das Gefäß.

Und suchend setzte ich weiter den Fuß,
Und ging um die Hütte und weiter noch,
Nach den Palmen, den sieben, hinüber, zehn Schritte.
Und wie ich betrete den schattigen Raum,
Ich trau' den entsetzten Blicken kaum,
Und fahre zurück, und stiere doch
Gebannt auf das Schreckliche hin und stier'.
Da saß in des friedlichen Wäldchens Mitte
Ein Toter, ein menschlich Gerippe hier:
Kein Kleid, kein Fleisch, nur bleichende Knochen.
Und ich sah, der lag da nicht Tage, nicht Wochen,
Der saß da, gelehnt an den Palmenbaum,
Wohl Monde und schlief den Schlaf ohne Traum,
Den ewigen Schlaf in der Wildnis hier.
Und über die Knochen kroch Tier an Tier,
Und aus den Höhlen der Augen, der Nase
Sah Würmer ich schlüpfen und sah im Grase
Die eklen Geschöpfe in Reihen, in Haufen
Das einsame, bleiche Gerippe umlaufen.

Und ich rief die Gefährten, und schaudernd standen
Und schweigend wir. Wer war's, den wir fanden?
Ein Wilder? ein Weißer? ein Seemann? wie wir
Von den Stürmen verschlagen, gestrandet hier,
Ohne Hülfe, ohn' Rettung in langer Qual
Dem Würger Tod zum Opfer gefallen?
Drohte ein Gleiches nicht auch uns allen?
Und plötzlich erblaßte der letzte Strahl
Die Hoffnung in mir, und ich dachte, wann mag,
Wie bald mag kommen der schreckliche Tag,
Wo hingegeben den Würmern zum Fraß
Du liegst und die andern am Boden, im Gras,
In der Sonne Glut, und über euch gehen
Die Tage, die Jahre, die Winde verwehen
Den Staub, und die drüben warten und weinen,
Und weiß keine Seele, wo Kreuz und wo Grab,
Und wer euch die letzte Tröstung gab.

Und wie wir gefürchtet, so war es nachher:
Die Insel war einsam und menschenleer,
Von Felsen ummauert ein stilles Thal,
Und auf dem Felsen, der langsamen Qual
Des Hungertodes war preisgegeben,
Wer dort, zu retten sein elend Leben,
Von Klippenhöhen mit Hoffen und Graun
Sich blind nach rettenden Schiffen wollt' schaun.
Hier boten die Früchte, die Wurzeln, der Bach
Doch spärliche Speise, hier war doch ein Dach,
Eine Hütte von einem aufgezimmert,
Dem nie wohl im Hirn eine Ahnung geschimmert,
Er könnte für andre sein Häuschen errichten,
Es gegen die Glut und die Winde dichten,
Für andre, für Erben, die nie er gesehn,
Sein notgeborenes Werk lassen stehn.

Auch uns zwang die Not nun, uns einzurichten.
Uns schien es so viel, als auf Rettung verzichten,
Doch hofften wir dennoch von Tag zu Tage,
Wochen, Monde vergingen, doch
Wir hofften, hofften immer noch
Und hofften und zagten und hofften, ich sage
Ein Jahr und noch eins, und es kam kein Schiff,
So oft wir auch standen auf ragendem Riff,
Wohl Tage lang oft und spähten uns blind.
Doch nichts als Wellen und drüber der Wind,
Die Sonne, die Sterne, ein Kommen und Gehn,
Und die Wolken, doch niemals ein Segel zu sehn,
Kein Segel, kein Segel! - Da gaben wir's auf
Und ließen dem Zufall allein den Lauf
Und schickten uns drein. Vielleicht aus der Bahn
Geschleudert gleich uns, wie ein Ball vom Orkan,
An die Klippen geworfen gleich uns, daß Genossen
Wir fanden im Elend. Doch Stürme schlugen
Auf Stürme das Eiland im Herbst und im Winter
Und brausten im Frühling, doch niemals trugen
Die Wellen, ein Fahrzeug an unsern Strand.
Keine Hülfe, keine Rettung, so schien es beschlossen.
Wir waren ergeben. Das Heimatland
Fern, fern, und die Freundschaft, die Liebe, und hinter
Uns allen die Hoffnung verblaßt längst. So sahn
Die Zeit, eine Schnecke, vorüber wir schleichen.
Wir hungerten nicht und blieben gesund
Und lebten so hin, bis und würde erreichen
Die letzte Ruhe, die Todesstund'.
Wir fürchteten nicht und ersehnten sie nicht,
Weil immer, trotz allem, ein Schimmer ja bricht,
Und wär's auch ein blasser, todblasser nur,
Ein Schimmer der Hoffnung durch schwärzeste Nacht.
Es ist einmal so, ist Menschennatur,
Mit Hoffnung wird der Mensch groß gemacht,
Und hofft bis zum Grab und drüber hinaus,
Doch der Tod sticht mit Trumpf, und das Spiel ist aus.


4.

Doch wie ich schon sagte, wir aßen uns satt
Und blieben gesund. Das heißt, bis auf einen,
Den raffte der Tod schon im ersten Jahr,
Und wenn ich dran denke noch, möchte ich weinen.
Noch oft in der Nacht mir sträubt sich das Haar,
Wenn dem Traum ich entronnen, heiß und matt
In den Kissen sitzend, dem schrecklichen Traum,
Den ich selbst im Grab nicht werde entgehn.
Ich sehe die Klippen, den fliegenden Schaum
Der Wogen, und höre das donnernde Meer
Und den Schrei, den Schrei darüber her.
Doch ich will erzählen, wie alles geschehn.
Zwei Männer, ein Weib, in der Wildnis allein,
Eine kleine Familie. Es lebt sich zu drein
Ja besser, geselliger noch als zu zwein,
Und ein Weib in der Wirtschaft ist immer was wert,
Und doppelt nun uns. Denn ein Weib weiß viel mehr,
Ist findiger, gewandter, zu allem geschickt.

Wir nahmen die Steine zum Bau für den Herd,
Und schlugen Feuer und kochten und brieten,
Rösteten Wurzeln und Früchte und freuten uns sehr,
Wenn Vögel einmal an den Spieß gerieten.
Jens Jensen verstand sie in Schlingen zu fangen,
Selten ist ihm ein Vogel entgangen.
Küche und Keller waren immer gespickt,
Denn wir waren zu dritt ja und sorgten vereint.
Wär' jenem, dem unter den Palmen, nur ein
Gefährte gewesen, der mit ihm geweint
Und mit ihm gehofft, es möchte wohl sein,
Daß er es ertragen, wie wir es ertrugen.
Wir hielten's so aus unter fleißigem Lugen
Nach Rettung und unter dem täglichen Treiben.
Wir hielten die Hütte in wohnlichem Stand
Und richteten ein uns, als gält' es zu bleiben,
Wir hatten Tisch und Bank, und ein Jeder
Sein Lager von Streu so weich wie Feder.
Und weil sie ein Mädchen noch, zogen wir gleich
Zwischen ihr und uns eine teilende Wand
Von Weidengeflecht. Sie hatte ihr Reich,
Ihre Kammer für sich. Im Übrigen waren
Wie Brüder und Schwester wir drei. Doch dann
Mußt' es nicht kommen, konnt' anders es sein?

Jens Jensen und ich noch jung an Jahren,
Und sie so von neunzehn, unschuldig und rein,
Und gesund und kräftig und schön die Glieder,
Die Natur wollt' ihr Recht von Weib und Mann.
Bald meldete sich's, doch wir zwangen es nieder.
Und mir ward's nicht schwer erst. Ich dachte nach Haus,
An die Frieda, und wies den Versucher hinaus.

Auch sie war gleich mir durch ein Wort schon gebunden
War Braut, und wollte mit unsrer Brigg
Hinüber zu ihm, der vergebens nun harrte,
Dem Ärmsten, den so das Schicksal narrte.
Und sie liebte ihn heiß, ich sah es am Blick,
An der Thräne, die durch die Wimper brach,
Und hört' es am Klang, wenn sie von ihm sprach.
Und so klagten wir beide uns unsere Leiden,
Und es knüpfte ein Band sich zwischen uns Beiden.

Jens Jensen aber war nie für die Tugend.
Er kannte die Weiber trotz seiner Jugend,
Kannte besser sie als die zehn Gebote.
Ich sah es, wie es oft plötzlich lohte
In seinen Augen und wie die Begier
Ihm im Herzen erwachte allmählich nach ihr.
Doch muß ich es sagen, er gab sich nicht hin,
Goß Wasser in den entflammten Sinn,
Und achtete sie. Und sie verstand es,
Die Würde zu wahren, im Zaum uns zu halten.
Doch sah ich es wohl, nicht verlief so im Sand es,
Und die Zeit ließ reifen die bösen Gewalten,
Die Sündenbegier.

                    Und war sie nicht Weib?
Und war nicht bethörend ihr herrlicher Leib,
Kraftstrotzender noch im Kampf um den Tag
Allmählich geworden? Wenn schlaflos ich lag
In der Nacht auf der Streu und, Wand an Wand,
Ihren Atem hörte, wie ruhig er ging,
Und die Sinne so heiß mir, so schwül alles rings,
Und ich gepeinigt vom Lager aufstand,
Da war auch die Tugend für mich ein Ding
Von wenig Gewähr. Ja, so war es, so fing's
Bei uns beiden an, und sie merkte es dann,
Und ich sah, wie sie sich zu fürchten begann,
Und wie sie litt und es doch verbarg,
Aus Stolz, und war, als hätt' sie kein Arg.
Und das zügelte uns. Und auch niemals fiel
Zwischen Jens und wir darüber ein Wort.
Wir fühlten es alle, und fort und fort,
Und fühlten es wachsen und sahen kein Ziel.

Da, einst, ich hatt' einen Tag und die Nacht
In der Höhle am Strande zugebracht
Beim Fischen und Muschelsammeln, und hatte
Den Mast befestigt, 's war mehr eine Latte,
Aufs neue wieder und auch das Tuch,
Das dort Tag ein, Tag aus im Wind
Mit klatschendem Laute Falten schlug,
Vorübersegelnden Zeichen zu geben.
Ich hatte reichlich Muscheln und Fische,
Leckerbissen unserem Tische,
Und trug sie im Netzkorb, aus Bast geflochten,
Und freute mich, wie sie uns schmecken mochten.
Wir konnten zwei Tage gut davon leben.
So kam ich zurück und traf sie allein
Und fragte nach Jens. Sie wußte es nicht:
Er möchte wohl jetzt im Walde sein.
Doch sah ich es gleich an ihrem Gesicht,
Es war was geschehen, das sie heimlich quälte
Und das sie mit Absicht mir verhehlte.
Ich fragte nicht nach und ließ sie in Ruh.
Zur Mittagszeit kam auch Jens Jensen hinzu.
Ich wunderte mich, er war befangen,
Als wär' er am liebsten gleich wieder gegangen.

Und dann beim Essen nachher geschah es,
Daß er verstohlene Blicke, ich sah es,
Und lodernde Blicke, halb Scheu, halb Haß,
Warf über den Tisch, und ich glaubte zu sehen
Dann flüchtig wie Blitzschein im Antlitz stehen
Ein Etwas ihr, wie Schauder, wie Zorn,
Das färbte die Wangen ihr rot und blaß.
Da nahm ich die beiden genauer aufs Korn.
Doch merkten sie's wohl, denn früher ließen,
Als sonst, sie allein mich. Das mußt' mich verdrießen
Nur doppelt und meinen Argwohn wecken,
Kein Zweifel, die beiden spielten Verstecken.

Und dann war alles auf einmal mir klar.
Und rief ich auch zehnmal: Es ist nicht wahr!
Es kann nicht sein! Es machte sich gelten,
Ich konnt' es nicht bannen mit Zweifeln und Schelten.
Er hat es gewagt! Und sie? - Ich fühlte
Wie heiß es mir unterm Brustbein wühlte,
Ins Hirn mir griff, und ich wollt' es nicht fassen,
Und konnte doch nicht den Gedanken lassen.
Da faßte ich Mut und trat zu ihm hin,
Und fragte Jens Jensen, nicht gerade zu,
Doch merkte er wohl, was ich hatte im Sinn.
Und er lachte nur leicht und höhnisch dazu,
Und er wurde rot und wandte sich kurz.
Mir war's, als überfiel mich ein Sturz,
Ein Feuerstrom, und ich hob nur die Hand
Und ballte die Faust ihm hinterher,
Der pfeifend hinter den Palmen verschwand.

Aber mein besseres Ich griff zur Wehr.
Er lügt! so schrie es in mir, er lügt!
Nicht hat sie sich willig der Schmach gefügt.
Sie hat sich gewehrt mit der Riesenkraft
Ihres Stolzes gegen die Leidenschaft
Und rohe Gewalt. Es bäumte empört
Sich alles in mir auf, wenn ich dacht',
Er hätte mißbraucht seine rohe Macht,
Seine Löwensehnen, zu schänden dies Weib,
Hätte besiegt diesen herrlichen Leib,
Sie hätte, bewältigt, ihm angehört.

Verruchter! rief ich, Elender du!
Und merkte im Zorn nicht, wie sachte, sacht',
Der Neid sich regte, die Gier dazu,
Die Eifersucht ihre Klauen krallte.

Das war eine Zeit! Wenn am Tag ich ballte
Die Fäuste, und Wache stand wie ein Schuft,
Saß Nachts ich aufrecht und ohne Schlaf,
Auf jeden Laut, der das Ohr mir traf,
Mit Argwohn lauschend, und fieberheiß
Selbst wilden Begierden gegeben preis,
Das Lager küssend, die leere Luft.


5.

Und so geschah es, das Grause. Mich sprang,
Ein gieriger Panther, die Eifersucht an,
Der Neid, und nährte von Tag zu Tag
Den Haß auf ihn, der im Arm ihr lag,
Die sicher in heimlicher Neigung schon lang
Dem roten Riesen war zugethan,
Denn so glaubte ich fest und wollte es glauben,
Mich selbst zu quälen. - Und so kam,
Was heute noch kann den Schlaf mir rauben,
Und meiner Seele den Frieden nahm.

Zwei Tage raste ein Sturm und zwei Nächte
Und brach die Palmen und Regen floß nieder
In Strömen. Da regte die Hoffnung wieder
In uns sich, draußen ein Wrack zu gewahren,
Das Genossen uns, oder was immer, brächte.
So gingen zum Strand wir, Jens Jensen und ich.
Von weitem schon hörten wir fürchterlich
Die Brandung toben, und oft den Halt
Auf den Felsen verwehrte des Sturmes Gewalt
Uns noch. So stiegen behutsam wir
Zu den Klippen hinab. Jens Jensen vor mir.
Jeder Schritt auf dem feuchten Gestein bracht' Gefahren.

Und wirklich! Schiffstrümmer, ein Fäßchen, zwei Planken
Trieben dort unten und stiegen und sanken,
Ein Spiel der Wellen, doch schwer zu erreichen.
Wir suchten noch weiter im Strandhinstreichen,
Doch fanden wir nichts, als dies spärliche Gut;
Wer weiß, wo verschlang das andre die Flut.
Und was sie uns gönnte, das wenige, war
Des Bergens es wert, der Müh' und Gefahr?
Doch uns reizte das Tönnchen. Was mocht es fassen?
Sollten den Fund wir schwimmen lassen?
Und wir sannen auf Mittel. Die Klippe fiel steil,
Ohne Halt für den Fuß, und zu kurz war das Seil,
Der Strick aus Bast, den wir mitgenommen,
Und schien keine Aussicht, dazu zu kommen.

Ich wollte verzichten. Vielleicht ja blieb
Das Tönnchen uns, das allmählich trieb
Strandlängs vielleicht, und die freundliche Welle
Bescheert' es uns an bequemer Stelle.
Jens aber war kühn, tollkühn, und bestand
Auf das Wagestück. Mit eiliger Hand
Zerriß er sein Hemd. "Sie flickt es mir schon!"
So rief er und lachte. Ich glaubte im Ton
Einen leisen Spott, Mißachtung zu hören,
Die Eifersucht ist ja so leicht zu betören,
Und hatte ein heftiges Wort schon bereit,
Doch hielt ich an mich und mied den Streit.

Jens hatte geschickt einen Strick gewunden
Aus Linnenstreifen, aus Linnen und Bast,
Mit sicherem Knoten zusammengebunden.
Wir zogen und zerrten und prüften. Die Last
War schwer, die das Seil hier tragen sollte,
Und ich riet noch ab. Doch Jens Jensen wollte
Das Stück unternehmen. Ihm war nicht zu raten.
Stets war er bereit ja zu tollkühnen Thaten.

So gab ich denn nach, und er wies mich an.
Er hatte den Strick sich umgethan,
Um den Leib mit der Schlinge. Und ich an dem Rand
Der Klippe den Fuß fest eingestemmt,
Den andern zurück fast gebeugt aufs Knie,
Die Muskel gespannt und die Zähne geklemmt,
So ließ ich hinab ihn die steile Wand;
Der Augenblick doppelte Kräfte mir lieh.
Und unten donnerten, brausten die Wasser,
Und zwischen dem gierigen, drohenden Schlund
Und dem heimlichen Feind, dem grimmigen Hasser,
So hing er am schwachen Seil. Und warum?
Um ein nichtiges, wertloses Gut, einen Mund
Voll Zwieback vielleicht, um ein Fäßchen Rum.

Und ich hielt und hielt, und mir klopften die Schläfen;
Ein Zittern flog mir durch Arme und Beine.
Wenn der Knoten sich löste, zerriß die Leine?
Wenn scharfe Kanten zerschneidend sie träfen?
Wie sollt' ich ihn retten? Verloren riefe
Umsonst er um Hülfe, ihn fräße die Tiefe.
Und schaudernd dacht' ich des tollkühnen Mutes,
Und heißer fühlt' ich das Klopfen des Blutes
In allen Adern, und immer noch gab
Er das Zeichen nicht, hing über dem Grab.
Da trat es zu mir, ich glaubt' es zu sehn,
Und es war so, ich sah es neben mir stehn,
Ein Nichts, ein Schatten, und ich hörte doch laut,
Und entsetzte mich, wie so deutlich es klang:
"Laß fahren den Strick und dein ist die Braut!
Laß fahren, los, was besinnst du dich lang?"
Es war ein Ton wie aus anderer Welt,
Und ich schrak zusammen und wehrte mich wild,
Und schloß die Augen, verschloß sie dem Bild,
Das ich sah von berückenden Farben erhellt.
Ich wehrte mich, wehrte mich! Aber es hackte
Mit scharfen Krallen sich an und packte
Und schüttelte mich: Sie ist dein, sie ist dein!
Teile das Reich mit ihr allein.
Was zögerst du noch? - - da - ein Ruck - ein Pfiff - -
Der mit Messerschärfe mir schnitt ins Ohr.
Ich fuhr aus dem wüstem Traum empor,
Erschrak vor dem Ruck, vor mir selber, und griff
Und fiel und griff, und biß mit den Zähnen,
Mit dem vollen Gebiß in den stürzenden Strick,
Und straffte in rasender Angst das Genick,
Und schrie zu Gott, und spannte die Sehnen.
Umsonst! Der Ruck, der Schreck - wie es kam?
Wie konnt' ich es wissen! Vom Halten lahm,
Den Versucher zur Seite, so war's mir entfallen,
Entrissen - -

                Noch immer hör' ich ihn schallen
Vom Wasser herauf, den kurzen Schrei,
Kurz, gell, und ein Klatsch, und alles vorbei.

Wie ich abwärts kam, wie den Weg ich fand
Von Stein zu Stein, bis zum äußersten Rand,
Von der Brandung umtobt, vom Gischt bespritzt,
Blutend, zerschunden, zerkratzt, zerritzt,
Es war wie ein Traum. Doch nichts fand ich am Strand,
Als nur die Trümmer des Tönnchens, daneben,
Hier, dort, Schiffszwieback, durchweicht auf den Wellen.
Und dafür gewagt das blühende Leben
In strafbarem Mut! Wie lang ich gesucht
In allen Winkeln, in jeder Bucht,
Noch Tage nachher, den verlornen Gesellen,
Nicht fand ich die Leiche. Hinausgetrieben
Vielleicht ins Meer, oder hängen geblieben
Tief unten an spitzigen Klippennadeln,
Ward Raub sie den Fischen. -

                Wer will mich tadeln?
Wer klagt mich an? Bei Gott! und hätte
Die Mutter er mir, den Vater erstochen,
Die Schwester geschändet im Sündenbette,
Gräuel auf Gräuel, nicht hätt' ich's gerochen.
Nicht so, wie er hängend zwischen Tod und Leben
War wehrlos in meine Hand gegeben.
Und ihr glaubt es ja alle, und keiner ist da,
Der mir es aufbürdete, was geschah.
Was will es denn nun? Was läßt es mich nicht?
Als wär' ich ein Schuft, ein erbärmlicher Wicht.
Kein Mord, ein Unglück! ich that meine Pflicht.
Meine Kraft war zu schwach, das Seil mir entschwunden,
Die Zähne zum Teufel, die Hände geschunden,
Und blutend lag, das Gesicht auf dem Stein,
Wie zerschmettert ich oben. Die Glieder flogen.
Und unten stürmten und tobten die Wogen,
Und ihr rollender Donner verschlang sein Schrein.


6.

"Wie meldest du's ihr, wie nimmt sie es auf?"
So fragte ich mich, und stockend dann quollen
Die Worte hervor nur. So hindert den Lauf
Des klaren Baches der plumpe Stein,
Der, Schlamm aufwühlend die Flut verdickt.
Doch blieb sie still bei dem unheilvollen
Bericht, und als ich beschwor sie, erstickt
Jedes Wort halb im Schlund, die Schuld wär' nicht mein,
Ich wäre kein Mörder, da sah sie mich an
Mit großen Augen und gab mir die Hand.
"Ihr seid ohne Schuld" sprach leise sie drauf,
"Gott sei ihm gnädig und uns." Doch dann,
Sie hatte schnell sich abgewandt,
Kam's wie aus tiefstem Innern herauf,
Ein Schluchzen, ein Beben, und vor das Gesicht
Die Hände schlagend, sie weinte nicht,
Nein, schien in Thränen zerfließen zu wollen,
Die tropfenweis durch die Finger ihr quollen.
Da kehrte ich ab mich und ließ sie allein,
Und dachte nachher: Es wird so sein,
Sie hat mehr als ich verloren ihn;
Es ist alles so, wie es lange mir schien,
Und, ich leugne es nicht, ich gönnte es ihr,
Und der Teufel hatte seine Lust an mir.
"Sie ist dein! sie ist dein! Was zögerst du noch?"
So hörte ich's immer. Doch anfangs verkroch
Ich mich feige davor, verstopfte die Ohren,
Doch waren der Tugend Mühen verloren.
Nach Tagen schon und ich atmete frei:
Was quälst du dich, Narr! Ist's nicht einerlei?
Ob du oder er? Und was einem sie gab,
Das schlägt sie dem andern wohl auch nicht ab
Und brauchst du Gewalt, wer will dich halten?
Du bist nun Herr und kannst frei hier schalten.

Und trat ich dann vor sie mit solchen Gedanken,
Dann fühlte den Stolz ich der Stärke schwanken,
Und fühlte mich klein und beschämt, und schlich
Vor einem Blick oft bei Seite mich.

Ach, sie war schön, bei Gott, wie ein Weib
Ich selten sah, und so stolz und rein,
Daß immer ich wieder beschwor, diesen Leib
Hat Jens nicht besessen, es kann nicht sein!
Der Blick kann nicht lügen, so still und klar
Sieht kein Weib, das schon einmal erniedrigt war,
Einem Mann in die Augen, der ihrer begehrt.

Und so hielt sie mich fern, wie mit flammendem Schwert.
Wie lange doch soll wohl solch Zustand bestehn?
Unter Menschen von Fleisch und Bein und Blut,
Und jungem Blut und gekocht von der Glut
Der Leidenschaft und der Tropenglut,
So im täglichen Nebeneinandergehn,
Wie lange wohl? - Und so kam er, der Tag,
Kam sicher, wo sie in den Armen mir lag.
Und nicht Sünde war es, nicht niedere Lust,
Die sie endlich zwang an meine Brust.
Ich liebte sie, wie man nur lieben kann,
Und je schwerer den langen Kampf ich gewann,
Je herrlicher labte der Sieg zuletzt.

Und sie gestand mir, was kaum ich gehofft,
Wie auch sie sich umsonst zur Wehre gesetzt,
Wie auch sie in Qualen gerungen oft
Von gleicher Leidenschaft, gleicher Glut
Durchfiebert, wie ich, und schon lange mir gut,
Schon damals, als Jens - - doch mit Purpurscham
Gestand sie mir leis, daß ans Ziel er nicht kam.
Und dann rauschten die Wipfel der Palmen sacht
Uns das Hochzeitslied in der ersten Nacht.

Und war ich je glücklich, so war es die Zeit
In der weltverlassenen Einsamkeit.
So dachte ich mir das Paradies,
Und war kein Engel, der aus uns wies
Mit feurigem Schwert. Und so rann die Zeit,
Und wir wünschten nichts mehr, und der Tod schien weit.

Drei Jahre, da hat man sich eingewöhnt,
Hat abgeschlossen, sich ausgesöhnt.
Wohl hätten gejauchzt wir, gejubelt, gewiß!
Wenn ein Schiff uns dem Paradies entriß,
Doch klagten wir nicht, da fern es blieb
Und lebten zusammen und hatten uns lieb.

Doch konnt' es so bleiben? Ist Menschenglück
Wie die Welle nicht flüchtig, falsch, voller Tück?
Ich Narr! als ob ich's erprobt nicht oft,
Nicht immer umsonst gestrebt, gehofft,
Gesorgt und geliebt, und glaubte nun hier
Auf dem Felseneiland würd' lachen mir
Ein beständiges Glück. Zu bald nur, ach
Zu bald ward es anders.

                    Mir ist's noch wie heute.
Wir hatten wie Kinder die Insel weit
Durchstreift in sorgloser Fröhlichkeit,
Und ich hatte mit Blumen das Haar ihr durchschlungen,
Nachdem wir zuvor in dem Silberbach
Die Glieder erfrischt. Dann, wie es sie freute,
Hatten im Gehen ein Lied wir gesungen,
Nur einen Vers, wir wußten nicht mehr;
Es stammte noch von der Schule her,
Eine einfache Kindermelodie.
Da zog sie mich an sich und lächelte - nie
Vergess' ich die Stunde - und hold übergossen
Von lieblicher Scham, gestand mir ihr Mund,
Was seit kurzem sie hielt im Schoß umschlossen.
Das sicherste Siegel unserm Bund.

So groß war die Freude, so groß das Glück,
Jeder andre Gedanke trat zurück
An Schmerzen und Sorgen. Doch in der Nacht,
Da meldete sich's bei mir mit Macht,
Und ich bebte und sorgte im Herzen, und schrie
Zu Gott, und dachte der kommenden Zeit,
Und malte mir's aus, wenn schlecht es gedieh,
Wenn sie stürbe, ohne Hülfe, in Einsamkeit
Zurück mich lassend, vielleicht mit dem Kind,
Dem zarten Wurm. Und dann dachte ich wieder,
Sie ist ja gesund, aus kernigem Holz.
Wie manche Dirne kommt einsam nieder
Hinter Hecken und Dorn, in Regen und Wind,
Und quält sich kein Mensch um das arme Ding.
Und ich schalt meine Furcht, und dachte mit Stolz
An den kommenden Sproß, an den Wildling, und hing
Mit trunkenem Blick an dem prächtigen Weib
Zur Seite mir. Und ihr Atem ging
So tief und ruhig, wie Wogengesang,
Wenn die silbernen Hügel stolz und lang
Vor dem Winde wandern. Die ganze Gestalt
Voll Kraft, geschaffen der Schmerzen Gewalt
Und jeglicher Sorge gefaßt zu begegnen.
Da bat ich zu Gott, mein Glück zu segnen.


7.

Die Wochen, die Monde, ich schildere sie nicht,
Wenn rechts die Hoffnung ins Ohr dir spricht
Mit süßem Wort, und links dir flüstert
Die Furcht ihre Zweifel, und dich umdüstert
Mit bangen Schatten, und es wechselt so ab,
Hältst jede Stund einen andern Stab,
Womit du das Leben mißt, seinen Wert.
Das sind Zeiten, die niemand zurückbegehrt,
Auch in der Erinnerung nicht. So schweige
Ich denn darüber. - -

                    Es war alles bereit,
Das Kind zu empfangen. Geschmeidige Zweige
Und Bast hatte ich in der letzten Zeit
Auf täglichen Gängen im Walde gesucht,
Draus flocht ich heimlich, versteckt in der Bucht,
In der Auslughöhle am einsamen Strand
Zur ersten Wiege die erste Wand,
Und freute mich, sie mit dem Meisterstück
Überraschen zu können, und träumte vom Glück
Der kommenden Zeit. Da saß ich nun
Bei dem ungewohnten, köstlichen Thun;
Sah über die Arbeit hinaus auf das Meer,
Das öde wie immer und hoffnungsleer,
Kein Segel rings, nur Wellen und Wellen
Und drüber die Möven, die rastlosen, schnellen.
Eine Arbeit war's, so ungewohnt
Wie sauer, doch fühlt' ich mich reichlich belohnt,
Sah ich sie langsam sich fortgestalten,
Und dacht' an das Glück, das sie sollte halten,
Das sie bergen sollte in ihrem Schoß.
Und es ward eine Wiege für zwei, so groß.

Das Glück! Das Lachen! Die Thränen! als
Mein Meisterwerk nun vor ihr stand.
Ach, wie wenig gefiel mir's, wie schien es mir roh
Und plump, sie aber war herzlich froh
Wie ein Kind, und weinte an meinem Hals,
Und lachte und küßte mich zwanzig Mal,
Und stieß mit dem Fuß die Wiege an,
Und streichelte sie mit zärtlicher Hand,
Und ließ sie schaukeln und sang dazu,
Und rief dann wieder: "Du Guter du,
Du lieber, einziger, guter Mann!"

Dies Glück, dies Glück! - Und dann kam der Tag.
Der bange, wo sie in Schmerzen lag.
Und es ward ihr schwer und es rüttelte sie,
Und ein Fieber kam, eine Marternacht.
Ich saß bei ihr, vergrämt und verwacht,
Und draußen heulte ein West-Nord-West.
Da richtete plötzlich sie hoch sich auf,
Mit großen Augen, starr und blank,
Und hielt meine Hand, und hielt sie fest,
Und rief im Fieber, nein, rief nicht, schrie:
"Ein Schiff, ein Schiff! zu uns sein Lauf.
Gerettet!" und kraftlos zurück sie sank,
Die Augen geschlossen und atmend tief,
Und sprach kein Wort, ob ich bat und rief.

Da packte mich Graun, und ich stürzte hinaus.
Der Westwind heulte, die Nacht war graus
Und wüst genug, doch wilder schon trieb
Oft der Sturm sein Wesen. Im Ohre blieb
Mir immer ihr Ruf: Ein Schiff, ein Schiff!
Und ließ mir nicht Ruhe. Der starre Blick,
Der drängende Ton, war's Himmelsgeschick?
Hätte Gott ihr gezeigt, daß Rettung nah?
Wäre wahr es, was sie im Fieber sah?

Da ließ es mich nicht; ich eilte hinein.
Still lag sie beim flackernden Feuerschein,
Blaß, fiebernd. Konnt' ich allein sie lassen?
Und wenn ich nicht ging, und das Schiff, das Schiff
Führe vorbei, nah vorbei an dem Riff,
Und es könnte uns retten, wir wären geborgen
Diese Nacht, oder doch am kommenden Morgen.

Da fiel auf die Knie ich, und betete tief,
Und riß mich dann los und stürzte fort.
Und immer war mir's, als ob sie rief:
"Ein Schiff, ein Schiff!" Und wie ich so lief
Durch die Nacht, durch den Wald, da wußte ich's klar:
Du triffst ein Schiff, sie sagte wahr.
Rettung, Rettung. Kein Fieberwort.

Mich jagte die Angst, wie den Hirsch die Hunde.
Wie dehnte der Weg sich, fast eine Stunde,
Im Sturm, in der Nacht. Ich fiel, sprang auf,
Zerriß mir die Kleider, die Haut im Lauf
An dornigen, stachlichten Sträuchern; so legte
Ich keuchend den schrecklichen Weg zurück.
Der Mond warf blasse Lichter zum Glück
Durch die Wolken, wenn auseinander fegte
Ein Windstoß die schwarzen minutenlang.
So kam ich ans Meer, und keuchend rang
Nach Atem die Brust, und das Herz wollte springen,
Und ich sank auf den Stein, und fiel auf die Hände,
Und es war, als ob wirbelnd im Kreise gingen
Die Wellen um mich und die Klippenzacken,
Als ob Alles im rasenden Tanz sich befände,
Und die Wolken griffen, mich anzupacken,
Mit langen Armen hinunter. Mir schwand
Das Bewußtsein. Da lag ich nun hier am Strand
Von Ohnmacht umfangen, in Sturm und Nacht;
Und lag so Stunden, denn als ich erwacht,
War sanfter der Wind und der Himmel fast klar.
Zerrissnes Gewölk nur wie Raben umflog
Die Sonne, die über dem Wasser war.
Und im flimmernden Glanz - wenn das Auge mich trog?
Wenn ich träumte noch, fiebernd, und alles wär Wahn? -
Doch nein! vom flimmernden Glanz umflossen
Grüßten Segel herauf, ein Schiff, eine Brigg!
Wahrheit war, was die Augen sahn.
Und wie verzückt, mit trunkenem Blick,
Verschlang ich das Bild, wie angegossen.
Dann rafft' ich mich auf, und sprang, und schrie
Und warf die Arme, und stürmte hinauf
Auf die höchste Klippe, und schwang im Lauf
Mein Hemd, das schnell ich vom Leib gerissen,
Und sah, so war es mir, drüben sie
Als Antwort eine Flagge hissen.
Dann stand ich oben, halb nackt und bloß,
Und zerrte blind hastend die Latte los
Und zerrte an ihr die Nägel mir wund,
Und schwang sie mit beiden Fäusten im Wind,
Und warf sie zu Boden, und hielt an den Mund
Die Hände, und schrie mit aller Kraft,
Und schwenkte dann wieder den Flaggenschaft.

Und sie sahen mich, kamen. Ein Boot stieß ab,
Zu retten uns aus dem Felsengrab.
Mit trockenem Gaumen und fliegenden Gliedern,
Mit gierig aufgerissenen Lidern,
Nach vorn gebeugt, so stand ich da,
Und zagte und zagte, ob recht ich sah.
Kein Zweifel! sie kamen. Sie ruderten scharf.
Da jauchzte ich auf. Auf den Felsen warf
Ich mich nieder, die Stirn auf den kalten Stein,
Und schluchzte, schluchzte auf wie ein Kind,
Und lachte und weinte, und war wie von Sinnen.
Sie kamen, wir sollten gerettet sein;
Nicht schnell genug wollte die Zeit mir verrinnen.
Ich zählte die Schläge der Ruder, und maß
Mit den Augen die Strecke, und stand und saß
Und lief und stand und hockte wieder
Mit zitternden Knien eine Weile nieder.
Drei Jahre waren, drei Jahre es ja!
Und endlich Erlösung, so nah, so nah!


8.

Eine Hamburger Brigg war's. Vom Sturm verschlagen,
Sahn sie den einsamen Felsen ragen,
Den unbekannten, hervor aus den Wogen,
Und steuerten näher, von Neugier gezogen.
Da sah durch das Glas der Kapitän
Auf dem nackten Stein unsre Flagge wehn,
Und wir waren gerettet.

                    Sie fanden mich
Fast sprachlos vor Freude, und wunderten sich,
Mich kräftig zu sehn und wohl genährt.
In fliegender Hast stand Rede ich,
Und hatte in kurzem sie aufgeklärt.
Gleich waren bereit sie zu folgen, und brachten
Den Schiffsarzt mit, an alles dachten,
Die Wackeren. Drängend trieb ich zur Eile
Und duldete nicht die kleinste Weile.
Mir bangte, je näher dem Ziel wir kamen,
Und immer war ich eine Strecke voran,
Und wartete wieder und trieb sie an.
Sie folgten mir mühsam: "In Gottes Namen!"


Und da lag sie vor uns im Sonnenschein,
Die Hütte, mein Haus, mein Alles. Allein
Erst schlich ich hinein und atmete hoch
Und dankte Gott. Sie lebte noch.
Doch ich sah, ein Blick, was sie litt und wie nah
Ihre Stunde mußt' sein. Und leise rief
Ich den Doktor herein. Und da sie schlief,
Beruhigte er mich mit Trostgeberden
Und machte mir Mut, es würd gut schon werden.

Und sie blieben bei mir, hülfsbereit,
Und schickten mich schlafen. Sie waren ja da
Und wachten, und meine Kraft war hin,
Und vor mir noch eine bange Zeit.
Da legte ich mich und streckte die Glieder,
Und ließ auch der Schlaf sich gleich hernieder
Und schloß mir die Augen, und hielt mich umfangen
Bis alles vorbei. - Kaum wagt' ich vor Bangen
Die Augen zu öffnen. Doch da - ja! - gewiß!
Eine Kinderstimme, ein kräftiges Schrein!

O wie ich schnell mich vom Lager riß
Und ließ mich nicht halten und eilte hinein.
Mein Weib, mein Kind, ich wollte sie sehen.
Der Arzt ging leise auf den Zehen
Und wies nach dem Bett. Da lag sie bleich,
Und um den Mund einen Schmerzenszug.
Und der Atem ging pfeifend, und ging nicht gleich -
Und des Doktors Blick, - da wußt ich genug,
Und stöhnte laut auf und fiel aufs Knie.
Was war mir das Kind, wenn verloren sie,
In der Stunde starb, wo die Rettung da.

Da fluchte ich Gott, dem Wahnsinn nah,
Und ballte die Fäuste und schlug die Erde.
Wer hätt' es ertragen mit Demutgeberde?
Warum? Warum? Was hatt' ich verschuldet,
Und sie? - Drei Jahre in Demut geduldet
Und Gott ergeben und fromm. Und jetzt,
Da auf den Knieen ich vor ihm gelegen
Und gedankt ihm, daß er erhört mich zuletzt,
Jetzt tritt er mir grausam, höhnend entgegen
Jetzt tritt er mich ganz in den Staub, zertritt
Mich lieblos. Und ich lag, und stritt
Und zürnte mit Gott, und riß aus dem Herzen
Den Glauben an ihn unter tausend Schmerzen.
Wenn ich nicht geflucht, wenn ich fromm geblieben,
Seinen Namen gepriesen, ob er Mitleid gezeigt?
Ob ein Körnchen von seinem unendlichen Lieben
Er übrig gehabt, wenn voll Demut geneigt
Das Haupt ich hätte und hätte geweint,
Trotzdem es Lüge, nicht ehrlich gemeint,
Was du thust, Herr, das ist wohlgethan.

Die Zeit ist vorüber. Längst bin ich gefaßt
Und trag' ohne Murren des Lebens Last,
Und frage nicht mehr, warum das Alles.
Was weiß ich von Gott. Die Herren Pastoren
Füll'n uns mit großen Worten die Ohren
Lullen uns ein nur besten Falles.

Ich aber bin taub dem Priesterwahn.
In jener Stunde, als starb mein Weib,
Denn das war sie, auch ohne Pastor und Papier,
Da starb meine Frömmigkeit auch mit ihr,
Da begrub ich den Glauben mit ihrem Leib.

Bei der Hütte, nah der verlassenen Schwelle,
Die zum letzten Mal ich nun überschritten,
Wo wir so glücklich, so glücklich waren
Zusammen, und wo wir zusammen gelitten
Weltfern, allein, in den langen Jahren,
Bei der Hütte gruben an schattiger Stelle
Ein Grab wir für sie. Das dritte nun,
Das ich grub: für den Jungen, für jenen, den wir
In dem Palmenwäldchen fanden hier
Den ewigen Schlaf unter Würmern ruhn,
Und für sie nun auch. Jens Jensen lag
Auf dem Meeresgrund seit jenem Tag.
Nur ich allein von Allen gerettet
Und das Kind. Wie gern hätt' das Kind gebettet
Statt ihrer ich dort in die Einsamkeit.

Jetzt freilich möcht' ich es missen nicht,
Da hinter mir liegt jene schreckliche Zeit.
Jetzt ist es mein Trost, mein Augenlicht,
Mein Töchterchen blond, wie die Mutter ganz,
Mein muntres Fränzchen, mein wilder Franz.
Denn sie ist wie ein Junge, so wild, voller Kraft,
So voll Leben und feuriger Leidenschaft,
Die einst machte wallen den Eltern das Blut
In der Wildnis, in der freien Natur,
Genährt von den Früchten des Waldes nur,
Ohne Schutz und Gesetz, nur in eigener Hut.

Was mußt' ich nicht alles dem Ding erzählen,
Schon früh, von dem einsamen Fels im Meer,
Darauf sie geboren. Das war ein Quälen.
Und ob sie's selbst sagte am Schnürchen her,
Ich mußte es immer noch einmal berichten,
Und durfte nichts ab und hinzu nichts dichten,
Sie ließ nichts durch. Und es hatt' nicht Gefahr.
Noch heute steht mir, so Jahr um Jahr,
Vor den Augen alles wie gestern geschehn.
Das vergißt sich nicht, wie die Jahre auch gehn.

Und mein Haar ist grau und der Rücken gebeugt,
Gezählt sind die Tage schon bis zum Grab.
Bis dahin ist, die mit ihr ich gezeugt,
Die längst schon ruht unter Palmen allein
In der fernen Öde, der Sonnenschein
Meines Alters und mein treuer Stab.
Doch hoff' ich noch glücklich versorgt sie zu sehn,
Eh der Tod mich ruft zum Schlafengehn.


  Gustav Falke . 1853 - 1916






Gedicht: Die Schiffbrüchigen

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Die Schiffbrüchigen, Gustav Falke