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Gedichte, Lyrik, Poesie

Mit dem Leben
162 Bücher



Gustav Falke
Mit dem Leben . 1. Auflage 1899



Vision

Die Tage gingen und die Jahre gingen,
Und ich war alt und liebte dich noch immer,
Und der Erinnerung duftige Rosen hingen
Noch um dein Bild mit erstem Jugendschimmer.
Ich wußte nicht, ob du noch lebtest. Weit
Hatt' uns des Schicksals harter Zwang getrennt
Und früh getrennt, nach einer kurzen Zeit
Herbsüßen Glückes. Doch die Liebe kennt
Nicht Raum und Zeit. - Wie nun die Jahre gingen,
Ward kälter ich vor Menschen und vor Dingen
Und war nur noch der Erde müder Gast,
Der heim sich sehnt zu einer langen Rast,
Von tausend bunten Täuschungen genarrt,
Nur auf den Schluß des schalen Festes harrt.

Ich war im Strahlenkreis des ewigen Lichts
Und stand vor Gottes Thron und brachte nichts
Als meine Liebe mit, denn sie war alles:
Mein größtes Glück und meiner Seele Schmerz,
Die süße Ursach meines tiefsten Falles
Und meines Lebens schönste That. Das Herz
Des Höchsten that sich liebreich auf und brannte
Wie ein Rubin, und seine Lippe nannte
Den lieben Namen, der von meinem Munde
Zu ihm entfloh in meiner Todesstunde.
Und also sprach er mit ihm und durch ihn
Mich selig.

O diese Schauer, als du selbst nun kamst
Und meinen reinen Gruß entgegennahmst,
Er führte dich, ihr schrittet Hand in Hand,
Der ehemals deinem Herzen näher stand,
Als ich, und deiner Küsse Wonne trank,
Da ich am Wege dürstend niedersank.
Ich hatt' ihn nie gesehn und sah nun auch
Sein Antlitz nur gleich eines Traumes Hauch.

Und wie ein Schatten wallte die Gestalt
Zurück vor mir. Du aber machtest Halt
Und standest, ganz in reinem, weißen Licht,
Reglos vor mir, und war dein Angesicht
Das alte, liebe, unvergessene, war
Leib und Gestalt gealtert um kein Jahr.
Eh schienst verjüngt du mir, nicht schöner, nein,
Doch so in deiner Schönheit holdem Schein
Durch nichts entstellt, daß ich den Blick nicht wandte
Und scheu nur deinen lieben Namen nannte.

Da regtest du die Lippen mir entgegen
Und küßtest mich mit also süßem Segen
Und sprachst mich selig.

Die Tage gehen und die Jahre gehen,
Und immer lieb ich dich.


  Gustav Falke . 1853 - 1916






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