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Gedichte, Lyrik, Poesie

Mit dem Leben
162 Bücher



Gustav Falke
Mit dem Leben . 1. Auflage 1899



Lebe!

Ich hatte große Schmerzen still durchlitten,
Und einsam ging ich durch das Frühlingsfeld,
Und fühlte mich so arm inmitten
Der reichen Fülle, die mich sonst beglückte.
Ich, der sich gern nach jeder Blume bückte -
Leben, wo blieb dein Held?

Da streckten Schattenarme meiner Trauer
Sich treu entgegen: mein geliebter Wald.
Verbirgst du hinter deiner grünen Mauer,
Was ich so suche? Und ich ging,
Bis mich die grüne Stille ganz umsing;
Da kam der Friede auch, kam bald.

Er führte mich auf eine helle
Waldwiese hin, durch die ein Wasser lief.
Die Sonne lag auf Kräuter und auf Quelle,
Und auf dem Scheitel eines schönen Weibes,
Das dort, wie reglos, nackten Götterleibes,
Auf weißen Anemonen schlief.

Und näher trat ich, und sie schlief nicht, blickte
Mich ohne Gruß mit großen Augen an,
Und über ihre weiße Schulter nickte
Leis eine einzige rote Lilie. Lange
Stand ich, wie unter einem Zauberzwange,
Und sah sie an.

Da spricht sie, spricht mit jener süßen Stimme,
Die nie mein Herz, nicht über den Tod, vergißt.
- O, ruf' das schlimme
Zehrende Sehnen nicht aus seinem Schlummer,
Weck' nicht den eben eingelullten Kummer! -
Sanft wie Musik klingts, die vom Himmel ist:

"So findest du den Weg zum Leben wieder?
Denkst noch der Quelle, die sich nie verschließt?
Komm denn an meine Seite nieder,
Und schöpf' und freue dich der Welle,
Die hier aus dieser tiefen Quelle
Für alle kranken Herzen fließt.

Was willst du dich an deine Schmerzen hängen?
Nein, pack' der zu Boden drängen,
Reißt sie dich flügelhoch zurück
Ins heitere Licht und in dein altes Glück!"
Sie schwieg und bot mir ihre Hand.

Da sank ich hin und schöpfte, trank und fühlte
Jungfrohen Mut, lebendig jeder Sinn,
Ein totes Blatt, vom Regen weggespült,
Fiel ab, was lange an mir zehrte,
Von meinem roten Blut sich nährte,
Und jubelnd rief ich: Leben, nimm mich hin!

Und Brust an Brust, und alle Pulse singen
Ein Lied der Kraft. Der Sonnenschein,
Als wollt' der Freude er ein Festkleid bringen,
Bricht durchs bewegte Laub in goldnen Flüssen,
Da, trunken von des Lebens Küssen,
Da, plötzlich, denk ich dein.

Des Lebens tiefe Augen glühten
Mit grauem Märchenblick mich an:
Du! Deine Augen, die wie Sterne blühten,
Zwei wundersame, blasse Schicksalssterne,
Aus deiner keuschen Mädchenferne
So rätselsüß in meine Seele sahn.

Und wilder stürzt
Nun Kuß um Kuß sich auf des Lebens Mund.
Und alle Lust, um die ich mich verkürzt,
Ein Narr der Scham, saug' ich mit seligem Schlürfen.
Ich halt' den Becher und nicht trinken dürfen?
Nein, Herz, jetzt trink, trink satt dich und gesund!


  Gustav Falke . 1853 - 1916






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