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Gedichte, Lyrik, Poesie

Hohe Sommertage
162 Bücher



Gustav Falke
Hohe Sommertage . 1. Auflage 1902



Prolog zur Nietzsche-Gedenkfeier

der Literarischen Gesellschaft in Hamburg

Er fuhr vorüber, hellen Angesichtes,
Der Tod, als ging's zu einer Hochzeitsfeier.
Wohin? Wem neidest du das Glück des Lichtes,
Du mit der Hast des beutefrohen Geiers?

Ein kurzer Blick, er hemmte seinen Flug
Und stand.
        Hast? Immer hab ich Zeit genug.
Ein Stündchen früher oder später zählt
Dem Freier wohl, der sich die Braut erwählt;
Der Schnitter, dem das Korn entgegendampft
In satter Reife, nimmt sich Zeit zum Schärfen,
Und, lässiger noch, der Müller, der's zerstampft,
Er kann's auch morgen auf die Mühle werfen.
Und ich, der Jäger über alles Wild,
Dem kein Gesetz und keine Schonzeit gilt -

Und doch, du fuhrst wie ein verliebter Knabe,
Der nach des Mädchens süßem Munde schmachtet.
Wer ist es? Wem bringst du die Hochzeitsgabe?
Dem Genius, dessen Seele, halb umnachtet,
Den Tag verträumt, der ihm sonst Ernten bot,
Nietzsche.
        Und diesen Namen nannt der Tod
Mit Ehrfurcht und mit Liebe. Und er wand
Sich ab und schied. Ein Blitz fuhr übers Land.



Die Trauerglocken, die in Weimar klangen,
Klagten: Nietzsche ist heimgegangen.

Ein kühner Flieger, Freund von allen Winden,
Ein freier Vogel über höchste Wipfel,
Ein Segler über Meere, über Gipfel,
Nichts kann ihm seine stolzen Flügel binden.
Da fährt ein Blitz dem Starken ins Gefieder
Und stürzt ihn nieder.

Die Kleinen, die der Großen Flug beneiden,
Die kleine Heckenzunft - das gab ein Schwatzen.
Er war gestraft. Das Recht blieb bei den Spatzen:
Wir sind gesund, wir konnten uns bescheiden,
Wir flogen nur um unsre Futterplätze,
Wir klugen Mätze.

Das schlimme Lied vom Genius und der Menge,
Die Schritt vor Schritt mit tausend Füßen tastet,
Indessen er auf stillen Bergen rastet,
Einsam, hoch über Enge und Gedränge,
Zu Flügen rastet, die auf Sehnsuchtsschwingen
Zur Sonne dringen.

Und nun hinaus, hinauf! Da hemmt kein Zagen.
Der Himmel lockt mit seinen Wunderweiten.
Das ist ein selig, stürmisch Flügelbreiten.
Ihr Winde alle, Freunde, kommt, mich tragen!
Vom Berg zur Wolke. Durch! Und dort, in Fernen,
Lockt Stern zu Sternen.

O Glück! O Lust! o Flug nach goldnen Küsten!
Tief unten rauscht das Meer und türmt die Wogen.
Du ungeberdige Flut, der ich entflogen,
Will es nach Tod und Trümmern dich gelüsten?
Das tiefe Grollen deines Zorns klingt schön
In meinen Höhn.

Du fängst mich nicht! Soll diese Kraft vergehen,
So sei es an der Sonne Feuerherzen.
Das wär ein Sterben, wären Götterschmerzen:
Fliegen und schon in Todesflammen stehen.
- Da fährt ein Blitz dem Starken ins Gefieder
Und stürzt ihn nieder.



Die Trauerglocken, die in Weimar klangen,
Klagten: Ein Held ist heimgegangen.

Ein Held und ein Eroberer. Burgen sanken
Auf seinem Weg in Trümmern, Tempel stürzten
Und Opfersteine rings, wo die Gewohnheit
In dumpfer Andacht kniete. Er war hart
Und ging den Weg des Helden mitleidlos,
Zerschlug Altäre, wo auch er geopfert,

Zertrat die Gärten seiner Jugendspiele
Und ging von seinen Freunden, die er liebte,
Treulos, um nur in einem treu zu sein:
Treu seinem Willen, der zur Wahrheit wollte.
Und härter ward sein Schwert mit jedem Schlag.
Wo ist die Härte, die ihm trotzen mag?
Da zuckt ein Blitz. Der harte Stahl zerspellt,
Und schwertlos fällt der todessieche Held.



Weint nicht um ihn. Aus seinen Wunden
Seht ihr die leuchtenden Rosen blühn?
Kränze des jauchzenden Lebens gebunden
Aus dem Frühlingsgeschenk seiner Wunden,
Und ihr ehrt und feiert ihn.

Licht war sein Herz und Licht seine Seele,
Ja! war sein Wort zu Leben und Tod.
Tapfer, den Tag und den Tanz in der Seele,
Galt seine Liebe dem Morgenrot.

Rausch der Kraft und jauchzendes Hoffen
Lieh seinem Lied den Adlerflug,
Der, bevor ihn der Blitz getroffen,
Klingend ans Thor der Zukunft schlug.

Seht, und die goldenen Angeln erklangen,
Und ein Licht und ein Glanz ward frei.
Die zu den Quellen des Lebens drangen,
Zählen den Priestern des Lebens bei.

Weint nicht um ihn. Aus seinen Wunden
Seht die leuchtenden Rosen blühn.
Kränze des jauchzenden Lebens gebunden
Aus dem Frühlingsgeschenk seiner Wunden,
Und ihr ehrt und feiert ihn.


  Gustav Falke . 1853 - 1916






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