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Gedichte, Lyrik, Poesie

Frohe Fracht
162 Bücher



Gustav Falke
Frohe Fracht . 1. Auflage 1907



Die Heiratseiche

Die schönste Eiche, weitbekannt, stand vor Jenas Tor,
Der tat es keine zweite gleich an vollem Wuchs und grünem Flor.
Und oben in den Zweigen, wars auch kein Nachtigallensang,
Bewohnten diese Äste
Doch viele Sommergäste,
Darunter ein paar Krähn von Rang.

Das war kein Baum wie andere, eben nur von Holz,
Er diente einem alten Brauch und stand wohl darum auch so stolz.
Wenn wo ein Mädchen meinte, es wär doch auch ein süßer Schatz,
Sich von der Mutter sehnte,
Und sich ihr Busen dehnte
Voll junger Wünsche unterm Latz:

Dann suchte wohl ihr töricht Herz dieses grüne Ziel,
Und halb im Ernst begann und halb im Scherz ein wunderliches Spiel.
Mit einer Nadel heftete ein Zettelchen sie an den Stamm,
Wenn das ein Bursch entdeckte,
Las er, was sie bezweckte:
Die Woll ist reif, wer schert das Lamm?

Wars einer nun, der gleichfalls gern von der Mutter wollt,
So dacht er wohl, riskier den Hals, und tat danach was er gesollt:
Schrieb Sprüchlein unter Sprüchlein, bestimmte auch gleich Tag und Zeit.
Wunsch wurd an Wünschen munter,
Man traf sich, und mitunter
Gabs eine Hochzeitsfestlichkeit.

Doch war der alte Eichenknorrn morsch und mürb zuletzt,
Stand an drei hundert Jahre schon, da wurde denn die Axt gewetzt.
Hing an der rissigen Borke ein Zettelchen noch lose an,
Wer weiß von welchem Kinde,
Das schwamm nun mit dem Winde
Und rief nach einem Freiersmann.

Was aber wohl die scheue Schar blöder Dirnen macht,
Wenn jetzt in ihrer Märzenbrust ein heimlich Wünschen auferwacht?
Es sehen wohl die Guten sich ratlos um im weiten Raum.
Ich kenn der Schelmlein sieben,
Die Zettelchen geschrieben,
Doch ach, sie wissen keinen Baum.


  Gustav Falke . 1853 - 1916






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