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Gedichte, Lyrik, Poesie

Frohe Fracht
162 Bücher



Gustav Falke
Frohe Fracht . 1. Auflage 1907



Der Wilderer

Der Abend schob in grauem Flaus
Sich schläfrig durch die Winterflur,
Ich langte meinen Pelz heraus
Und stapfte auch durch die Natur.

Mein Dörfchen lag schon halb im Traum,
-Ein frühes Bett nach kurzem Tag -
Die Krähen horsteten im Baum,
Der Marder schlich zum Taubenschlag.

Kein Laut. Selbst vor die Hunde warf
Der Schlaf, so schiens, sein Körnlein Mohn.
Die Luft war bitterkalt und scharf,
Der Schnee pfiff aus dem höchsten Ton. -

Von Busch umheckt, vom Weg seitab,
Hebt sich ein Hügel aus dem Feld.
Ich nenn ihn gern des Frühlings Grab,
Und Ostern sprengts der junge Held.

Wenns dann ringsum von Veilchen blaut,
Winkt hier ein warmes Liebesnest,
Und Bräutigam und junge Braut,
Sie feiern hier ein Opferfest.

Doch jetzt - was wars? Rührte sich was?
Ein zärtlich Zwitscherpaar im Schnee?
Die Liebe fühlt nicht kalt und naß
Und rechnet nicht mit Gliederweh.

Und schon fuhr es mich knurrend an,
Ein struppiger Hund, ein knochig Tier,
Und hinter ihm, dem Jägersmann,
Sah man durch alle Rippen schier.

Vier leere Augen grausten her
Und bannten mich auf meinen Fleck,
Dazu das drohende Gewehr,
Ausreißen hatte keinen Zweck.

Und dann, mir blieb das Herz fast stehn,
Klangs mir entgegen, hart wie Stahl:
"Wie freut es mich, dich mal zu sehn,
Du sangst mir manchen Lobchoral."

Ich dienerte, doch schlecht gelangs,
Ich fühlte, ich war steif wie Stein,
Und stotterte, ganz heiser klangs:
"Ich fing dich oft im Liede ein."

"Du fingst mich?" krähte er mich an.
"Das Fangen, Freund, kommt mir wohl zu,
Und hab ich meinen Fang getan,
Mach ich nicht viel Geplärr wie du?

Doch sag, woher nimmst du den Mut
Zu deinen kecken Reimereien?
Und tust, als kennten wir uns gut,
Als ob auf du und du wir sein?

Was hast du für ein Jammerbild
Von mir den Menschen aufgeschwatzt!
Bald war ich wie ein Nönnchen mild,
Das ihren Abt zu Tode schmatzt,

Bald salbungsvoll wie ein Pastor,
Bald kindisch wie ein Großpapa,
So führtest du mich täglich vor,
Als war ich zur Belustigung da.

Heut war ich dir ein Trainhusar,
Und morgen ein Baron im Frack,
Und einmal schobst du mir sogar
Die Pfeif ins Maul. Und der Tabak!"

"Verzeiht! Verschwieg ich doch auch nicht,
Daß ihr ein großer Jäger seid.
Daß ihr den Sperling nicht gekriegt,
War dumm von mir. Es tut mir leid."

Wie ich so schlotternd vor ihm stand,
Beschnupperte sein Köter keck
Mit kalter Nase mir die Hand,
Bis in die Zeh zog mir der Schreck.

Er aber dolchte mit dem Blick -
Halb war ich schon ein toter Mann,
Ein Frösteln lief mir durchs Cenick -
Und spöttisch hub er wieder an:

"Dein erstes Buch, Mynheer der Tod:
Der Titel hat mir Spaß gemacht.
Indes der Inhalt - kein Stück Brot
Hats dir als Honorar gebracht.

Obs mehr verdient? Ich gab mich nie
Als Kritiker. Dein Spatzenflug
Doch, scheint mir, ging nicht hoch. Und sieh,
Mir fliegt kein Vogel hoch genug."

Und kaum gesagt, so reißt er schon
Die Büchse hoch, zielt nicht, drückt ab,
Und holt den schwarzen Wolkensohn,
Den Raben, dicht vor mir herab.

Dann schlug er eine Lache auf,
So höhnisch, hämisch hört ichs nie:
"Guck mal in meinen Flintenlauf,
Siehst du drin was von Poesie?

Nur dreist heran, ich schieß nicht los,
Wenn auch der Hahn ein wenig knackt.
Der Finger klimpert spielend bloß
Die Melodie dir vor und Takt."

Und taumelnd trat ich vor sein Rohr,
Was siehst du?" "Nichts!" mußt ich gestehn
"So lauf, und lüg den Leuten vor,
Du hättest wunderwas gesehn! -

Ich paß dir auf die Finger jetzt
Und auf dein flottes Reimgeschäft!"
Er hob sein Rohr, ich sprang entsetzt
Zurück, fiel hin und war - geäfft.

Weg war er! Wo? - Mir graust. Ich seh
Nach links, nach rechts. Das Feld ist leer,
Verschneit. Nicht eine Spur im Schnee.
Ein kalter Windstoß fegte her.

Gespenster hab ich stets verlacht,
Wer schleppte solchen Ballast mit,
Hier aber hab ich Kehrt gemacht
Und etwas schleunig war mein Schritt.

Doch jetzt ins Bett und schlafen? Nein!
Das gäbe einen wüsten Traum,
Die Nerven müssen ruhiger sein,
Erst noch ein Glas im "Goldnen Baum."

Da winkte noch ein freundlich Licht,
Da saß der Förster noch beim Krug
Und lachte hell mir ins Gesicht:
Ei, Doktor, noch nicht müd genug?

Sein Flintenlauf hing an der Wand,
Sein Hund lag blinzelnd unterm Tisch.
Als ich die drei beisammen fand,
Ergriff michs Gruseln wieder frisch.

Der Förster ist ein braver Mann,
Ein rot Gesicht mit weißem Bart,
Mit grünem Hut, Spielfedern dran,
Und gar nicht von Gespensterart.

Ich aber starrt ihn an, bis er
Mich lachend anließ: Schwerenot!
Sie schaun ja mit zwei Augen her,
Als war ich Teufel oder Tod.

Kein Wunder, dacht ich, aber schweig.
Hier hilft dir doch nicht Fluch noch Schwur.
Der geht zu oft den Lügensteig
Und denkt, auch andre lügen nur.

Doch als er nach dem fünften Glas
Sich schwer erhob, er müßt nun gehn,
Im Felde wilderte heut was,
Er müßt mal nach dem Rechten sehn. -

Da schlug mirs wieder durchs Gebein.
Ein Wilderer? Mir stand das Haar.
Und zitternd zahlt ich meinen Wein
Und schlich nach Haus, im Kopf nicht klar.


  Gustav Falke . 1853 - 1916






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