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Das Leben lebt
162 Bücher



Gustav Falke
Das Leben lebt . 1. Auflage 1916



Tanzphantasie

Meiner Tochter Gertrud gewidmet

Die Orgel braust, und zweier süßer Geigen
goldhelle Stimmen sind wie Sonnenfunkeln
auf dunklem Strome. Selbst die Engel neigen,
die steinernen, sich aus dem lauschigen, dunkeln,
versteckten Winkelwerk des hohen Domes,
dem Wohlklang dieses Melodienstromes,
der ernst und feierlich,
anschwellend, überflutend, sich
ausbreitet in dem halberhellten Raum;
ein Licht wie zwischen Dämmerung und Traum.

Und auf der Pfeiler weißem Grunde leben
beseelte Schatten, die nach oben wollen,
ins dunkle Schiff flehende Hände heben.
Und wieder sinken oder jählings rollen
wie abgestürzt vor wehrenden Gewalten:
Ein wechselnd Spiel von Linien und Gestalten,
jetzt wachsend, lilienschlank,
in einem leisen Winde wank,
jetzt wie ein sturmgeschleudert armes Paar
zerbrochner Flügel, das zu tollkühn war.

Und atemlos drängt sich auf den Emporen
die stumme Menge fromm bewegter Schauer,
halb stumpfen Ohrs an die Musik verloren,
halb an das Spiel der Schatten auf der Mauer,
von unbekanntem Zauber eingefangen,
in dessen Netz die Willenlosen hangen,
und dennoch Auge ganz
für einer Jungfrau Priestertanz,
die an den Stufen des Altares steht,
vom Atem heiliger Kerzen überweht.

Fast noch ein Kind ist's, unberührter Reinheit.
Ein lose wallendes Gewand von Seide
schmiegt sich an dieser Glieder zarte Feinheit,
die schmucklos sind. Kein anderes Geschmeide,
nicht Spangengold noch blasses Perlgehänge,
dämpft des violenblauen Kleides Strenge,
als ihres Adels Licht,
das aus dem schlanken Körper bricht,
wie lautrer Ton aus einer Geige blüht,
die eines Künstlers gläubig Herz durchglüht.

Sie tanzt. Der edle Rhythmus ihrer Glieder
vermählt sich inniglich den heil'gen Tönen.
Jetzt scheint anschmiegend sie im Auf und Nieder
wie Silberschaum der Klänge Flut zu krönen,
jetzt wie ein Blatt, mit dem die Wasser gaukeln,
nach unbekannten Zielen hinzuschaukeln.
Jetzt scheint sie selber Klang,
jetzt bange Atemzüge lang
den ganzen Strom mit seinem Wellenschlagen
auf ihren zarten Schultern hinzutragen.

Selbst die Madonna in der Marmornische
erhebt den Blick von ihrem holden Knaben.
Dem Kruzifixus auf dem Gottestische
umspielt die Stirn, in die sich Dornen gruben,
ein sanftes Licht, das tote Holz belebend,
und, unterm schwindelnden Gewölbe schwebend,
die heilige Taube rührt
die weißen Flügel leis; sie spürt
den Schwesterhauch der Schwingen, die sich rein
aus ihrer Erdenniedrigkeit befrei'n.

Und immer leichter wird der Tanz des Weibes,
entrückter allen dumpfen Erdenschranken.
Und jede Linie ihres jungen Leibes
verkündet einen göttlichen Gedanken.
So kann kein Mund es je in Worte fassen,
das Urgeheimnis selig ahnen lassen,
die Einheit zwischen Schöpfer und
Geschöpf, den Allerwesensbund;
in diesem keuschen Kinderkörper brennt
des Weltenwillens reinstes Element.

Da neigt Gott selber sich von seinem Throne,
brausendes Licht erhellt die heil'gen Hallen.
Die Jungfrau sieht die goldne Himmelskrone,
- Mein Gott! mein Gott! - und ihm ans Herz gefallen,
demütig sich an seine Brust hinbettend,
mit scheuen Liebesarmen ihn umkettend,
liegt sie auf seinen Knien.
Die Orgel schweigt, die Melodien
verzittern leise. Wunderangeweht,
beugt sich die Menge schluchzend im Gebet.


  Gustav Falke . 1853 - 1916






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