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Gedichte, Lyrik, Poesie

Das Leben lebt
162 Bücher



Gustav Falke
Das Leben lebt . 1. Auflage 1916



Hinterm Knick

Neulich ging ich, leidlich trockenen Weges,
einmal vors Dorf, des Frühlings denkend, der endlich
auch in unserm wintergesegneten Norden
seinen Besuch könnte machen, der ewige Säumling!
Doch da traf ich ihn hinterm Knick. Ich erkannte
ihn sofort. Er saß auf niederem Feldstuhl,
um sich herum ein Dutzend Farbentöpfe,
ganz vertieft in der Arbeit. Zierlich tupfte
er mit spitzem Pinsel das allererste
Grün auf die Felder, ließ sich gar nicht stören,
fuhr in den Topf mit dem Pinsel und dann auf die kahlen
Büsche herum, sprang auf und besah sich blinzelnd
unter der Hand sein Kunstwerk, wobei er den Pinsel
quer im Mund trug, grunzte zufrieden und rückte
hastig sein Stühlchen wieder zum nächsten Busch hin.

"Fleißig?" rief ich ihn an. "Sie eilt wohl, die Arbeit?
Bis hier alles hübsch grün ist, heißt es sich tummeln."
Halb erschrocken fuhr er herum und halb wütend.
"Stör' ich?" fragt ich bescheiden. Er hauchte heftig
in die gekrümmten Hände, rieb sie und setzte
seine Arbeit fort, als wäre ich Luft ihm.
"Werden Sie heute noch anderes malen?" "Möglich."
"Etwas gelb auf die Wiesen?" "Hm." "Ein wenig
blauer den Himmel?" Er schien nicht bei Laune und gab nicht
Antwort, wo ich doch höflich fragte. Plötzlich
nahm er den Pinsel, fuhr in den nächsten Farbtopf,
brummte und warf ein paar gelbe Spritzer um sich.
        "Wirklich hübsch, und so mühlos hingeworfen,"
lobte ich. Doch schien es ihn nur zu verdrießen.
Künstler sind komische Käuze. Man läßt sie gewähren.
Brumme du nur! "Mir wär es ermüdend," fuhr ich
harmlos fort, "nur immer die eine Farbe
so den ganzen Tag mit Fleiß zu malen,
grün in grün. Es hat doch die Kunst ihre Plage."
Worauf er mit seinem Pinsel unwirsch
in den blauen Topf fuhr und zwei rasche
Striche über den ganzen Himmel hinzog.
"Alle Achtung!" rief ich verwundert. "Das leuchtet!
Und so leicht aus dem Handgelenk, wie gar nichts.
Ja, bei solcher Routine will ich schon glauben,
daß Sie in ein paar Tagen Ihr Gemälde
fix und fertig den Kennern präsentieren.
Freilich fehlt ja noch manches." Da dolchte er förmlich
seinen Pinsel in einen der größeren Töpfe,
diesmal war es ein roter, ein herrlich Zinnober,
schwang ergrimmt gegen mich die tropfende Waffe
und schrie wütend: "Sind Sie ein Rezensente?
Trollen Sie sich zum Teufel! Einen Künstler
läßt man beim Schaffen besser ungeschoren.
Selber weiß er, wo es noch fehlt und wann er
fertig. Haben Sie etwa das Bild bestellt, Herr?
Honorieren Sie mich?" Ich sah noch niemals
Künstlerzorn so gewaltig toben und hielt für
ratsam, ihm das Feld zu räumen. Ohne
eines Wortes den Wütenden weiter zu würd' gen,
ging ich. Daß er so sanft und hold nicht immer,
wie ihn gewöhnlich die Leute heißen, wußt' ich.
Aber so? Kratzbürstiges kleines Kerlchen,
kenn ich dich jetzt? Es merkt sich der Dichter den Tag heut,
und die Carmina, die er dir künftig widmet,
werden sich sehr merklich unterscheiden
von den ehemals gesungenen süßen Liedern.

Als ich heimschritt, stimmten die nackten Bäume,
alle die vielen noch unbemalten Wiesen
mich nicht freundlicher. "Nun wie war es draußen?"
fragte mein Weib mich. "Etwas rauh noch," sagt' ich,
halb gewillt, mein Erlebnis zu verschweigen.
"Ja, man sieht es," meinte sie drauf mit Lachen,
"so eine schöne rote Frühlingsnase."
"Hab' ich?" Doch es gab ihr der Spiegel Recht dann.
Himmel! Es hatte ein schönster Zinnoberspritzer
grade mitten mich ins Gesicht getroffen.
Ob er's gemerkt, der Farbenkleckser? Sicher
freut er des Treffers sich noch und lacht sich ins Fäustchen.


  Gustav Falke . 1853 - 1916






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