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Gedichte, Lyrik, Poesie

Das Leben lebt
162 Bücher



Gustav Falke
Das Leben lebt . 1. Auflage 1916



Die Botschaft

Als ich heute morgen erwachte, spürt' ich
eines gehörigen Schnupfens fröhlichen Anfang.
Meine Tante, die Gute, behauptet ernstlich,
so ein Katarrhchen wäre keine Krankheit,
sondern dem Menschen Bedürfnis, ihm nötig und heilsam.
Möglich! Es ist ja uns Menschen nicht immer gegeben,
unser Heil und was ihm dient zu erkennen.
Doch nicht handelt es sich zunächst um den Schnupfen,
der mit etlichem Niesen den Tag begrüßte,
nein, ein holdes Getön beansprucht den Vorrang:
in der Stille, die zwischen Nieser und Nieser
jeweils eintrat, ließ es sich leise vernehmen,
wie ein Flämmchen singt, das sich am Dochte
still vergnüget; auch im Gras die Grille
zirpt so, oder sommers die Fliege am Fenster,
wenn sie geschäftig an den Scheiben hinsurrt.
Sollte es? Nein. Noch spottet ein Spätschnee draußen
unverschämt der allzu schläfrigen Sonne,
wo schon Krokus und Primeln blühen sollten.
Sehr mit Verspätung reist der Frühling heuer.
Dennoch - eben surrt's an der Zimmerdecke,
leiser jetzt aus dem Winkel beim Schrank, und plötzlich
tieferen Basses um die Wollgardinen,
die das Morgenlicht ein Erkleckliches dämpfen.
Anders hätten die Augen den Ohren geholfen,
die nun ganz auf sich allein verwiesen.
Doch sie blieben es nicht. Ein seltsam Getöse
lärmt auf einmal gewaltig am linken Ohr mir.
Jetzt um die Stirne hin und quer der Nase
spür einen Hauch ich. Aber auf einmal ruhen
Luft und Laut, und auf der Nase macht sich,
auf der äußersten Spitze, ein Gekribbel
und Gekrabbel bemerkbar. Aus der Achse
schießen mir auf Kommando beide Augen.
Und, was ich längst geahnt, ich erschiele das Faktum:
Eine Fliege! Hätte ich jetzt niesen müssen,
alle Schätze der Welt, ich hätt' es gekonnt nicht,
hätte mich mannhaft dagegen gewehrt bis zum letzten.
Bote des Frühlings, lieblich geflügelt Insekt du,
holder erfreut der Elfen Gesang das Herz nicht,
zierlicher nicht an Gestalt sind Titanias Töchter,
tanzen sie nächtlich den Reih'n auf den silbernen Wiesen.
Weile, willkommener Gast, du! Weihe die Stätte,
die du betratst. Siehe, ich rühre mich gar nicht.
Frühling zaubert dein liebliches Lied in die Seele,
Blumen blühen, solange du singst, es wehen
milder die Lüfte und blauer erstrahlt der Himmel,
ach, und die Liebe - hatschi - auf rosigen Wölkchen
schwebt - hatschi - sie herab - hatschi - da soll doch!
Solcher Erschütterung trotzt auch der Standhafte nimmer:
Eh' ich, "Pardon!" rief, war die Erschreckte verschwunden.
Ungastlichen Gestaden entflieht so der Schiffer,
rettet aufs offene Meer den geflügelten Kiel so;
hier nur fühlt er sich sicher, vertrauet den Wogen,
wenn ringsum die festen Gelände beben.
Schuldlos war ich, das schenkte mir Trost. Des Schnupfens
Mächte regieren den Menschen, er kann nur gehorchen.
Also war ich nicht lange betrübt. Nun stürmet
Winde, schleudert Schloßen, Wolkentürme,
füllet die Spalten mit schrecklichen Wetterberichten
jedes Journals. Ich habe die Botschaft empfangen.
Frühling wird es - hatschi - und es raubt kein Zweifler,
raubt mir kein Spötter - hatschi - die schöne Gewißheit.


  Gustav Falke . 1853 - 1916






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