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Gedichte, Lyrik, Poesie

Das Leben lebt
162 Bücher



Gustav Falke
Das Leben lebt . 1. Auflage 1916



Abenteuer

Dies Stückchen wird als Märchen man mir schelten. Sei's!
Beglaubigt ist es meinerseits durchaus als wahr,
doch geb' ich zu, es mutet allerseltsamst an.

Ich ging allein durch winterlich verschneites Feld,
der Stille froh und seelgesunden Einsamkeit,
nur ein paar Krähen krächzten einmal ihren Gruß,
als plötzlich hinterm Ohre mir ein Schneeball saß,
und dergestalt, als hätte er ein Recht darauf
und wiche nun und nimmermehr von diesem Platz.
So hinterhaltiger Bosheit, wer versieht sie sich
in einer menschenleeren Öde? Nimmer ich.
Doch schon erkürt ein zweites Wurfgeschoß den Rand,
den schöngeschweiften, meines Hutes sich als Ziel,
schwerwuchtend, ein geballter Klumpen, liegt er da.

Verträglichen Gemütes mit den Jahren mehr
und alles gern gerechten Sinnes wägend, schien
doch hier zu sittlichem Protest mir Grund genug.
So wandt' ich mich entrüstet, als ein dritter Ball
die Männerbrust, die zorngemute, dröhnend traf.
Und hingespreizt mit jungenhaftem Grinsen stand
der Frechling da, die Hände in den Hosentaschen jetzt,
und höhnte mich. Es wickelte ein grüner Schal,
ein graugestrickter, zweimal sich um seinen Hals,
und eine Pudelmütze - fast verspürt' ich Neid -
bekrönte glorreich seinen feuerroten Schopf.
Doch war er keinesweges häßlich anzusehn,
ein frischer Bursch. Schon sänftigte mein Ärger sich,
als aus den Hosentaschen er gelassen und
mit stiller Freude wieder beide Hände nahm,
um spöttisch fingernd eine Nase mir zu drehn.
Das ging zu weit. Schamloser! schalt ich laut und warf
blindlings nach ihm mit einem rasch geformten Ball,
den Arm ihm streifend. Aber ihm erschien es Scherz.
Geübten Wurfs verteidigte er wacker sich,
und seiner ersten Kugeln eine wirbelte
vom Kopf mir den zerbeulten Hut. Er stak im Schnee.
Und barhaupt focht ich weiter, jach entflammten Grimms.

Um Trojas Mauern tobte heißer nicht der Kampf.
Hin stürzte Hektor. Dreimal schleifte Priams Sohn
rund um die Feste racheschnaubend da Achill.
Befürchtete mein Gegner grausend gleiches nun?
Jäh wandt' er sich, ein junger Hirsch, feldein zur Flucht.
Wild flatterte im Winde der gestrickte Schal,
der graugestreifte, eine ganze Weile noch,
indes ich stand und mühsam nach Atem rang.

Was aber auf zerstampftem Schlachtgefilde lag,
unkenntlich fast, ein schwarzer Wuschelwust, und bot
als Beute dem erstaunten Sieger einzig sich?
Nie brachte mindere Trophäe irgendwo
ein Kriegsheld heim. Die Pudelmütze las ich auf,
vertiefend mich in ihren Anblick ohne Stolz.
Durchs Futter zog sich weißen Linnens hin ein Streif;
zwar vielfach angefettet, auch durchfeuchtet jetzt,
wies er noch eine leserliche Tintenschrift.
Triumph! So gibt das Schicksal dich in meine Hand!
Nun soll dich deiner Mutter späte Rute noch
Respekt vorm Alter lehren, Wegelagerer!

Was aber las ich? Meinen eigenen Namen? Ja,
Vornam' und Zunam', beide, so mir angetauft,
die fleckenlos ich zu erhalten sechzig Jahr'
als Mensch und Bürger redlich mich beflissen stets.
Und wie ich steh und dumpfen Staunens also stier',
als wie in eines Abgrunds schauervollen Schlund -
Zweimal umwickelt steigt der graugestreifte Schal
vor meinem Geist mit klagender Gebärde auf:
Kennst du mich nicht, undankbar mein vergessend und
der unzertrennlichen Gefährtin deiner Jugend? Pfui!
Wer war's, der deines Kehlkopfs schwächliches Gebild
kräftig verschanzte gegen drohenden Katarrh?
Und wem verdanktest Rettung du, wenn unterm Schopf
dir oftmals einiges einzufrieren in Gefahr?

Vernichtet stand ich, voller Scham, und wußte jetzt,
warum trotz sehr gerechten Zornes immer ich
ein Wohlgefallen an dem Bengel wieder fand.
Mit mir, mit meiner Jugend hatt' ich einmal noch,
nicht schonend ihrer, einen guten Ball gekreuzt.
Sie floh, und wohl auf immer! - Du gesiebter Narr!
Einsamen Alters klage nun umsonst ihr nach.
Und zieh die Pudelmütze tief dir übers Ohr,
vielleicht, daß du - - Hier ließ ein rauher Windstoß mich
des Hutes jetzt gedenken, der im Schnee noch lag.
O weh! Ob die durchnäßte Kopfbedeckung nicht
mir Rheuma einträgt? Solches fürcht' ich sehr.

Ich schlich mich heim, bewegten Herzens lange noch
erwägend, was mir Wunderliches widerfuhr.
Jedoch, o Schreck! Zu Hause war die Mütze weg.
In allen Taschen suchte ich umsonst danach,
sie fand sich nirgend. Sicher liegt sie nun verwaist
am Weg, wenn ein gewitztes Krähenpaar nicht schon
zum warmen Nest für künftige Brut sie klug erkor.
Nicht scheint unwürdig ihrer dieses Schicksal mir,
wärmt wieder sie wie ehedem die Jugend doch,
nur fehlt mir das Beweisstück jetzt, das einzige,
das man sollt' gelten lassen mir selbst vor Gericht.
Jetzt heißt es: er wird greisenhaft, er faselt schon.


  Gustav Falke . 1853 - 1916






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