Gedichte.eu Impressum    

Gedichte, Lyrik, Poesie

Lebensblätter
162 Bücher



Richard Dehmel
Lebensblätter . 1. Auflage 1895



Vierter Klasse

Es rollt und rüttelt und dröhnt und stampft
und klirrt und rasselt und saust und dampft;
an kreisenden Feldern vorüber im Flug
durch Pommerns Ebne ras't der Zug.

Ich schaue und horche und weiß es kaum,
ich träume einen stolzen Traum,
wie Form geworden der Menschengeist
donnernd um Axe und Axe kreist...

Da schreit ein Kindchen neben mir
und übertönt das Eisentier.
Es klang so weh, mein Traum zerrinnt;
so blaß, so mager ist das Kind.

Im Wagen schwankt die Dämmerung,
und Gaslicht schwankt und Schattensprung;
aus rotgewürfeltem Bettchen sticht
so spitz heraus das kleine Gesicht.

Von Kisten und Kasten überdrängt,
von Säcken und Päcken eingezwängt,
schaukelt die Mutter ihr Kind zur Ruh
und summt ein Wiegenlied dazu.

Und rund herum, gedrückt und schwer,
verworrene Worte, hin und her;
Gesichter, furchig, knochig, stumpf,
und Menschendünste, dick und dumpf.

Zusammengeduckt mit Hab und Gut,
mit ihrem letzten Bischen Mut,
aus Polen und Preußen sitzen sie da
und wollen nach Amerika.

Nur wenn das Wörtchen "Drüben" fällt,
grünt eine ferne Hoffnungswelt,
und Alle atmen tiefer dann,
und Alle sehn sich nickend an.

Und durch ihr Seufzen, ihr Geschwärm,
durch Rädergepolter und Eisenlärm,
wie Stimmen der Erlösung, ziehn
der Mutter leise Melodien.

O heiliger Stall von Bethlehem,
dein Wunder ist noch heut zu sehn,
wenn eine Wöchnerin beglückt
ihr Kind in Armut an sich drückt!

Nun schläft's; nun hüllt sie's ein recht warm
und legt's behutsam aus dem Arm
und lehnt sich müd an ihren Mann
und sieht ihn bang und liebreich an.

Und er versteht den Mutterblick
voll Sorge, Furcht und Mißgeschick,
und mit der breiten Schwielenhand
zeigt er hinaus ins finstre Land:

"Sei ruhig, Marie, du wirst schon sehn,
da drüben wird Alles anders gehn,
da schaff' ich uns eigen Feld und Vieh,
da wirst du wieder gesund, Marie.

"Du brauchst nicht leben wie ein Hund,
ihr werdet Beide wieder gesund,
und unser Kind hat, wird es groß,
im neuen Land ein besser Loos!"

Und Sorge, Furcht und Mißgeschick
vergehen in dem Einen Blick,
mit dem sich diese Bauernseelen
von ihrem Kinde stumm erzählen...

Es rollt und rüttelt und stampft und staucht
und klirrt und rasselt und keucht und faucht;
durchs wirbelnde Dunkel in rasendem Flug
saust weiter und weiter der jagende Zug.

Ich horche und horche und weiß es kaum,
ich träume einen gläubigen Traum,
wie Glück begehrend der Menschengeist
empor zu neuen Formen kreist...

Im Wagen, schweigend, schwebt die Nacht,
der Schlaf schwingt seine Spindel sacht;
die Bäuerin ist eingenickt,
aufs Knie des Mannes hingebückt.

Der sitzt noch wach mit mir allein,
wir kucken uns still in die Augen hinein,
bis uns der Blick die Zunge löst
und hin und her das Flüstern döst.

Und er erklärt mir, wie es kam,
daß sie verkauften ihren Kram,
und wie sie der Agent gedingt,
der nun sie in den Urwald bringt.

Es war kein neues Wort dabei,
es war die alte Litanei
von saurem Schweiß und Hungerlohn,
an der nur neu des Jammers Ton.

"Und wie dann gar noch Weib und Kind
mir schwach und krank geworden sind,
da haben wir endlich das Schwerste gewagt,
dem Dörfchen Lebewohl gesagt.

"Und hat sie auch zuerst geweint,
so hat sie doch zuletzt gemeint:
fällt's uns auch schwer, wenn nur das Kind
ein ander Loos als wir gewinnt!"

So schwinden Stationen im Fluge vorbei
und Glockensignale und Kellnergeschrei,
und bleicher tanzen die Lichter schon:
der Morgen steigt auf seinen Thron.

Und um uns her bewegt es sich
und reckt und dehnt und regt es sich,
und langsam werden Alle wach
und blinzeln in den jungen Tag.

Ein Tag von jenen, glanzgeküßt,
an denen jeder Halm uns grüßt
und jeder Sonnenstral das Herz
zum Lachen zwingt trotz Not und Schmerz.

Die Fenster nieder, Luft und Licht,
und Alle drängen sich dicht bei dicht
und zeigen hinaus, wo stromumblinkt
mit Türmen und Masten Hamburg winkt.

Die Mutter aber, still im Schwarm,
nimmt sanft ihr Kindchen in den Arm
und nimmt das Tuch ihm vom Gesicht
und - da: was stiert sie und küßt es nicht?

Was stiert und stiert sie, daß mir graut!
Da löst sich ein erstickter Laut,
da liegt's im Schooß ihr starr und tot,
der Vater stammelt: Barmherziger Gott!

Im Wagen, plötzlich, wird es stumm,
die Bauern sehen scheu sich um.
Manch Auge zuckt. Die Mutter wimmert:
mein Kind, mein Kind! Manch Auge flimmert...

Es kreischt die Maschine, es stockt ihr Lauf,
die Schaffner reißen die Thüren auf.
Ich stehe im brausenden Bahnhofsraum,
da rast das Leben, es gilt kein Traum.

Es gilt, daß man sich ganz gesteh,
wie unbekümmert um Glück und Weh
Form begehrend der Menschengeist
um seine ewige Axe kreist.


  Richard Dehmel . 1863 - 1920






Gedicht: Vierter Klasse

Expressionisten
Dichter abc



Dehmel
Aber die Liebe!
Lebensblätter
Weib und Welt
Schöne wilde Welt

Intern
Fehler melden!
AGB

Internet
Literatur und Kultur
Autorenseiten
Internet







Partnerlinks: Internet


Gedichte.eu - copyright © 2008 - 2009, camo & pfeiffer

Vierter Klasse, Richard Dehmel