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Lebensblätter
162 Bücher



Richard Dehmel
Lebensblätter . 1. Auflage 1895



Knecht Ruprecht und die Christfee

treten in die Weihnachtsstube.

            Ruprecht

wendet sich an die Kleinen:

Ich bin der alte Weihnachtsmann,
ich hab ein'n bunten Pelzrock an,
mein Hut ist steif
von Schnee und Reif.

Ich komm weit hinter Hamburg her
mit langen Stiefeln durchs kalte Meer,
meinen Mummelsack
huckepack.

Er nimmt den Sack von der Schulter und stellt ihn vor sich auf den
Boden.

Da sind viel gute Sachen drin,
Nüss und Aepfel und große Rosin'n,
ich bin ein lieber Mann,
seht an!

Er öffnet den Sack und langt dabei verstohlen die Rute aus dem
Gürtel.

Ich kann aber auch böse sein,
dann fahr ich mit der Rute drein
und schüttel den Bart:
na wart't!

Nein, seid nicht bang - seid lieb und fein,
seid wie mein schön jung Schwesterlein!
Ist die euch hold,
schenk ich, was ihr wollt.

            Die Christfee

in weißem Kleid und Schleier, mit Engelsflügeln und Sterndiadem,
dunkeläugig, von orientalischer Schönheit, in der Linken
einen Tannenzweig haltend, wendet sich an die Großen:

Ich bin aus einem hellen Lande,
da wächst und blüht ein Baum, um den
wir all in stralendem Gewande
mit silberweißen Flügeln stehn.

Der Baum ist grün, grün ohne Ende,
und seine Höhe mißt kein Sinn,
und seine Zweige sind wie Hände,
die strecken sich nach Jedem hin.

Der Baum trägt viele tausend Kerzen,
und jede ist der andern gleich,
und ihre Flammen sind wie Herzen,
die leuchten klar und warm und weich.

Er hängt voll Gold bis in die Spitze,
und seine Jahre zählt kein Mund,
und seine Wurzeln sind wie Blitze,
die dringen in den härtesten Grund.

O komm, komm! tausend Stühle warten,
dein goldner Apfel pflückt sich leicht,
denn Jedem offen steht der Garten,
wer sinnt, wie man den Baum erreicht.

            Ruprecht

hat inzwischen die Teller der Kinder mit Pfefferkuchen, Nüssen
u. s. w. gefüllt und tritt nun zu der kleinen Detta:

Möchtest du wol in den Garten,
wo so schöne Aepfel warten?
Ja? - Dann du mußt fein
achtsam sein.

Mußt dich nicht so wild geberden,
mußt so wie die Christfee werden;
es ist garnicht schwer,
kuck mal her!

Brauchst nur auf dich aufzupassen,
dir zwei Flügel wachsen lassen,
bis du groß bist - ah,
dann sind sie da.

            Die Christfee

zum kleinen Heinz, aus Ruprechts Mummelsack ein Schaukelpferd mit
Klingelleine nehmend:

Und du, mein kleiner Heinzelmann,
bist wol schon im Himmel?
Hör dir mal dies Glöcklein an,
bimmel bimmel bimmel!

Du, du sollst einmal den Hut
vor dem Baume schwingen,
wie mein Bruder Ruprecht thut,
sollst uns Kerzen bringen.

Schirr dir deinen Goldfuchs an,
hopp! so lernt bei Zeiten
unser kleiner Heinzelmann
hui ins Weite reiten.

Hier können, je nach Mehrbedarf, weitere Bescherungsreime eingeflickt
werden; das eigensinnigste Balg kommt zuletzt an die Reihe.

            Ruprecht

zur Detta, indem er eine Badewanne mit nackter Badepuppe aus dem
Sack nimmt:

Na, mein Unband? Schürzchen auf!
du sollst auch was krigen;
sollst im Schooß
nackt und bloß
den Weihnachtsengel wiegen.

Sollst ihn wiegen, sollst ihn waschen
wie dich selbst so glau;
wird er bald vor Freude hüpfen,
wird zu dir ins Bettchen schlüpfen,
kleine Frau.

            Die Christfee:

Und halt ihm ja das Herzchen rein,
daß seine Flügel recht gedeihn
und glänzen.
Dann darfst du über Tag und Jahr
dir dein Haar
mit Meinem Kranz bekränzen.

Darfst dann selig sein auf Erden,
wirst dann selbst ein Lichtlein werden
auf dem goldnen Baum;
wirst das Blümlein dir gewinnen,
dem wir jetzt ein Lied beginnen,
Lied aus Tag und Traum.

Sie hebt an, Alle stimmen ein und singen nach bekannter
Volksweise das Weihnachtslied:

Uns ist ein Reis entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art;
und hat ein Blümlein bracht,
mitten im kalten Winter,
wol zu der halben Nacht.

Das Blümlein war so kleine
und duftet doch so süß,
mit seinem milden Scheine
verklärt's die Finsternis;
und blüht uns immerdar,
tröstet die Menschenkinder,
holdselig, wunderbar.

Ein Stern mit hellen Gleisen
hat es der Welt verkünd't,
den Kindlein und den Weisen,
wie man dies Blümlein find't;
nun ist uns nicht mehr bang,
seit aus der dunklen Erde
solch köstlich Knösplein sprang.

            Die Christfee

den Tannenzweig zum Segen erhebend:

Fühlt denn, wie aus zweien Landen
Bruder sich und Schwester fanden:
Ruprecht, gieb mir deine Hand!
Ich aus Morgen, Er aus Abend,
Ich im Silberkleid, Er trabend
in verwittertem Gewand.

Beugt euch Ihm, dem Ueberlegnen:
er kann wirken, ich nur segnen,
er bringt Frucht, ich will nur Licht.
Ich aus Süden, er aus Norden,
seine Welt ist stark geworden -

            Ruprecht

ihr den Mund zuhaltend:

ja, daß sie mich fast unterkrigt;
Schwesterchen, blamir mich nicht!
Komm! Lebt wohl bis nächstes Jahr,
lebt Alle wohl -

            Die Christfee
mit dem Zweige Abschied winkend:

lebt klar...

Sie schreiten Hand in Hand hinaus.


  Richard Dehmel . 1863 - 1920






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Knecht Ruprecht und die Christfee, Richard Dehmel