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Lebensblätter
162 Bücher



Richard Dehmel
Lebensblätter . 1. Auflage 1895



Jesus und Psyche

Phantasie bei Klinger.

                Peró non mi destar! deh, parla basso!
                    MICHELANGELO.


Der Raum ist groß wie eine Scheune,
ist ganz voll Licht,
da zeichnet er, da meißelt er, da malt er,
du fühlst, er braucht so großen Raum:
KLINGER.

Und wenn das Glück dich wie ein Schreck befällt,
daß du kein Wort weißt, das von Herzen kommt,
so stand ich.
Allein. Doch neben mir saß Zeus,
der neue Zeus, von Antlitz und Gestalt
BEETHOVEN gleich, und in den Abgrund
der Welt und Menschheit starrt sein Schöpferblick
herab vom Thron der Sünde und Erlösung,
daß sich der Adler ihm zu Füßen sträubt,
erwartungsvoll.

Still! atme kaum! Dort drüben schimmert noch
im Abendschein der alte Göttergarten,
der Gipfel des Olympos flammt von Farben,
buntsäulig ruht im Glanz der fernen Luft
ihr Tempelhaus; es ruht zerfallen; aber
die Pinien und die Lorbeern und die Palmen
drängen sich immergrün wie einst zu Thal,
am Strand des blauen Meeres glühn und duften
des Südens große wilde Blumenbüsche,
die Götter alle sind versammelt, und
unter sie tritt Jesus.

Sie sahn ihn kommen; immer größer kam er,
der hagre Mann, den Blick zu Boden, langsam,
als ob sein Fuß den Wiesenrasen schonte,
im gelben Seidenkleid, das goldgestickt
wie eines priesterlichen Königs Kleid schien
und Spuren wie von Blut zeigt, - warum kommt er
nicht nackt zu ihnen, wie sie selber sind?!
Und streng verhüllt gleich ihm, tragen drei Frauen
ein schweres schwarzes Kreuz ihm nach.

Jetzt senken sie's, ihr schwesterlicher Schritt
stockt: Jesus sieht die Götter an.

Weh uns! Der wilde Amor weicht empört,
entsetzt zurück vor diesen Augen: Psyche,
weh, Psyche, flieh! Doch seine Psyche fällt
mit seligem Schrei dem Eindringling entgegen,
weh, kniet vor ihm, - Psyche, der Götterliebling,
vor Ihm, - umklammert ihm die Rechte, küßt sie,
küßt diese grauenhaft blutstriemige Narbe
der magern Hand, stammelnd und schluchzend: Mein,
mein Herr und Heiland!

Verwundert lauscht mit zuckenden Flügelchen
der aufgescheuchte Schwarm der Amoretten
aus einer Uferpalme; Hermes hat
sich abgewandt und neigt den weißen Stab;
Nymphen und Satyrn wälzen sich im Gras,
daß jene Frauen fraulich-tief erröten,
indessen abseits die Olympierinnen
kaum wissen, was geschieht, so stehn sie da,
Juno in hoher Selbstzufriedenheit,
Athene, selbstbewußt in sich versunken,
und Venus, in sich selbst verliebt,
Jede im Wohlgefühle ihrer Nacktheit,
schamlos und lieblos, herrlich.

Die Sonne taucht ins Meer, die Götter schweigen;
und Jesus, Psyche überschattend, heftet
den Blick auf Zeus. Der sitzt, zu Tode stumm,
auf seiner Marmorbank. Die greisen Glieder
versagen ihm den Zorn. Die alten Augen
erstarren vor der Nacht im Auge Jenes.
Er hört nicht, wie der Knabe Ganymed
sich an ihn schmiegt und ängstlich flüstert: Vater,
was will der fremde Zaubrer hier? - Zeus stirbt.
Und hinter ihm, indeß er umsinkt, schleppt
Eleosyne, die mitleidige
Verachtetste der Göttinnen, mühselig
den kranken Mars her und will auch zu Jesus,
und wieder hör' ich Psyche's Inbrunst stammeln:
mein Herr und Heiland!
und fühle ihren keuschen Schmerz, und fühle
ihr nacktes Warten, wie sie kniet und weint
und aufstehn möchte, und es wundert mich,
daß man das Gras nicht sieht durch ihren Körper,
so fast verzehrt von langer Sehnsucht ist er,
so abgehärmt die blassen jungen Brüste -
sah das der tote Göttervater nicht?!

Sie zittert. Psyche! Weib, wer bist du? Sprich!

Ich horche auf: aus einer Rosenhecke
antwortet mir Gelächter, übermütig
tritt auf den Plan Bakchos-Dionysos,
Blüten im Haar, sein Pantherfell in Fetzen,
hoch in der Hand den hellen Tafelkelch
voll dunklen Weines, drin der Widerschein
des letzten Sonnenfunkens blutrot schwankt,
und nickt mir zu und hält ihn mir entgegen:
trink, Jesus, trink!

Und langsam streckt sich meine Linke vor
und will ihm wehren, aber Psyche küßt
noch brennender die Narbe meiner Rechten,
und langsam muß sich meine Linke wenden,
und nickend nehm ich meinem Bruder Bachus
nun ab den Kelch und setz ihn an die Lippen,
und ziehe meine Psyche an mir hoch,
und setze nun den Kelch an Ihre Lippen:
Trinke, das ist mein Blut! - Und Psyche trinkt.

O, wie sich ihre bleiche Stirne rötet,
sich ihre Brüste mir entgegenheben!
doch weinend reicht sie mir zurück den Kelch.
Da pack ich ihre Hand und schüttle sie,
hoch fliegt das leere Glas: in blitzendem Bogen
zerklirrt's zu Scherben an der Marmorbank
des toten Zeus.

Ich aber ziehe meine Psyche an mich
und schlage meinen Königsmantel um sie
und spreche: Weine nicht, mein Liebling, komm!
So steig' ich mit ihr auf den Sitz des Zeus
und lege meine Dornenkrone ab:
heut feiert Jesus seine Hochzeitsnacht!
Auf, Bruder Bachus, schwinge deinen Thyrsos!
Ihr Fraun, legt hin das Kreuz! Olympierinnen,
nehmt eure blassen Schwestern bei der Hand:
du, Juno, Die im blau-verblichnen Kleid,
die mit dem Glaubensblick! Athene, du
verbindest dich der Grünverschleierten,
die so voll Hoffnung blickt! und du, Frau Venus,
fasse den Purpur jener Blassesten,
jungfräulich blickenden, sie heißt Die Liebe -
dann jauchzt: der Bräutigam ist da!

Auf, ihr Unsterblichen, zum Hochzeitsreigen!
Eleosyne soll mit Amor tanzen,
seht, wie das dunkle Meer von Sternen hüpft,
Mars, stehe auf und wandle, und sei mein!
Und lasset auch die Kindlein zu mir kommen:
geh, Ganymed! heißa! die Amoretten
warten auf dich! tanzt euern Ringelreihn!

Du aber, Hermes, nimm den toten Zeus
und trag ihn sanft hinüber vor den Thron
des neuen Zeus, den Ich errichtet habe,
und neige deinen weißen Stab vor Jenem
und bitte ihn:
Spiel uns, du Göttlicher, dein Hohes Lied,
das hohe Lied der Sünde und Erlösung,
das hohe Freudenlied der Welt und Menschheit,
das hohe Lied der Neunten Symphonie!

Dann wird sein Adler rauschend sich erheben,
still spannt er über uns die Fittiche
und lauscht herab auf uns, wie wir erschauern,
Du, meine Psyche, und dein Jesus, Ich,
in unsrer hellgestirnten Hochzeitsnacht.
Auf, ihr Unsterblichen, auf, tanzt und singt,
singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
morgen ist wieder Tag, die Sonne stirbt nicht,
komm, Psyche, komm!

Doch schaudernd lehnt sich Psyche von mir weg
und starrt mich an mit Augen, daß mich friert,
so rätselhaft voll Furcht, voll Sehnsucht - Psyche!
Geliebte! Psyche! Du, wer bist du?! - "Du"
sprach laut mein Mund die Antwort meines Herzens,
ein Echo huschte durch den großen Raum,
so stand ich.
Allein. Und stand und bebte vor dem Meister,
der Solches in mir schuf.

Endlich ermannt ich mich von seinem Werk
und wagte wegzusehn; da fiel mein Blick
auf einen großen, graugetrockneten
Stranddistelstrauß, um den sich ein vergilbtes,
einst brennend rotes Seidenband herabschlang,
das einzige Stück Erinnrung in dem Raum,
wo alles Uebrige von Zukunft zeugte.
Die Sonne schien darauf und ließ noch Spuren
des zart blaugrünen Purpurschmelzes ahnen,
der einst die frischen Stacheln schmückte
                        ... still!
die Thür ging, Er trat ein, der Maler, Zeichner
und Bildner Unsrer Psyche - KLINGER - und
da mußt ich denken: Welche Frau ihm wol
einst diesen Strauß geschenkt hat? Denn es giebt
Frauen, die solche Sträuße schenken...


  Richard Dehmel . 1863 - 1920






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