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Lebensblätter
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Richard Dehmel
Lebensblätter . 1. Auflage 1895



Ballade

Ueber Rußlands Leichenangesicht
faltet hoch die Nacht die blassen Hände;
auf das stumme, weiße, kalte Antlitz
funkeläugig starrt die Nacht und lauscht.
Heiser kommt ein Geläute.

Dumpf ein Stampfen von Hufen, fahl flatternder Reif,
ein Schlitten knirscht, die Kufe pflügt
stiebende Furchen, die Peitsche pfeift,
es dampfen die Pferde, Atem fliegt;
flimmernd zittern die Birken.

"Mensch, was hörtest du von Bonaparte!"
Und der Bauer horcht und will's nicht glauben,
daß da hinter ihm der steinern stille
Fremdling mit den harten Lippen
Laute so voll Trauer sprach.

Antwort sucht der Alte, stockt und starrt,
starrt und staunt mit frommer Furchtgeberde:
drohend taucht im Osten aus der Erde,
brandrot, eine hochgeballte
Faust, der Vollmond in die Nacht.

Düster wie von Blutschnee glimmt die lange Straße,
wie von Blutfrost perlen die blanken Birken,
wie von Blut umtropft sitzt Der im Schlitten.
"Mensch, was sagt man von dem großen Kaiser!"
Düster schrillt das Geläute.

Die Glocken rasseln, der Bauer starrt,
es klingt, es klagt, hohl rauscht's im Schnee,
und schwer nun, feiervoll und sacht,
wie uralt Lied so dumpf und weh,
tönt Wort auf Wort ins Oede:

"Groß am Himmel stand die schwarze Wolke,
fressen wollte sie den heiligen Mond,
doch der heilige Mond steht noch am Himmel
und zerstoben ist die schwarze Wolke.
Volk, was weinst du?

"Trieb ein stolzer, kalter Sturm die Wolke,
fressen sollte sie die stillen Sterne,
aber ewig blühn die stillen Sterne,
nur die Wolke hat der Sturm zerrissen,
und den Sturm verschlingt die Ferne.

"Und es war ein großes, schwarzes Heer,
und es war ein stolzer, kalter Kaiser;
aber unser Mütterchen das heilige Rußland
hat viel tausend tausend stille warme Herzen,
aber ewig lebt das Volk!"

Hohl verschluckt der Mund der Nacht die Laute,
dumpfhin rauschen die Hufe, die Glocke wimmert;
auf den kahlen Birken flimmert
rot der Reif, der mondbetaute.
Den Kaiser schauert.

Durch die leere Ebne irrt sein Blick:
über Rußlands Leichenangesicht
faltet hoch die Nacht die blassen Hände,
hängt der große, rote, dunkle Mond,
eine blutige Thräne - "Gottes".


  Richard Dehmel . 1863 - 1920






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