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Die singende Sünde
162 Bücher



Georg Busse-Palma
Die singende Sünde . 1. Auflage 1905



Ungarn

I.
Gänseliesel

Ein Kind an Geist, ein Kind an Jahren,
Und doch schon wert, daß man dich küßt!
Kaum kann der kurze Rock bewahren,
Wie liebliches darunter ist.

Oft, wenn du dich beim Feuermachen
Zur niedren Ofentür gebückt,
Hab' durch verschobne Untersachen
Ich mehr noch als ein Knie erblickt!

Und einst am Teich, als du zum Bade
Abwarfest Hemdchen und Gewand,
Wie Frühlingsroggen hoch und grade
Die junge Brust darunter stand.

Da mußt' mein Blut wohl schneller fließen. -
Nur deine Jugend hielt mich ab! -
Um nicht Verbotnes zu genießen,
Nehm still ich nun den Wanderstab.

Ich geh' von dir, doch wenn nach Jahren
Du selber fühlst, du selber liebst,
Dann komm' ich wiederum gefahren
Und seh', ob du dieselbe bliebst!

Und was ich heut bei Bad und Bücken
Nur heimlich und von fern erblickt:
Als reife Frucht will ich dann pflücken,
Was mich als Knospe schon entzückt! ...


II.
In der Ferne

Die erste Weidenflöte blies.
Bei Gott, ich hört' sie klingen!
Nun schwillt mein Herz ein Sehnen süß,
Ein Sehnen zum Zerspringen!
Ich weiß, es müssen Veilchen blühn
Schon irgendwo im Grünen,
Und Augen, die mich zu sich ziehn,
Zwei Augen gleichen ihnen!

Es liegt ein Dorf viel Meilen weit
In fremder Sprach' und Sitte.
Ein ganzes Rudel Kinder schreit
Dort froh aus einer Hütte.
Das kleinste hab' ich oft gewiegt
Und hielt es oft im Schoße,
Beglückt, wenn sich an mich geschmiegt
Dann zärtlich auch die große!

Auch die sprang noch in keckem Lauf
Recht kindlich durch die Blüten,
Und flog im Wind ihr Röcklein auf -,
Mein Gott, wer konnt's verhüten?
Nur wenn ihr Aug' zu meinem kam
Das töricht dann mitunter,
Schlug sie in späterwachter Scham
Die Wimpern schon herunter.

Ihr dunkles Mäuschen unterm Arm,
Wie das mein Herz erschreckte,
Wenn sie des Mittags sonnenwarm
Sich faul und wohlig reckte!
Dann hob sich unterm dünnen Kleid
Die junge Brust auch höher,
Und ich sah künft'ge Seligkeit,
Ein visionärer Späher!

Bald wird von meinem Von-ihr-gehn
Der Jahrestag erscheinen.
Sie darf wohl nicht im Feld mehr stehn
Mit nackten, braunen Beinen.
Der Jungfer ward ein Kleid gemacht,
Das bis zum Fuß gemessen,
Und mit der Gänselieseltracht
Ward ich wohl auch vergessen.

Ich aber, ich vergeß sie nicht
Und will nur sie alleine.
Ich seh' im Schlaf ihr süß Gesicht,
Am Schreibtisch und beim Weine.
Mein Herz, das schon so viel verließ,
Kann ihr sich nie entringen
Und trägt ein Sehnen bang und süß,
Ein Sehnen zum Zerspringen! - -


III.
Unschlüssig

Ach in dieser Tage Treiben
Schwillt mein Herz so unruhvoll.
Soll ich wandern, soll ich bleiben?
Sagt mir, was ich wählen soll!

Soll ich heim zu Lottchen streben,
Die vielleicht schon andern lacht?
Oder hier der Hoffnung leben,
Daß mich Liesel glücklich macht?

Jede Nähe wirkt berückend:
Winkt sie, denk' ich nur an sie.
Aber heimlich Veilchen pflückend
Beug' für Lottchen ich das Knie.

Welche laß ich, welche wähl' ich?
Gute Sterne, sagt mir's an!
Oder ob ich etwa selig
Gar bei Gretel werden kann? - -


IV.
(Resumee)

Wem Sehnsucht seine Brille hält,
Der sieht oft sondre Lichter.
Auch hier trug ein Kartoffelfeld
Orangen für den Dichter. -


  Georg Busse-Palma . 1876 - 1915






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