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Erlebte Gedichte
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Otto Julius Bierbaum
Erlebte Gedichte . 2. Auflage 1903



Rathskellergelöbniss

Graue Nebelsäume von den feuchten
Riesenregenmänteln der Giganten,
Die sich oben schwere Wolkenballen
An die Schädel schleudern, schleppten träge
Durch die tristen Strassen, regenträchtig.
Dass die Sonne irgendmal geschienen,
Dass ein Vogel irgendmal gepfiffen,
Dass es irgendmal geblüht in Düften,
Und dass irgendmal mein Herz geliebt:
Ganz unglaublich schien mir der Gedanke.
Und ich warf um mich den Wettermantel,
Drückte in die Stirne mir den Schlapphut,
Streifte hoch die Unaussprechlichen
Und begab in düstren Monologen,
Quersprungeilig Pfützenbäche nehmend,
Mich zum Porterhafen: Rathhauskeller.
Betti schwieg heran mit den Bouteillen,
Denn sie sah, ich war nicht hörelustig,
Zog mit leisem Gluck heraus den Pfropfen,
Setzte schweigend vor mich die Geschwister:
Den brünetten Porter, den Matrosen,
Der zu Boden boxt die stärksten Männer,
Und das milde, blonde Fräulein Ale,
Das so leis dich nimmt in seine Arme,
Bis dir dumpfer Schlaf Vergessen schaukelt.
Auf dem weissen Linnen, mir vor Augen,
Hinter dem Geschwisterpaar der Flaschen
Stand die Glitzerreihe schlanker Gläser,
Drüben baute sich in grünem Glänzen
Massig auf der dicke Kachelofen.
Ringsum Gläserklirren, Tellerklappern,
Stimmenschwirren, Hin und Her und Lachen;
Unten stampft die Dynamomaschine,
Die das weisse Licht uns fleissig spendet.
Schweigend sass ich in dem Lärm und träumte.
Blauen Himmel sah ich, grüne Wiesen.
Stand die gelbe Sonn' am blauen Himmel,
Rothe Blumen standen auf der Wiese.
Und ich ging mit meinem blonden Mädel.
Hatte blaue, himmelblaue Augen,
Hatte sonnengelbe, goldene Flechten,
Hatte blühendrothe, heisse Lippen.
Und es sprach zu mir das goldene Mädel,
Leise Worte sprach sie, wie das Flüstern,
Das von Frühlingswinden durch die schwanken
Blüthenstengel geht und Riedgrashalme,
Und sie sprach in leisen Frühlingsworten.
Wo ein Komma stünde nach den Regeln
Der Grammatik, stand in diesen Sätzen
Warm ein Kuss, und wo der Punkt sich ziemte.
Kam Umarmung, pausenlang und innig.

Also gingen wir durch weite Wiesen,
Ueber uns der grosse Liebesorden,
Wie ein Symbolum: die goldene Sonne.
Und ich sprach zu meinem goldenen Mädel,
Sprach in heissen Worten, wie der Sommer,
Der die Rosen küsst, dass sie erbeben
Und die Blüthenköpfchen zitternd senken, -
Und sie zitterte wie eine Rose...

Träumte ich? Mir ging es durch die Seele
Wie ein Leben warmer Wirklichkeiten:
Was gewesen, wurde mir lebendig,
Todte Seligkeiten lebt ich wieder.

Braun und blond vor mir in bunter Reihe
Standen die Geschwister, dreigedoppelt,
Stampfend rief die Dynamomaschine:
Himmel, Herr, was ist das für ein Träumen!
Lebe doch! Und nicht bloss mit dem Herzen,
Leb mit Hand und Mund und allen Sinnen.
Sammle deinem Alter Stoff zum Träumen,
Aber, jung noch, lebe, lebe, liebe!

Aergerlich klang diese Stampfepredigt.
Und ich ging hinaus. Die Nebelsäume
Hatten sich gehoben, heller Abend
Strich mit lauen Winden durch die Strassen.
Fröhlich ward mein Herz, und ein Gelöbniss
Schlug in seinem blutquellheissen Pulsen:
Fort mit Träumen! Meine Jugend lebe!
Leben will ich, leben, leben, lieben!


  Otto Julius Bierbaum . 1865 - 1910






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