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Gedichte, Lyrik, Poesie

Erlebte Gedichte
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Otto Julius Bierbaum
Erlebte Gedichte . 2. Auflage 1903



Nachtfahrt im Frühling

Die keuchende Schlange der Schnelligkeit,
Der Dampfzug, schiesst durch die Frühlingsnacht.
Im süssen Erwachen aus kalter Ruhe
Aufathmet die Erde, feuchtwarme Winde
Schwellen sehnsüchtig, breit ausschwebend
Ueber die Fluren.
Blinzelnde Lichter gucken freundlich,
Schalkhaft gemüthlich und wie erstaunt,
Aus stillen Dörfern.
Jetzt sitzen sie dort am Abendtische
Und tauchen mit schwieliger Hand den Löffel
Reihum in die Schüssel.
Was aber jung ist, fühlt den Frühling,
Und den Verliebten glänzen seltsam
Ueber die Suppe hinweg die Augen,
Und unten telegraphieren die Füsse
Schnell verstandene Gefühle. -
Oh, dass ich ein Gegenüber hätte,
Mit welchem ich telegraphieren könnte!
Aber nur eine von jenen furchtbar'n
Gottesruthen, die hundertfältig
Nach allen Seiten des Erdrund's täglich
Ueber die Welt hinfegen, zur Seite
Jenes ominös-lacklederne
Waarenpacket und im Munde immer,
Immer und ewig dieselben schlechten,
Nicht wohlduftenden Witze und Zoten: -
Nur ein adonisisch glatter
Kaufmannsreisender, blaubezwickert,
Glotzt mich an mit dem Blicke der Wehmuth,
Welcher der Leinwandsbranche eigen.
Dieser Barbar, ich fürchte, berechnet
Unterhosenprozente, indessen
Draussen der Lenzwind tausend Keimen
Säuselnde Liebeserklärungen flüstert,
Oder mit mächtigem Wehen hinaufschwillt,
Auch den Sternen, den kalt-blasierten,
Die so unverschämt gleichgültig
Auf die bräutliche Erde blinzeln,
Laut zu künden den Drang der Liebe. -
Nächtiger Lenzwind! Sänge ich Hymnen,
Sicherlich schwöllen mir dithyrambisch
Hochbegeisterte Seligkeitsworte
Stürmisch flammend aus freudigem Herzen.
Aber, ach, unpathetisch ist leider
Meiner bescheidenen Lyra Grundton.
Ob ich auch manchmal überschwänglich
In die vergriffenen Saiten reisse,
Immer doch schnarrt aus dem tückischen Schallloch
Sehr perfid die höhnische Wahrheit:
"Schäkerchen, Freundchen, Du ruinierst mich!
Klimpre kleine Schelmenlieder,
Spiel dir hin und wieder schmunzelnd
Mal 'nen Hopser zur Ergötzung
Deines flatternden Gemüthes,
Säusle auch durch meine Saiten
Ueber Blauaugen, geheimnissvolle,
Ueber den Schwung kusslockender Lippen,
Oder auch über die heimliche Wonne
Einer grübchenreichen Patschhand, -
Aber lass mich um Gotteswillen
Mit pindarischem Schwung in Ruhe!
Solcherlei, Freundchen, vertrag ich nicht." -
Und so weht der nächtige Lenzwind,
Ohne von mir besungen zu werden. -
Aber er selbst singt ganz vorzüglich.
Ja, das heiss' ich wahrlich erhaben,
Wie volltönig gewaltig er einsetzt,
Wie er mühlos die Stimme aushält,
Welch gewaltige Melodieen
Rhythmisch und fessellos dennoch er aushaucht.
Süss zuweilen, wie ein italisch
Gluthverhaltenes Liebesständchen,
Oder so sehnlich und stillbeklommen
Voll geheimnissvoller Schwermuth,
Wie die Seele des slavischen Volkslieds
Aber seine Bravour erzeigt sich
Doch im germanischen Heldensange,
Wenn er Sehnen und Säuseln vertönt hat
Und in brausenden Mannheitsrhythmen
Jubelnd und furchtbar seine Stimme
Ueber die bräutlich zagende Erde
Riesig dahindröhnt. -
Brausewind Lenz, der Lyriker Grösster
Bist du, und Keiner hat dich bezwungen
All' der tausend Menschensänger,
Denen ein Hauch von dir im Herzen
Schwoll und auf den Mund sich drängte.
Singe mich ein in schimmernde Träume,
Brause auch mir in die bangende Seele,
Dass ich zu meinen Erdenbrüdern
Reden könne in Frühlingsworten!
Brause mir ... aber da quiekt schon wieder
Elende Mahnung mir aus dem Schallloch:
"Schäkerchen, Freundchen!" - Und ich vernehme,
Wie der Leinewandene mächtig
Schnarcht, als ob man Barchent risse.
Muthlos fühl ich mich, schwach, unendlich
Machtlos... Durch die Frühlingswogen
Drängt sich prustend der eherne Dampfzug,
Und umsungen von höheren Weisen
Braus' ich entgegen dem innigen Willkomm
Eines wartenden Mutterherzens.


  Otto Julius Bierbaum . 1865 - 1910






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